Das 1967 von Seymour M. Lipset und Stein Rokkan entwickelte Cleavage-Modell hatte die Erklärung der Entstehung der Parteiensysteme Westeuropas zum Ziel. In ihrem Werk „Party Systems and Voter Alignments: cross-national perspectives” entwerfen sie hierzu ein Modell, das die Entstehung der Parteiensysteme in Westeuropa mit Hilfe von vier zentralen sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Konflikten („Cleavages“) und deren Transformation in das politische System erklärt (vgl. MIELKE 2001: 78). Diese Transformation ist in der Regel mit Einführung des Massenwahlrechts abgeschlossen und das entstandene Parteiensystem bleibt auch über längere Zeiträume relativ stabil (vgl. LIPSET/ROKKAN 1967: 50) Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Strukturen in den osteuropäischen Staaten im Jahr 1989 stellt sich die Frage, ob dasCleavage-Modellauch auf diese „neuen Demokratien“ anwendbar ist, oder ob die traditionellen Konfliktlinien in diesen Gesellschaften aufgrund jahrzehntelanger kommunistischer Herrschaft nicht mehr erkennbar sind oder ob sich möglicherweise neue Konfliktlinien herausgebildet haben. Dies soll am Beispiel des polnischen Parteiensystems geprüft werden.
Struktur des Inhaltsverzeichnisses
1. Einleitung
2. Das Cleavage-Modell von Lipset und Rokkan
2.1 Die Entstehung von Cleavages
2.1.1 Konfliktlinien durch die Nationale Revolution
2.1.2 Konfliktlinien durch die Industrielle Revolution
2.2 Die Umwandlung von Cleavage-Strukturen in ein Parteiensystem
3. Cleavages im polnischen Parteiensystem
3.1 Erste demokratische Phase 1918-1926
3.2 Das postkommunistische Parteiensystem Polens seit 1989
3.2.1 Die klassischen Cleavages
3.2.1 Neu entstandene Cleavages
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, inwieweit das von Lipset und Rokkan entwickelte Cleavage-Modell zur Erklärung der Parteiensystementstehung in Westeuropa auf die neuen Demokratien in Osteuropa, spezifisch am Beispiel des polnischen Parteiensystems, anwendbar ist.
- Theoretische Grundlagen des Cleavage-Modells nach Lipset/Rokkan
- Analyse der klassischen Konfliktlinien in der polnischen Demokratie 1918-1926
- Untersuchung der Persistenz klassischer Konfliktlinien nach 1989
- Identifikation neuer, transformatorischer Konfliktlinien in Polen
- Bewertung der Übertragbarkeit und Anpassung des Modells auf postkommunistische Staaten
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Konfliktlinien durch die Nationale Revolution
In der Phase der nationalen Revolution kommt es zum einen zu einem Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie, d.h. zum Konflikt zwischen einer zentralen nationenbildenden Kultur auf der einen Seite und dem wachsenden Widerstand von ethnischen, sprachlichen oder religiösen Minderheiten in den Provinzen und an der Peripherie eines Staates (vgl. LIPSET/ROKKAN 1967: 14).
Die zweite Konfliktlinie die sich in dieser Phase herausbildet ist die zwischen dem zentralisierenden, standardisierenden und mobilisierenden Staat auf der einen und den historisch etablierten Privilegien der Kirche auf der anderen Seite. Inhaltlich ging es hier um moralische Fragen und um die Kontrolle von gesellschaftlichen Normen, als Beispiel wird hier von Lipset/Rokkan der Streit um die Kontrolle des Bildungssystems genannt. Da die Bildung über Jahrhunderte fest in der Hand der Kirche war ergaben sich in der Phase der nationalen Revolution Konflikte mit dem aufkommenden staatlichen Bildungssystem in einem zentralisierten und säkularisierten Staat (vgl. LIPSET/ROKKAN 1967: 14 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Cleavage-Modell von Lipset und Rokkan sowie Darstellung der Forschungsfrage bezüglich der Anwendbarkeit dieses Modells auf das polnische Parteiensystem nach 1989.
2. Das Cleavage-Modell von Lipset und Rokkan: Erläuterung der Entstehung von Konfliktlinien durch nationale und industrielle Revolutionen sowie der Schwellen, die überwunden werden müssen, damit sich diese im Parteiensystem manifestieren.
3. Cleavages im polnischen Parteiensystem: Analyse der historischen (1918-1926) und postkommunistischen (ab 1989) Parteienlandschaft Polens unter Anwendung des Cleavage-Modells.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass das ursprüngliche Modell nur bedingt anwendbar ist und durch neue, transformationsbedingte Konfliktlinien ergänzt werden muss.
Schlüsselwörter
Cleavage-Modell, Lipset, Rokkan, Parteiensystem, Polen, Nationale Revolution, Industrielle Revolution, Transformation, Postkommunismus, Konfliktlinien, Solidarność, Modernisierungskonflikt, Demokratisierung, Parteienlandschaft, Systemwechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Anwendbarkeit der klassischen Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan auf den Prozess der Parteiensystembildung in Polen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung deckt die historische Entwicklung des polnischen Parteiensystems, die Definition von sozialen Konfliktlinien (Cleavages) sowie die Auswirkungen von sozio-ökonomischen Transformationsprozessen auf die politische Parteienlandschaft ab.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu prüfen, ob die in Westeuropa identifizierten Konfliktlinien nach 1989 in Polen fortbestehen, ob sie verschwunden sind oder ob sich durch die Systemtransformation vollkommen neue Konfliktstrukturen gebildet haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die den theoretischen Rahmen von Lipset/Rokkan auf empirische Daten und historische Entwicklungen der polnischen Parteienlandschaft anwendet und diese kritisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in das Cleavage-Modell, die historische Analyse der polnischen Parteien von 1918 bis 1926 sowie eine detaillierte Untersuchung der postkommunistischen Parteienentwicklung seit 1989 hinsichtlich klassischer und neuer Konfliktlinien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Cleavage-Modell, Parteiensystem, Polen, Transformation, Konfliktlinien, Postkommunismus und Modernisierungskonflikt.
Wie hat sich die Konfliktlinie zwischen Staat und Kirche nach 1989 in Polen entwickelt?
Die Kirche fungierte in den 1980er Jahren als Widerstandszentrum, was das Thema nach 1989 zunächst in den Parteien (z.B. ZChN) präsent hielt, sich jedoch in späteren Wahlen aufgrund abnehmender politischer Involvierung der Kirche wieder abschwächte.
Warum spielt der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie in Polen heute kaum noch eine Rolle?
Durch den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Beseitigung ethnischer Minderheiten sowie spätere Migrationsbewegungen ist Polen heute ethnisch sehr homogen, was die Grundlage für diesen klassischen Konflikt entzogen hat.
Was versteht man in der Arbeit unter dem „Modernisierungskonflikt“?
Dieser Begriff fasst die neuen Konfliktlinien zusammen, die sich primär aus den Herausforderungen der ökonomischen Transformation in den Kapitalismus und den damit verbundenen politischen Transitionsprozessen ableiten.
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- Lars Koch (Author), 2005, Das Parteiensystem Polens und das Cleavage-Modell von Lipset/Rokkan, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/47253