Wie lassen sich Verfahren der Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbrüche, die im Kontext einer zu erwartenden Krankheit des Kindes stattfinden, aus ethischer Sicht bewerten? Handelt es sich bei derartigen Aborten, wie Gegner behaupten, um ein diskriminierendes Selektionsverfahren von Behinderten? Besitzt vorgeburtliches Leben ein Lebensrecht oder kann das Töten von beeinträchtigten Embryonen und Föten ethisch begründet werden?
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Beantwortung dieser Fragestellungen, die unter der Bezugnahme des Präferenzutilitarismus Peter Singers und Helga Kuhses aus ihrem Werk "Muss dieses Kind am Leben bleiben? Das Problem schwerstgeschädigter Neugeborener" (1993) untersucht werden. Bereits zuvor wurden beide Autoren wegen ihrer kontroversen Thesen stark kritisiert. Singer wurden nicht nur eine Missachtung von Menschenrechten und eine diskriminierende Haltung gegenüber Behinderten vorgeworfen. Auch wurden Zitate aus seinem früherem Werk "Praktische Ethik" (1979) aus dem Zusammenhang gerissen, wodurch eine Parallele zwischen seiner partiellen Befürwortung der Euthanasie und dem Euthanasie-Programm im Nationalsozialismus hergestellt wurde.
Um die Ausgangsfragen zu beantworten, soll zunächst mithilfe von Sekundärliteratur der Begriff der Pränataldiagnostik genauer definiert und der rechtliche Rahmen, der bei Aborten gilt, geklärt werden. Anschließend folgt eine Skizze der allgemeinen ethischen Debatte um selektive Abtreibungen, an welche die wichtigsten Kernaspekte Peter Singers und Helga Kuhses Argumentation anknüpfen. Dazu zählen die Kritik an der Lehre von der Heiligkeit des Lebens, der Personenbegriff, die Interessenabwägung und Gegeneinwände zum Vorwurf der Diskriminierung von Behinderten durch selektive Abtreibungen. Während die Analyse der Pränatalen Diagnostik und der selektiven Schwangerschaftsabbrüche von zuverlässigen Positivergebnissen einer vorliegenden Anomalie der Schwangerschaft ausgeht, folgt im Fazit eine Zusammenfassung der Untersuchung sowie ihre kritische Betrachtung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pränataldiagnostik
2.1 Begriffsklärung
2.2 Rechtliche Lage eines Aborts nach einer positiven Diagnose
3. Selektive Abtreibungen
3.1 Ethische Debatte um selektive Aborte
3.2 Peter Singers und Helga Kuhses Präferenzutilitarismus
3.2.1 Heiligkeit des Lebens und Speziesismus
3.2.2 Unterscheidung zwischen Menschen und Personen
3.2.3 Interessenbefriedigung
3.2.4 Diskriminierung Behinderter durch selektive Abtreibungen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht aus ethischer Perspektive, inwieweit Verfahren der Pränataldiagnostik und selektive Schwangerschaftsabbrüche bei einer erwarteten Krankheit des Kindes zu rechtfertigen sind. Dabei steht die Anwendung des Präferenzutilitarismus nach Peter Singer und Helga Kuhse im Zentrum, um die moralische Bewertung von vorgeburtlichem Leben und die Auswirkungen solcher Entscheidungen auf die Betroffenen und die Gesellschaft zu analysieren.
- Ethische Bewertung der Pränataldiagnostik und selektiver Aborte
- Analyse des Präferenzutilitarismus von Peter Singer und Helga Kuhse
- Kritik an der Lehre von der Heiligkeit des Lebens und dem Speziesismus
- Differenzierung zwischen Menschen und Personen sowie deren Rechte
- Abwägung der Interessen von Familien und der Gesellschaft bei Behinderungen
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Unterscheidung zwischen Menschen und Personen
Helga Kuhse und Peter Singer thematisieren die Frage, unter welchen Voraussetzungen sich das Töten eines Lebewesens rechtfertigen lässt. Da eine eindeutige Grenzziehung zwischen der Zugehörigkeit zur Spezies und moralisch bedeutsamen Eigenschaften nicht möglich ist, treffen sie die Unterscheidung zwischen nicht-bewussten, bewussten und selbstbewussten Wesen sowie die Unterscheidung zwischen Menschen und Personen.
Die Autoren schließen sich Michael Tooleys Position an, indem sie ihm zustimmen, dass Lebewesen nur dann gewisse Rechte besitzen, wenn sie über dazugehörige Wünsche, Präferenzen oder Interessen verfügen. Dabei müssen nicht-bewusste Wesen grundsätzlich nicht in Handlungssituationen berücksichtigt werden, da sie keine Fähigkeit zur Empfindung vorweisen. Bewusste und selbstbewusste Lebewesen verfügen hingegen über ein Bewusstsein sowie Interessen. Somit besitzen sie Rechte, die es zu beachten gilt. Die Autoren wenden zudem ein, dass die Bezeichnung „Mensch“ lediglich die Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens ausdrückt, während der Begriff „Person“ selbstbewusste menschliche und nicht-menschliche Lebewesen umfasst. Diese verfügen über moralisch relevante Fähigkeiten wie Selbstbewusstsein sowie Zukunfts- und Vergangenheitsorientierung, wodurch sie dazu in der Lage sind, sich als eine fortdauernde Existenz wahrzunehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Pränataldiagnostik ein, erläutert deren medizinische und ethische Relevanz und definiert das Ziel der Arbeit, diese Verfahren mithilfe des Präferenzutilitarismus zu bewerten.
2. Pränataldiagnostik: Das Kapitel erläutert die fachlichen Grundlagen der pränatalen Diagnostik und klärt die rechtliche Situation bei Schwangerschaftsabbrüchen nach medizinischer Indikation.
2.1 Begriffsklärung: Hier werden die diagnostischen Methoden der Pränataldiagnostik definiert und in invasive sowie nicht-invasive Verfahren unterteilt.
2.2 Rechtliche Lage eines Aborts nach einer positiven Diagnose: Dieser Abschnitt beschreibt die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Schwangerschaftsabbrüche nach § 218 StGB, insbesondere unter Berücksichtigung der Beratungsregelung und medizinischer Indikationen.
3. Selektive Abtreibungen: Das Kapitel leitet in die Analyse selektiver Aborte über, die durch pränatale Diagnosen motiviert sind.
3.1 Ethische Debatte um selektive Aborte: Hier werden die zentralen ethischen Konfliktlinien wie die Schutzwürdigkeit vorgeburtlichen Lebens und der Vorwurf der Diskriminierung behinderter Menschen skizziert.
3.2 Peter Singers und Helga Kuhses Präferenzutilitarismus: Dieses Kapitel stellt die Kernargumente von Singer und Kuhse dar, um selektive Aborte aus der Sicht des Präferenzutilitarismus zu bewerten.
3.2.1 Heiligkeit des Lebens und Speziesismus: Die Autoren kritisieren die traditionelle Heiligkeit des Lebens als speziesistisch und plädieren für eine moralische Bewertung auf Basis individueller Fähigkeiten.
3.2.2 Unterscheidung zwischen Menschen und Personen: In diesem Teil wird die ethische Differenzierung zwischen der Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens und dem Personenstatus erläutert.
3.2.3 Interessenbefriedigung: Dieses Kapitel untersucht, wie Interessen von Betroffenen, Familien und der Gesellschaft bei der Entscheidung für oder gegen einen selektiven Abort abgewogen werden können.
3.2.4 Diskriminierung Behinderter durch selektive Abtreibungen: Hier wird der Vorwurf der Diskriminierung entkräftet, indem das Handeln der Eltern als vernünftige Abwägung ohne Abwertung von Behinderten gedeutet wird.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass selektive Aborte aus Sicht des Präferenzutilitarismus unter bestimmten Voraussetzungen rational und ethisch begründet werden können.
Schlüsselwörter
Pränataldiagnostik, Schwangerschaftsabbruch, Präferenzutilitarismus, Peter Singer, Helga Kuhse, Ethische Debatte, Selektive Abtreibung, Heiligkeit des Lebens, Personenstatus, Interessenabwägung, Diskriminierung, Behinderung, Speziesismus, Medizinethik, Menschenwürde
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Bewertung von Verfahren der Pränataldiagnostik und daraus resultierenden selektiven Schwangerschaftsabbrüchen im Falle von festgestellten Behinderungen oder Krankheiten des Fötus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die moralische Beurteilung von vorgeburtlichem Leben, die Kritik am Begriff der "Heiligkeit des Lebens", die Unterscheidung zwischen Mensch und Person sowie die Abwägung von Interessen der Familie und der Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die ethische Vertretbarkeit von selektiven Abtreibungen unter Bezugnahme auf den Präferenzutilitarismus von Peter Singer und Helga Kuhse zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse und Anwendung der utilitaristischen Theorie von Peter Singer und Helga Kuhse, insbesondere aus deren Werk "Muss dieses Kind am Leben bleiben?", um ethische Argumente in der Debatte um selektive Aborte zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die rechtlichen und fachlichen Rahmenbedingungen der Pränataldiagnostik, skizziert die ethische Debatte und wendet Singers und Kuhses Präferenzutilitarismus auf verschiedene Aspekte wie Interessenbefriedigung und Diskriminierungsvorwürfe an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Präferenzutilitarismus, Pränataldiagnostik, Personenstatus, selektive Abtreibung und Medizinethik geprägt.
Wie begründen Singer und Kuhse die Ablehnung der „Heiligkeit des Lebens“?
Sie lehnen diese als speziesistisch ab, da der bloße Wert der Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens ihrer Meinung nach rational nicht begründbar ist und nicht mit den moralisch relevanten Fähigkeiten eines Wesens korreliert.
Wie wird das Interesse der Familie in die utilitaristische Abwägung einbezogen?
Die Autoren argumentieren, dass die Belastungen durch die Geburt eines behinderten Kindes für die Familie so groß sein können, dass ein selektiver Abort zur Entlastung beitragen kann, um die Interessenbefriedigung aller Familienmitglieder zu wahren.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2019, Ethische Fragen der Pränataldiagnostik und selektiver Abtreibungen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/468339