Ziel dieser Arbeit ist es, Merleau-Pontys phänomenologische Theorie von Lernprozessen, die er vor allem in "Die Struktur des Verhaltens" beschreibt, mit der psychogenetischen Auffassung Piagets zu vergleichen, welche er in seiner "Theorie der gestiegen Entwicklung" zusammenfasst. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, welches die zentralen inhaltlichen Differenzen beider Autoren sind, die zu Merleau-Pontys kritischer Haltung gegenüber Piagets Lerntheorie führen. Da beide Verfasser im Lauf ihres Lebens verschiedene Werke veröffentlichten und ihre Positionen teilweise modifizierten, wird die Arbeit sich größtenteils auf die genannten Werke konzentrieren und auf eine umfassendere Untersuchung verzichten.
Dazu erfolgt zunächst eine kurze Einführung in die Denkweise der Phänomenologie, um im Anschluss Merleau-Pontys Auffassung von Verhalten und Lernen zu skizzieren, die Lernprozesse als sinnhafte Gestalten betrachtet. Im Folgenden werden die wesentlichen Kernpunkte von Piagets Lerntheorie beschrieben, die Lernen als Prozess innerhalb einer stufenartigen Konstruktion von kognitiven Strukturen begreift. Abschließend folgt eine Gegenüberstellung der Positionen, wobei vor allem auf die Rolle von Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozess, auf die unterschiedlichen Definitionen von Struktur und Gestalt, sowie auf die Bedeutung der Wissenschaft aus Sicht beider Autoren eingegangen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Lernen und Entwicklung aus Sicht der Erkenntnistheorie als Thema im 20. Jahrhundert
2. Zur Phänomenologie und phänomenologischen Methodik
3. Merleau-Pontys phänomenologischen Auffassung von Lernprozessen
4. Lernen und Entwicklung aus der Sicht von Piagets psychogenetischer Erkenntnistheorie
5. Merleau-Pontys und Piagets Theorien im Vergleich
5.1 Subjekt und Objekt im Prozess des Erkenntnisgewinns
5.2 Zum Begriff der Gestalt und Struktur
5.3. Die Rolle der Wissenschaft in der Erkenntnistheorie
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die phänomenologische Lerntheorie von Maurice Merleau-Ponty, wie sie in „Die Struktur des Verhaltens“ dargelegt wird, der psychogenetischen Erkenntnistheorie von Jean Piaget gegenüberzustellen, um die wesentlichen erkenntnistheoretischen Differenzen zwischen beiden Ansätzen herauszuarbeiten.
- Vergleich von phänomenologischen und psychogenetisch-konstruktivistischen Lernauffassungen.
- Analyse der Rolle von Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozess.
- Untersuchung der unterschiedlichen Begriffsverständnisse von „Gestalt“ und „Struktur“.
- Kritische Beleuchtung der Bedeutung wissenschaftlicher Objektivität in der Erkenntnistheorie.
- Gegenüberstellung der Ansätze hinsichtlich ihrer Annahmen über menschliches Verhalten.
Auszug aus dem Buch
3. Merleau-Pontys phänomenologischen Auffassung von Lernprozessen
Maurice Merleau-Ponty entwirft in seinem ersten großen Werk „Die Struktur des Verhaltens“ eine phänomenologische Sichtweise auf Verhalten und Lernprozesse. Dabei kritisiert er sowohl die physiologische Reflexlehre, als auch behavioristische Theorien vom bedingten Reflex und von Versuch und Irrtum. Da Merleau-Ponty Verhalten als Gestalt ansieht, die nicht durch die Zerlegung in ihre Einzelteile erklärt werden kann, scheidet die Physiologie, die genau dies tut, als angemessenes Erklärungsmodell für Verhalten aus. Behavioristische Theorien dagegen versuchen Lernen aus psychologischer Sicht dadurch zu definieren, dass Verhalten, für das die motorischen Bedingungen bereits gegeben sind, durch zeitliches Zusammentreffen mit einem Reiz an diesen gebunden wird, sodass ein bedingter Reiz entsteht. Dabei wird das Zusammentreffen von Reiz und Reaktion jedoch als zufällig angesehen und die erfolgreichen Versuche, ein Ziel zu erreichen, werden nur deshalb an den Reiz gekoppelt, weil sie in Folge ihres zeitlichen Zusammentreffens mit der Reaktion auf das Ziel häufiger auftreten.
Merleau- Ponty kritisiert hier, dass zahlreiche Beobachtungen von Lernprozessen sich nicht in diese Auffassung integrieren lassen. Vielmehr wird deutlich, dass lernende Subjekte eine positive oder negative Bewertung in Bezug auf ihr Verhalten und deren Konsequenzen vornehmen und sinnhafte Beziehungen zwischen Verhalten und Ziel erkennen. Wenn Versuche im Labor ein Schema von Versuch und Irrtum oder stereotype Reaktionsmuster erkennen lassen, dann ist dies oftmals der Fall, da der Lösungsweg im Versuchsaufbau wenig sinnhafte Beziehungen zum Ziel aufweist und mit übermüdeten oder kranken Tieren gearbeitet wird. In diesen Fällen hat allerdings kein Lernprozess stattgefunden.
Vor diesem Hintergrund definiert Merleau-Ponty Lernen als eine Fähigkeit, „auf die Situation mit Hilfe verschiedener Mittel eine passende Antwort zu geben.“ Es handelt sich also nicht um eine festgelegte Bewegung, sondern um variierende Lösungsvorgänge, die sich am Wesen der Situation orientieren. Lernen hat in diesem Kontext eine weitaus größere Tragweite als die bloße Verknüpfung von Reiz und Reaktion.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Lernen und Entwicklung aus Sicht der Erkenntnistheorie als Thema im 20. Jahrhundert: Einführung in die erkenntnistheoretischen Hintergründe von Merleau-Ponty und Piaget sowie Formulierung der Zielsetzung der Arbeit.
2. Zur Phänomenologie und phänomenologischen Methodik: Erläuterung der phänomenologischen Grundhaltung, insbesondere des Konzepts der Epoché, und deren Bedeutung für das Verständnis von Welt und Erkenntnis.
3. Merleau-Pontys phänomenologischen Auffassung von Lernprozessen: Kritische Auseinandersetzung mit behavioristischen Modellen und Definition von Lernen als sinnhafte Gestaltbildung im Kontext der Situation.
4. Lernen und Entwicklung aus der Sicht von Piagets psychogenetischer Erkenntnistheorie: Darstellung von Piagets Modell der kognitiven Entwicklung durch Assimilation, Akkommodation und den Aufbau von Strukturen.
5. Merleau-Pontys und Piagets Theorien im Vergleich: Systematischer Vergleich beider Theorien anhand der Subjekt-Objekt-Relation, der Begriffsdefinitionen von Gestalt und Struktur sowie der Rolle der Wissenschaft.
6. Fazit: Zusammenfassende Gegenüberstellung der fundamentalen Unterschiede beider Ansätze und deren jeweiliger Kritikwürdigkeit.
Schlüsselwörter
Phänomenologie, Erkenntnistheorie, Jean Piaget, Maurice Merleau-Ponty, Gestalt, Struktur, kognitive Entwicklung, Lernprozesse, Subjekt-Objekt-Relation, Konstruktivismus, Psychogenese, Verhaltenslehre, Sinnhaftigkeit, Wissenschaftskritik, Epoché.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht und vergleicht die unterschiedlichen Theorien von Maurice Merleau-Ponty und Jean Piaget bezüglich der menschlichen Erkenntnis, des Lernens und der Entwicklung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die Erkenntnistheorie, die Entwicklungspsychologie sowie die phänomenologische und strukturgenetische Perspektive auf menschliches Verhalten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die inhaltlichen Differenzen zwischen Merleau-Pontys phänomenologischem Ansatz und Piagets psychogenetischer Erkenntnistheorie herauszuarbeiten, insbesondere vor dem Hintergrund, warum Merleau-Ponty Piagets Position kritisch bewertet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende, theoretische Analyse philosophischer und psychologischer Schriften, die die jeweiligen Begriffsverständnisse und erkenntnistheoretischen Annahmen gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der jeweiligen Theorieansätze (Phänomenologie vs. psychogenetische Erkenntnistheorie) und den direkten Vergleich in Bezug auf Subjekt-Objekt-Beziehungen, den Gestalt- bzw. Strukturbegriff und die Wissenschaftsauffassung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich durch die Begriffe Phänomenologie, psychogenetische Erkenntnistheorie, Gestalt, Struktur, Subjektivität, Objektivität und kognitive Entwicklung geprägt.
Wie unterscheidet sich Piagets Verständnis von Strukturen von Merleau-Pontys Gestaltbegriff?
Piaget begreift Strukturen als mathematisch-logische, additiv aufbaubare kognitive Einheiten, während Merleau-Ponty Gestalten als nicht-additive, ganzheitliche Einheiten betrachtet, die untrennbar mit der Situation und dem handelnden Subjekt verbunden sind.
Welche Rolle spielt die Wissenschaft laut Piaget im Vergleich zu Merleau-Ponty?
Piaget betrachtet wissenschaftliche Theorien als Grundlage und Bestätigungsinstanz für Erkenntnisprozesse, wohingegen Merleau-Ponty die Objektivität wissenschaftlicher Gesetze kritisiert, da sie aus der unreflektierten natürlichen Wahrnehmung abgeleitet und somit nur als sekundäre Interpretationen zu verstehen seien.
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- Anne Madeleine Wieschen (Author), 2018, Merleau-Ponty und Piaget. Lernen als phänomenologische Gestalt oder stufenartige Strukturkonstruktion, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/464715