„Les femmes d’Alger“, ein Meisterwerk aus der Hand des spanischen Künstlers Pablo Picasso. Gemalt im Jahre 1955, 60 Jahre später versteigert für 179 Millionen Dollar. Dies stellt einen neuen Weltrekord in der Kunstszene dar, denn niemals zuvor wurde ein Gemälde für einen höheren Preis im Rahmen einer Auktion versteigert. Solche Ereignisse prägen selbstverständlich das zeitgenössische Kunstsystem. Künstler orientieren sich an dem Markt, um Kunst zu schaffen, die auf dem überfüllten Markt heraussticht und Aufsehen erregt. Dies gilt nicht nur für die Kunstszene, sondern für jeden weiteren wirtschaftsabhängigen Bereich. Der Druck, sich aus der Masse hervorzuheben, ist größer als je zuvor. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt 99 Prozent allen Vermögens. Dieser Teil der Menschheit hat einen Großteil der Wirtschaftstendenzen in der Hand. Durch ihre Investitionen, beispielsweise durch den Kauf eines Picassos in neunstelliger Höhe wird der Wandel innerhalb der Kunstbranche in Gang gebracht. Der Unmut gegenüber der kapitalistischen Macht, die dieses Ungleichgewicht der Vermögen fördert, nimmt überall auf der Welt immer weiter zu. Wissenschaftler und Philosophen aus Europa, Amerika oder den Dritte-Welt-Ländern beteuern die Bedrohung, die von dem Kapitalismus ausgehe.
In diesem Zusammenhang erlebt auch der Begriff der „Entfremdung“ aktuell einen Aufschwung. Theoretiker, die sich als gesellschaftskritisch verstehen, greifen auf ‚Entfremdung‘ zurück und nutzen ihn als Schlüsselbegriff. Die konkrete Entwicklung dieses Begriffs begann Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Schon damals kritisierte der deutsche Philosoph Karl Marx die Art und Weise der Produktion im Kapitalismus. Das kapitalistische System fordert die totale Abhängigkeit des Arbeiters, der außer seiner Arbeitskraft nichts besitzt, was er verkaufen kann. Demnach muss man sich der Aktualität von Marx Staatskritik bewusst werden. Seine Ökonomisch-philosophischen Manuskripte stammen zwar bereits aus dem Jahre 1844, dennoch spielen seine Überlegungen zum Entfremdungsbegriff in der heutigen Gesellschaft nach wie vor eine nicht unbedeutende Rolle.
Selbst heute konnten sich Politiker, Sozialforscher und Philosophen noch nicht auf eine klar definierte Bedeutung von „Entfremdung“ einigen. Die Theorie der Entfremdung hat in der Philosophie des 19. Jahrhunderts einige bedeutende Vertreter: Hegel, Feuerbach oder Kierkegaard.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Entfremdungsbegriff
3. Der Entfremdungsbegriff nach Marx
3.1. Vier Formen der Entfremdung
3.1.1. Entfremdung vom Produkt
3.1.2. Entfremdung von der Tätigkeit
3.1.3. Entfremdung vom Gattungswesen
3.1.4. Entfremdung des Menschen vom Menschen
4. Der Fetischcharakter der Ware
5. Der Einfluss der Entfremdung auf die Kunst in der kapitalistischen Gesellschaft
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den marxistischen Entfremdungsbegriff in den "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten" von 1844 und analysiert, inwiefern die Bedingungen der entfremdeten Arbeit die Entstehung und den Charakter von Kunst innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft beeinflussen.
- Historische Herleitung des Entfremdungsbegriffs (Hegel, Feuerbach, Marx)
- Detaillierte Analyse der vier Formen der Entfremdung nach Karl Marx
- Untersuchung des Warenfetischcharakters im Kapitalismus
- Reflektion über die Möglichkeiten künstlerischer Freiheit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Entfremdung vom Produkt
Zunächst entsteht eine Entfremdung des Arbeiters von dem Produkt seiner Arbeit. Das bedeutet, das Produkt erscheint ihm gegenüber als ein ‚fremder Gegenstand‘, was dem kapitalistischen Eigentumsverständnis entspricht: Das Arbeitsprodukt gehört nicht dem Arbeiter. Somit ist es dem Arbeiter nicht möglich, sich mit seinem Produkt zu identifizieren. Marx beschreibt die Produktion als ein ‚Kräfteungleichgewicht‘.
„Je mehr der Arbeiter sich ausarbeitet, um so mächtiger wird die fremde, gegenständliche Welt, die er sich gegenüber schafft, um so ärmer wird er selbst, seine innere Welt, um so weniger gehört ihm zu eigen.“
Dies entspricht der realen Eigentumssymmetrie und der damit einhergehenden Kommandogewalt zwischen Kapitalist und Arbeiter.
Der Arbeitsprozess an sich bedeutet für Marx das Zusammenspiel von Natur und Mensch. Naturgegenstände werden genutzt, um den Bedürfnissen des Menschen entsprechend umgeformt zu werden. „Die Natur stellt in diesem Prozess die Lebensmittel der Arbeit“ dar. Der Kapitalismus hingegen impliziert, dass der Mensch als Arbeiter und physisches Subjekt existiert, solange er die Arbeitsmittel und seinen Lohn von einem anderen gewährleistet bekommt. Das Produktionsverhältnis hat zur Folge, dass die „Trennung von Arbeiter und Produktionsmittel sowie von Arbeitsprodukt und Lebensmittel des Arbeiters“. Marx ist zudem der Meinung, „dass je mehr der Arbeiter produziert, er um so weniger zu konsumieren hat“. Um zu leben, muss der Arbeiter für andere mit deren Eigentum Waren produzieren, das einzige was ihm bliebe, seien „Verkrüppelung“, „Blödsinn“ und „Kretinismus“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, wie kapitalistische Wirtschaftsstrukturen und Marktmechanismen die zeitgenössische Kunst beeinflussen und warum Karl Marx' Begriff der Entfremdung heute wieder an Relevanz gewinnt.
2. Der Entfremdungsbegriff: Dieses Kapitel erläutert die etymologischen Wurzeln des Begriffs und stellt die philosophischen Entfremdungskonzepte von Hegel und Feuerbach gegenüber.
3. Der Entfremdungsbegriff nach Marx: Das Kapitel definiert den marxistischen Ansatz als Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen, in denen der Arbeiter durch den Verkauf seiner Arbeitskraft von seinem eigenen Wesen entfremdet wird.
3.1. Vier Formen der Entfremdung: Dieser Abschnitt unterteilt die marxistische Theorie in vier spezifische Dimensionen der Entfremdung des Arbeiters.
3.1.1. Entfremdung vom Produkt: Hier wird beschrieben, wie das Arbeitsprodukt dem Arbeiter fremd gegenübertritt, da es Eigentum des Kapitalisten bleibt.
3.1.2. Entfremdung von der Tätigkeit: Dieser Abschnitt analysiert, wie Arbeit zur monotonen, unfreien Tätigkeit degradiert und zu einer Form der Selbstverlustes führt.
3.1.3. Entfremdung vom Gattungswesen: Es wird dargelegt, wie die Instrumentalisierung der Arbeit dazu führt, dass der Mensch seine freie, bewusste Lebenstätigkeit verliert.
3.1.4. Entfremdung des Menschen vom Menschen: Dieses Kapitel erläutert, wie durch die Entfremdung vom eigenen Gattungswesen auch die Entfremdung von den Mitmenschen als gesellschaftliches Produkt entsteht.
4. Der Fetischcharakter der Ware: Hier wird untersucht, wie Waren im Kapitalismus als geheimnisvolle, wertgeladene Dinge erscheinen, obwohl sie nur gesellschaftliche Zuschreibungen sind.
5. Der Einfluss der Entfremdung auf die Kunst in der kapitalistischen Gesellschaft: Dieses Kernkapitel fragt, ob wahre Kunst als Selbstzweck unter dem Druck kapitalistischer Konsumlogik und Arbeitsteilung bestehen kann.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine freie Kunst in einem kapitalistischen System, das auf Entfremdung basiert, schwer möglich ist und fordert einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel.
Schlüsselwörter
Entfremdung, Karl Marx, Kapitalismus, Arbeit, Kunstsystem, Warenfetisch, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Selbstverwirklichung, Gattungswesen, Konsumgesellschaft, Produktivität, Entäußerung, Arbeitsteilung, Kritische Theorie, Produktionsmittel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Entfremdung nach Karl Marx und überträgt diese theoretischen Überlegungen auf das zeitgenössische Kunstsystem innerhalb kapitalistischer Strukturen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der marxistische Entfremdungsbegriff, die Analyse kapitalistischer Arbeitsverhältnisse, die Theorie des Warenfetischs und deren spezifische Auswirkungen auf die künstlerische Produktion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage lautet, ob und wie wahre Kunst innerhalb eines kapitalistischen Systems entstehen kann, wenn die menschliche Arbeit durch Entfremdung geprägt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der philosophisch-soziologischen Auseinandersetzung mit den Schriften von Karl Marx sowie deren Interpretation durch verschiedene Theoretiker.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die philosophische Herleitung des Entfremdungsbegriffs, eine detaillierte Analyse der vier Entfremdungsformen nach Marx, eine Erörterung des Fetischcharakters der Ware und eine Anwendung dieser Konzepte auf die Kunstbranche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Entfremdung, Kapitalismus, Marxismus, Kunstproduktion, Warenfetisch und Selbstverwirklichung charakterisiert.
Wie unterscheidet Marx die Entfremdung vom Gattungswesen von den anderen Formen?
Die Entfremdung vom Gattungswesen beschreibt den Verlust der bewussten, schöpferischen Tätigkeit des Menschen, die ihn vom Tier unterscheidet, hin zu einer rein instrumentellen Selbsterhaltung.
Welche Rolle spielt die "Schönheit" im Kontext von Schillers und Marx' Theorien zur Kunst?
Schönheit dient hier als eine Art "Spieltrieb" oder Harmonisierung der menschlichen Triebe, die dazu beitragen soll, die einseitige Rationalität der entfremdeten Arbeit aufzuheben.
- Arbeit zitieren
- Sophie Hohmann (Autor:in), 2016, Der Entfremdungsbegriff nach Marx. Der Einfluss der Entfremdung auf die Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/461941