Der von Nino Frank 1946 geprägte Begriff „Film Noir“ bezeichnet eine Reihe von Filmen, die in den USA zwischen 1941 und 1958 entstanden. Diese „schwarzen“ Filme werden durch die Einflussnahme europäischer Exilanten und der Stilmittel des Deutschen Expressionismus gekennzeichnet, aber auch durch ihre Figuren: „Schwarz dominierte nicht nur auf der Leinwand, düster waren auch die Charaktere dieser Filme, dubios ihre Motive und Handlungen, und zweifelhaft war ihre moralische Integrität.“ Es fand eine Fokusverschiebung statt: „Die wesentliche Frage besteht nicht mehr darin aufzudecken, wer das Verbrechen begangen hat, sondern darin, zu sehen, wie sich der Protagonist verhalten wird.“ Demnach löste die schwarze Serie den klassischen „Whodunit“-Plot ab, indem die Aufklärung des Verbrechens in den Hintergrund und die Psychologie der Figuren in den Vordergrund rückte.
Vorlagen für die Films Noirs fanden die Regisseure bei den „hard-boiled writers“ der US-amerikanischen Kriminalliteratur. Diese Autoren schufen den amerikanischen Privatdetektiv, der in selbst gewählter Einsamkeit lebt und nur seinem eigenen Moralkodex verpflichtet ist; Frauenfiguren, die sich von der männlichen Dominanz emanzipieren und ihre eigenen Ziele verfolgen, sowie viele dubiose Nebencharaktere, die sich in einem Geflecht von Kriminalität und Korruption selbst zum Verhängnis werden. Der Film Noir adaptierte diese Figuren und entwickelte sie weiter, doch die archetypischen Charaktere, die im Verlauf der Entwicklung auftauchen, sind einer ständigen Reflexion durch gesellschaftliche Verhältnisse unterworfen und verändern sich dementsprechend fortlaufend.
Klassischerweise wird die Zeit zwischen 1941 und 1958 in drei Phasen unterteilt. Michael Sellmann unterscheidet: Romantik (1941-1946), Entfremdung (1944-1949) und Obsession (1949-1958). Der in dieser Arbeit behandelte Film „Tote schlafen fest“ von Howard Hawks aus dem Jahr 1946 wird der ersten, 'romantischen' Phase zugeordnet, daher konzentriert sich die Beschreibung der Merkmale des Film Noir größtenteils auf die beiden frühen Phasen bis 1949, um den Film besser einordnen zu können. Die Analyse des Films legt ihren Hauptaugenmerk auf die Mise-en-scène und die Figuren und untersucht ihn dahingehend auf typische Merkmale.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Merkmale des Film Noir
2.1 Allgemeine Kennzeichen
2.2 Themenkomplexe
2.3 Mise-en-scène
2.3.1 Die Bedeutung des Lichts
2.4 Figuren
2.4.1 Der Privatdetektiv
2.4.2 Das bad good Girl/Die Femme fatale
3 Tote schlafen fest (1946)
3.1 Mise-en-scène
3.2 Figuren
3.2.1 Der Privatdetektiv
3.2.2 Das bad good Girl
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Modulabschlussarbeit untersucht, inwiefern der Kriminalfilm "Tote schlafen fest" (1946) von Howard Hawks als typischer Vertreter des Film Noir klassifiziert werden kann, wobei ein besonderer Fokus auf der Analyse der filmischen Gestaltung (Mise-en-scène) und der Figurenkonstellationen liegt.
- Historische Einordnung und Merkmale der frühen "romantischen" Phase des Film Noir.
- Die ästhetische Funktion der Mise-en-scène, insbesondere die Bedeutung von Licht und Schatten.
- Die psychologische und soziale Rolle archetypischer Figuren wie des Privatdetektivs.
- Die Charakterisierung weiblicher Figuren, insbesondere der Übergang vom "bad good Girl" zur Femme fatale.
- Anwendung der erarbeiteten Theorie auf das Fallbeispiel "Tote schlafen fest".
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Der Privatdetektiv
Ein Archetyp, der vor allem in der ersten und zweiten Phase des Film Noir auftritt, ist der hartgesottene Privatdetektiv nach der Vorlage der eingangs erwähnten Kriminalautoren. Er ist ein Einzelgänger, der in unübersichtliche Fälle verwickelt und dabei immer von der Polizei misstrauisch behandelt wird. Er steht genau wie die anderen Figuren nicht über der Sache und wird in das Geschehen verstrickt: „Selbst der Privatdetektiv als klassischer »Aufklärer« trägt zur Erhellung der Ereignisse nur selten bei.“ Die Besonderheiten dieser Figur sind seine Desillusionierung und seine Verpflichtung gegenüber seinem persönlichen Moralkodex. Er „arbeitet nur für zwei Dinge: Geld und die Erhaltung der Berufsehre.“ Privatdetektive sind romantische Einzelgänger, Männer, „die sich in eine schlechte Welt hineinbegeben, ohne darin unterzugehen“ und die gleichzeitig über Verbrechen und Gesetz stehen:
Einerseits stellt der Detektiv – wie jeder andere suchende Held – eine Figur dar, die weder Opfer noch Täter ist, insofern in das Verbrechen nicht einbezogen ist und es aus einer gewissen Distanz betrachtet. Andererseits jedoch operiert er, von seinen Methoden wie von seinem Selbstverständnis her, im Niemandsland zwischen Gesetz und Verbrechen. Daraus erwächst seine Ambiguität, die ihn vom (nicht obsessiven) Polizisten unterscheidet, der nicht »eintaucht« in die Welt des Verbrechens, sondern darüber steht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einführung definiert den Begriff "Film Noir" als amerikanisches Phänomen zwischen 1941 und 1958 und erläutert dessen historische Wurzeln sowie die psychologische Neuausrichtung des Genres.
2 Merkmale des Film Noir: Dieses Kapitel erläutert die stilistischen und thematischen Eckpfeiler des Genres, wobei die Rolle der Mise-en-scène, der Lichtgestaltung und der Archetypen wie Detektiv und Femme fatale analysiert werden.
3 Tote schlafen fest (1946): Die Arbeit untersucht den konkreten Film anhand der zuvor aufgestellten Kriterien, um seine stilistische Einordnung in die erste Phase des Film Noir zu prüfen.
4 Fazit: Die abschließende Zusammenfassung bestätigt, dass "Tote schlafen fest" trotz einiger Abweichungen in der Mise-en-scène aufgrund seiner Figuren und seiner gesellschaftskritischen Düsternis ein typischer Film Noir ist.
Schlüsselwörter
Film Noir, Tote schlafen fest, Philip Marlowe, Privatdetektiv, Mise-en-scène, Femme fatale, bad good Girl, US-Kriminalliteratur, Schattenwelt, moralische Ambivalenz, Hollywood, Howard Hawks, Raymond Chandler, Genreanalyse, Filmgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Film "Tote schlafen fest" auf seine filmischen und inhaltlichen Merkmale, um zu prüfen, inwieweit er den Konventionen des Film Noir entspricht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Ästhetik des Film Noir (insbesondere Lichtgestaltung), die Darstellung des amerikanischen Traums sowie die Archetypen von Detektiv und weiblichen Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die wissenschaftliche Verortung des Films "Tote schlafen fest" innerhalb der ersten, "romantischen" Phase des Film Noir anhand von filmwissenschaftlichen Kriterien.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine filmwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Fachliteratur zum Film Noir mit einer detaillierten Untersuchung von Regie-Stilmitteln und Figurenkonstellationen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Film-Noir-Merkmale und deren anschließende Anwendung auf das Fallbeispiel "Tote schlafen fest".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Film Noir, Privatdetektiv, Femme fatale, Mise-en-scène und moralische Ambivalenz.
Warum wird "Tote schlafen fest" der romantischen Phase zugeordnet?
Der Film stammt aus dem Jahr 1946, was ihn zeitlich in die frühe, von der Forschung als "romantisch" klassifizierte Ära des Film Noir einordnet.
Wie unterscheidet sich das "bad good Girl" von einer Femme fatale?
Während die Femme fatale in der späteren Phase des Film Noir oft als gefährliche Zerstörerin auftritt, zeichnet sich das "bad good Girl" durch Ambivalenz aus, wird aber am Ende meist rehabilitiert.
- Arbeit zitieren
- Stephanie Keunecke (Autor:in), 2015, "Tote schlafen fest" als typischer Film Noir? Eine Analyse der Merkmale des Film Noir und ihr Auftauchen in "Tote schlafen fest", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/459969