„Der Alltag lehrt die Menschen viele Methoden, mit Angst umzugehen und Stress abzubauen. Die Entwicklung ganzer Lebensstiele geschieht auf der Grundlage von Reaktionsmustern, die dazu dienen, belastende Situationen zu bewältigen. Die Lebensstiele sind von Mensch zu Mensch außerordentlich unterschiedlich, gerade in ihrer Verschiedenheit aber unbedingt notwendig, um das seelische Gleichgewicht zu bewahren.“ (Aguilera D., (2000) S.77)
Jeder Mensch muss für sich die richtige Methode wählen um mit belastenden Situationen umzugehen. Reichen diese Methoden jedoch nicht mehr aus und die Belastung wird zu groß, gerät man in eine Krise. Im chinesischen setzt sich das Wort für Krise –weiji- aus den Charakteren für Gefahr –wei- und für Chance –ji- zusammen und weist so auf die zwei möglichen Ausgänge dieser Lebenssituation hin (siehe auch Deckblatt). In der heutigen Gesellschaft sieht man in einer Krise häufig nur die Gefahr, doch besteht darin auch die Möglichkeit etwas zu verändern. Ein Tiefpunkt kann zur Kehrtwende genutzt werden und man lernt und wächst aus den Erfahrungen die man macht wenn man sie überstanden hat. Diese Erfahrungen können einen dann vor der nächsten Krise bewahren, weil man eventuell um Mechanismen weiß dieser vorzubeugen.
In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit dem Thema „Stimmenhörer in der Krise“. Doch was genau sind Stimmenhörer? Hören sie vielleicht auch Stimmen, die ansonsten keiner hört? Natürlich nicht, werden Sie sagen. Stimmen zu hören ist ein Zeichen dafür, dass man den Verstand verliert, das weiß doch jeder! Aber was ist, wenn dem nicht so wäre? Das Phänomen des Stimmenhörens geht bis auf ca. 10.000 Jahre vor Christus zurück. Viele bekannte Persönlichkeiten der Geschichte haben Stimmen gehört und galten keineswegs als „verrückt“. Der Dichter Rainer Maria Rilke und der Prophet Moses, die Äbtissin Hildegard von Bingen und die französische Nationalheldin Jeanne d’Arc. Was ist wenn die Stimmen für einen selbst, einen wichtigen Grund haben oder sogar angenehm sind? Muss das hören von Stimmen direkt krankhaft sein? Also noch einmal: „Hören Sie Stimmen?“
Ich will das Stimmenhören nicht beschönigen. Ich will nur deutlich machen, dass es immer wieder Menschen gibt die mit ihren Stimmen gut leben können und diese nicht als belastend empfinden. Das sind jedoch nicht die Menschen, mit denen ich mich in meiner Arbeit befasse.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Krise
2. Krisenintervention
2.1 Methodik – Der generelle und der individuelle Ansatz in der Krisenintervention
2.1.1 Prinzipien der Krisenintervention
2.2 Die drei Ausgleichsfaktoren
3. Schizophrenie
3.1 Ursachen und Entstehung
3.2 Symptomatik
3.3 Therapie
3.4 Verlauf
4. Stimmenhören
4.1 Stimmenhörer verstehen
4.2 Stimmenhörer – Netzwerk
5. Pflegerische Interventionsmöglichkeiten beim Stimmenhören
5.1 Umgang mit gefährlichen Stimmen – Krisenintervention
5.2 Gruppenarbeit mit Stimmenhörern
5.3 Eigene Interventionsmöglichkeiten
Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen des Stimmenhörens im Kontext von Krisensituationen und erarbeitet pflegerische Interventionsmöglichkeiten, um Betroffene bei der Bewältigung zu unterstützen und ihre Lebensqualität zu verbessern, ohne das Stimmenhören vorschnell als rein pathologisch abzuwerten.
- Grundlagen der Krisentheorie und Krisenintervention
- Schizophrenie als medizinischer Hintergrund
- Phänomenologie und Bedeutung des Stimmenhörens
- Pflegerische Handlungskonzepte in akuten Krisen
- Langfristige Bewältigungsstrategien für Betroffene
Auszug aus dem Buch
4.1 Stimmenhörer verstehen
Je nachdem, wie man das Stimmenhören betrachtet, kann man es einerseits als Symptom sehen, was die problemorientierte, pathologische Sichtweise von außen ist. Oder man sieht die Stimmen als Signal, was die ressourcenorientierte, individuelle Sicht von innen wäre.
Das Stimmenhören beinhaltet demnach auf jeden Fall zwei Aspekte: ein Signal für etwas Wichtiges, dass die PatientInnen betrifft, aber auch ein Problem, dass insbesondere ihre Interaktionen mit anderen Menschen belastet und in vielerlei Hinsicht gefährlich werden kann.
Die Art und Weise, wie die Betroffenen selbst mit ihren Stimmen umgehen, lässt sich in drei Phasen der Selbststeuerung einteilen (nach Stratenwerth/Bock, 1999):
1.) Phase der Irritation
- Reizquellen/eine Quelle für die Stimmen werden gesucht
- Flucht vor den Stimmen
2.) Phase der Reorganisation
- (vorläufige) rationale Erklärung für die Stimmen finden
- ggf. Austausch mit anderen über die Stimmen
3.) Phase der Stabilisierung
- individuelle Strategien entwickeln
~ ablenken, anderweitig beschäftigen
~ mit Musik übertönen
~ selektiv hinhören, unliebsame Stimmen ausblenden
- Neugestalten der sozialen Situation, so das die Macht der Stimmen eingegrenzt wird
Zusammenfassung der Kapitel
Krise: Definiert Krisen als Ungleichgewicht zwischen Problemen und Ressourcen und erläutert verschiedene Krisentypen sowie Phasenmodelle der Krisendynamik.
Krisenintervention: Beschreibt therapeutische Konzepte, die darauf abzielen, unmittelbare Krisen zeitlich begrenzt aufzulösen und das vorherige Funktionsniveau des Patienten wiederherzustellen.
Schizophrenie: Bietet einen medizinischen Überblick über die Erkrankung, einschließlich Ursachen, Symptomatik, diagnostischer Kriterien und gängiger Behandlungsansätze.
Stimmenhören: Beleuchtet das Phänomen als individuelles Erleben jenseits reiner Pathologie und stellt die Perspektive von Stimmenhörer-Netzwerken dar.
Pflegerische Interventionsmöglichkeiten beim Stimmenhören: Vermittelt praxisnahe Strategien wie die Einschätzung des Erlebens, Gesprächstechniken, Gruppenkonzepte und konkrete Hilfen zur Selbststeuerung.
Schlüsselwörter
Stimmenhören, Krisenintervention, psychiatrische Pflege, Schizophrenie, psychisches Gleichgewicht, Bewältigungsstrategien, Halluzinationen, Selbststeuerung, Ressourcenorientierung, Krisenprävention, Patientenbetreuung, auditive Wahrnehmungsstörung, Beziehungsarbeit, psychische Krise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die professionelle pflegerische Unterstützung von Menschen, die durch das Phänomen des Stimmenhörens in eine psychische Krise geraten sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Krisentheorien, das medizinische Verständnis von Schizophrenie, die Phänomenologie des Stimmenhörens und konkrete pflegerische Interventionsmöglichkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Pflegekräften Leitlinien an die Hand zu geben, um Betroffene ressourcenorientiert bei der Bewältigung ihrer Krisen zu unterstützen und den Umgang mit den Stimmen zu erleichtern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der Zusammenführung pflegewissenschaftlicher Konzepte zur Krisenintervention und zum Stimmenhören.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen von Krisen und Schizophrenie, die differenzierte Betrachtung des Stimmenhörens und einen umfangreichen praktischen Teil zu pflegerischen Interventionsmöglichkeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Stimmenhören, Krisenintervention, psychische Stabilität, Ressourcenorientierung und pflegerische Beziehungsarbeit.
Warum sollte man Stimmen nicht pauschal als Symptom abwerten?
Für Betroffene können Stimmen eine reale, subjektive Bedeutung haben; ein vorschnelles Abwerten als pathologisches Symptom kann die notwendige vertrauensvolle therapeutische Beziehung gefährden.
Welche Rolle spielt die Kreativität in der Krisenintervention bei Stimmenhörern?
Da jeder Mensch anders reagiert, gibt es keine Standardlösungen; Pflegekräfte müssen flexibel und kreativ individuelle Bewältigungswege gemeinsam mit dem Patienten finden.
- Quote paper
- Thomas van Laar (Author), 2005, Stimmenhörer in der Krise - Pflegerische Interventionsmöglichkeiten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/45866