Diese wissenschaftliche Arbeit hat die Zeitphilosophie Henri Bergsons zum Gegenstand und wird versuchen, von dieser ein möglichst klares Bild abzulichten. Insbesondere soll hierbei die Differenz zwischen zwei gegensätzlichen Arten der Zeitwahrnehmung herausgearbeitet werden: zum einen unser alltägliches Verständnis der Zeit, welche eine abstrakte, mathematische Form der Zeit ist, sowie zum anderen die von Bergson dargestellten Dauer, welche von ihm als die wirkliche Zeit konzipiert ist und die Schichten unserer Wirklichkeit entfaltet.
Die Philosophie Bergsons hat wohl keine Veränderung der Art und Weise der menschlichen Sinneswahrnehmung, wie sie Walter Benjamin im anfänglichen Zitat beschreibt, mit sich gebracht, jedoch kann diese als eine Antwort auf die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert veränderte Daseinsweise in der entstehenden modernen Gesellschaft verstanden werden. Sein Gesamtwerk ist eine Art der Lebensphilosophie, welche eine optimistische Erklärung der Wirklichkeit bietet: einen Ausbruch aus der mechanischen, utilitaristischen und rationalistischen Moderne. Seine Philosophie eröffnet eine Kritik an der Assoziationspsychologie, der materialistischen Theorie des Geistes, der mechanischen Konzeption der Evolution sowie der soziologischen Interpretation der Religion.
Obgleich weder seiner Philosophie noch seiner Person an sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts größere Bedeutung beigemessen wurde, ist die Wirkung, die er auf seine Zeitgenossen auslöste, kaum zu unterschätzen. Der als Dichterphilosoph bekannte Nobelpreisträger löste eine Sogwirkung aus, die in der modernen Wissenschaft lediglich mit der des Jean-Paul Sartre vergleichbar ist. Sein poetischer Stil erschafft wirkmächtige Bilder, die versuchen die Wirklichkeit abzubilden und anhand dieser eine Analyse zu ermöglichen. So werden exempli causa Ideen, welchen Bergson keinen Wahrheitswert zuschreibt, als Illusionen dargestellt: Trugbilder, die die Wirklichkeit verschleiern.
Diese Arbeit folgt hinsichtlich der Betrachtung der Zeitphilosophie maßgeblich dem Werk "Philosophie der Dauer" von Henri Bergson, welches von Gilles Deleuze ausgewählte Texte enthält, dem Werk Bergson zur Einführung von Gilles Deleuze sowie Henri Bergson- Ein Dichterphilosoph von Leszek Kolakowski.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einordnung in die Zeit
3. Zeit und Raum
4. Der Fluss der Zeit
5. Konklusion
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Zeitphilosophie von Henri Bergson mit dem Ziel, eine klare Differenzierung zwischen dem alltäglichen, mathematisch-abstrakten Zeitverständnis und Bergsons Konzept der „Dauer“ als wirklicher Zeit herauszuarbeiten und deren Bedeutung für das menschliche Bewusstsein und die Wirklichkeitswahrnehmung zu erläutern.
- Kritik an der mechanischen und utilitaristischen Zeitauffassung
- Analyse der Unterscheidung zwischen Zeit und Raum
- Die Rolle des Gedächtnisses für die Kontinuität der Dauer
- Der psychologische Aspekt der Zeitwahrnehmung
- Wirkungsgeschichte und Rezeption Bergsons in der Philosophie
Auszug aus dem Buch
3. Zeit und Raum
"Das, was wir Zeit nennen, ist kein einfacher Begriff, sondern das Ergebnis einer Synthese zweier heterogener Elemente: der Dauer und des Raumes." Diese Synthese, diese Vermengung der Zeit mit dem Raum ist das, was wir alltäglich als Zeit wahrnehmen. Diese Wahrnehmung ist jedoch eine scheinhafte, denn es besteht ein Unterschied zwischen der Zeit und dem Raum. In der Differenzierung dieser beiden Elemente liegt die Idee der wirklichen Zeit verborgen. Sowohl in unserer alltäglichen Vorstellung von der Zeit als auch in der klassischen Physik und der Relativitätsphysik wird im eigentlichen Sinn nicht die Zeit dargestellt. Die Zeit wird dort wahrgenommen, als ob sie eine andere Art von Raum wäre: "Eine Reihe von homogenen, nebeneinander angeordneten Abschnitten, die zusammen eine unbegrenzt lange Linie bilden." Diese Attribute, die dem Raum zu eigen sind, werden somit irrtümlich auf die Zeit übertragen und als ein in sich geschlossenes System aufgefasst. Der Materie, dem Raum, ist die Tendenz zu eigen, isolierbare, geometrisch behandelbare Systeme zu bilden, jedoch denkt Bergson diese Isolierung nicht als eine vollständige: Solche isolierten Systeme sind stets mit anderen verbunden und bilden ein Ganzes. Dieses reale Ganze stellt eine unteilbare Kontinuität dar, die in diesem abgegrenzten Systeme sind keine Teile dessen, sondern lediglich partielle Anblicke des Ganzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Zeitphilosophie Henri Bergsons ein und stellt die Absicht der Arbeit dar, die Differenz zwischen alltäglicher Zeitwahrnehmung und der „Dauer“ zu beleuchten.
2. Einordnung in die Zeit: Das Kapitel verortet Bergsons Philosophie im historischen Kontext des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts und erläutert die Anziehungskraft sowie die gesellschaftliche Bedeutung seiner Ideen.
3. Zeit und Raum: Hier erfolgt eine theoretische Abgrenzung zwischen der mathematisch-physikalischen Verräumlichung der Zeit und Bergsons Konzept der Dauer als unteilbarer, psychologischer Kontinuität.
4. Der Fluss der Zeit: Dieses Kapitel vertieft die Bedeutung des Gedächtnisses und des Bewusstseins für die Konstitution der Dauer als kontinuierlichen Fluss, der die Vergangenheit in die Gegenwart trägt.
5. Konklusion: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Reflexion über die Schwierigkeit, Bergsons abstrakte Konzeption der Dauer gegen die herrschenden utilitaristischen Denkmuster der Moderne abzugrenzen.
6. Bibliographie: Ein Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie weiterer Quellen.
Schlüsselwörter
Henri Bergson, Dauer, Zeitphilosophie, La durée, Zeitwahrnehmung, Raum, Gedächtnis, Bewusstsein, Philosophie, Moderne, Lebensphilosophie, Metaphysik, Kontinuität, Intuition, Wirklichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Zeitphilosophie von Henri Bergson und versucht, das von ihm entwickelte Konzept der „Dauer“ (la durée) verständlich zu machen und von konventionellen Zeitvorstellungen abzugrenzen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Unterscheidung zwischen abstrakt-mathematischer Zeit und gelebter Dauer, das Verhältnis von Zeit und Raum, die Rolle des menschlichen Gedächtnisses sowie die Kritik an mechanistischen Weltbildern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Differenz zwischen zwei gegensätzlichen Arten der Zeitwahrnehmung herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie Bergsons Philosophie eine „wirkliche“ Zeit jenseits rein utilitaristischer Logik definiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Analyse- und Interpretationsmethode, basierend auf der Auseinandersetzung mit Bergsons Originalschriften sowie zeitgenössischen und nachfolgenden philosophischen Kommentaren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung von Bergsons Wirken, eine theoretische Trennung von Zeit und Raum sowie eine detaillierte Untersuchung der „Dauer“ als bewegtem, durch das Gedächtnis konstituiertem Fluss.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Bergsonismus, Dauer, psychologische Zeit, Kontinuität und Wirklichkeitswahrnehmung beschreiben.
Inwiefern unterscheidet Bergson zwischen Raum und Zeit?
Bergson kritisiert, dass Zeit oft fälschlicherweise als eine Reihe von homogenen, nebeneinander angeordneten Abschnitten betrachtet wird, was eigentlich eine Verräumlichung der Zeit darstellt, anstatt ihre wahre, unteilbare Natur als Dauer zu erfassen.
Welche Rolle spielt das Gedächtnis in der Philosophie Bergsons?
Das Gedächtnis fungiert als das Element, welches die Kontinuität der Welt erhält, indem es vergangene Augenblicke in die Gegenwart integriert und so den Fluss der Dauer erst ermöglicht.
- Arbeit zitieren
- Kevin-Michael Neimeier (Autor:in), 2017, Henri Bergsons Philosophie der Dauer. Die wirkliche Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/452444