Pierre Bourdieu, der französische Soziologe, prägte in den 70er Jahren den treffenden Begriff des Bildungskapitals. Das Kapital der Bildung, spielt in der heutigen Gesellschaft eine zentrale Ressource für die individuellen Lebensbedingungen und -chancen. Die Voraussetzung eines guten Bildungsabschlusses kann Grundlage sein, das Leben eigenverantwortlich und mit mehr Möglichkeiten zu gestalten.
Die Bildungsexpansion in den 60ern und 70ern forderte Chancengleichheit, damit jedes Kind, egal welcher Schicht es angehört, gleiche Chancen beim Zugang zur Bildung hat. Das Thema Bildung im Zusammenhang mit sozialer Herkunft geriet jedoch nach der Bildungsexpansion immer weiter aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit. Erst die Ergebnisse der PISA-Studien haben das Thema Bildung wieder verstärkt in das öffentliche Interesse und die Politik gerückt. Durch die PISA-Studien wurde nicht nur
deutlich, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich stark zurückliegen, sondern auch, dass der Zusammenhang zwischen Leistungskompetenz und sozialer Herkunft immer noch stark vertreten ist. Dadurch kam die Debatte um soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit im Bildungssystem wieder auf.
Im Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes wird eine Vorgabe getroffen, niemand wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen zu benachteiligen oder zu bevorzugen. Wie kommt es also dazu, dass trotz Chancengleichheit diese in Bezug auf die soziale Herkunft im Bildungssystem nicht besteht? Dass Kinder aus unteren Schichten weniger häufig eine Gymnasialempfehlung bekommen wie Kinder aus mittleren oder höheren Schichten? Diesen Fragen möchte ich in dieser Ausarbeitung auf den Grund gehen. Zu Beginn der Ausarbeitung werden relevante Begriffe kurz erläutert. Im weiteren Verlauf wird der familiäre Hintergrund der Kinder, auf schichtspezifische Unterschiede in der familiären Sozialisation und deren Auswirkungen auf die gebildeten Leistungskompetenzen und Sprachstile betrachtet. Es folgt ein Blick auf den schulischen Werdegang und die herkunftsbedingten Chancen der jeweiligen Schichten. Zum Schluss wird ein kurzes Fazit mit Ausblick gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffserklärung
2.1 Bildung
2.2 Bildungsungleichheiten
2.3 Soziale Ungleichheit
2.4 Chancengleichheit
3. Auswirkungen der sozialen Lage auf den Werdegang in der Schule
3.1 Schichtspezifische Unterschiede der Erziehungsziele und –praktiken
3.2 Chancengleichheit in Bezug auf den Schulverlauf
4. Auswirkungen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg von Kindern in Deutschland und analysiert, warum trotz formaler Chancengleichheit weiterhin signifikante Disparitäten bestehen. Dabei werden soziologische Theorien, der familiäre Sozialisationskontext und strukturelle Barrieren im Bildungssystem betrachtet.
- Bedeutung von Bildung als kulturelles Kapital und soziale Ressource
- Schichtspezifische Unterschiede in Erziehung, Sprache und Leistungsmotivation
- Die Rolle vorschulischer Einrichtungen für die Startchancen von Kindern
- Der Einfluss von Selektionsprozessen im gegliederten deutschen Schulsystem
- Ansätze und Maßnahmen zur Förderung von Chancengerechtigkeit
Auszug aus dem Buch
3.1 Schichtspezifische Unterschiede der Erziehungsziele und -praktiken
Familien stellen zeitlich die erste Bildungsinstanz im Leben eines jeden Menschen dar. Alle folgenden Bildungsprozesse bauen auf diesen frühen grundlegenden Bildungserfahrungen in der Familie auf. Die Herkunftsfamilie stellt nicht nur die früheste, sondern auch die langwährendste Instanz dar. Sie dient allgemein als biographisches Zentrum über die gesamte Lebensspanne.
Je höher der Bildungsabschluss ist, desto wahrscheinlicher ist der Aufstieg in eine angesehene Berufsposition und umso wahrscheinlicher sind die damit einhergehenden besseren Lebensbedingungen. In Familien mit besseren Lebensbedingungen finden sich bestimmte Werthaltungen und Lebensweisen, gewisse Umgangsformen und Sprachstile häufiger als in anderen Familien. In Verbindung mit den besseren Lebensbedingungen und den damit einhergehenden Umständen steigt die Wahrscheinlichkeit für Kinder aus solchen Familien, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, wie z.B. ausgeprägte Leistungsmotivation, die Erfolg im Bildungssystem und andere Vorteile mit sich bringen, zu entwickeln.
Nach Hradil sind unterschiedliche Sozialisationsbedingungen, die in der Herkunftsfamilie herrschen, eine wesentliche Voraussetzung für soziale Bildungsungleichheit zwischen den Schichten. Diese werden wesentlich durch die Werte, Einstellungen und Erziehungsziele und –praktiken der Eltern geprägt.7 So tendieren die Werteorientierungen und Erziehungsziele in der mittleren und oberen Schicht eher zur Ausprägung der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Kinder. Die der unteren Schicht hingegen, haben eher Konformität als Standard für die Orientierung an Werten und Erziehung.
Diese Orientierung an verschiedenen Zielvorstellungen und Ausrichtungen werden im Familienleben deutlich. So orientieren sich Rollenverteilung, Interaktionen und Kommunikationsweisen in mittleren und oberen Schicht oft an den Bedürfnissen der einzelnen Personen, in der unteren Schicht eher an der Erfüllung herkömmlicher Regeln. Hier ist zu beachten, dass diese Werthaltungen, Erziehungsziele und Familienstrukturen häufig von Anpassungsprozessen an vorteilhafte bzw. nachhaltige Lebensbedingungen, also Berufsstellung, Einkommenshöhe, Qualifikation herrühren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Bildungsungleichheit unter Einbeziehung des Begriffs des Bildungskapitals von Pierre Bourdieu und der Relevanz der PISA-Studien.
2. Begriffserklärung: Definition grundlegender soziologischer Termini wie Bildung, Bildungsungleichheiten, soziale Ungleichheit und Chancengleichheit.
3. Auswirkungen der sozialen Lage auf den Werdegang in der Schule: Analyse des familiären Sozialisationskontextes, der Rolle von Sprache sowie der spezifischen Bildungsverläufe vom Kindergarten bis zur Hochschule.
4. Auswirkungen: Diskussion von Maßnahmen zur Verringerung von Chancenungleichheit, wie etwa der Ausbau von Ganztagsschulen und die Kritik an frühen Selektionsprozessen.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, wonach die soziale Herkunft maßgeblich über Bildungserfolg entscheidet und die Notwendigkeit individueller Förderung betont wird.
Schlüsselwörter
Soziale Ungleichheit, Bildungssystem, Bildungskapital, Chancengleichheit, Bildungsungleichheit, Sozialisation, Schichtspezifische Unterschiede, Erziehungsziele, Leistungsmotivation, PISA-Studien, Sprachcode, Schulverlauf, Frühförderung, Selektionsprozesse, Bildungsexpansion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, inwiefern die soziale Herkunft von Kindern deren Bildungserfolg in Deutschland bestimmt und welche Mechanismen zu Bildungsungleichheit führen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind der Einfluss des Elternhauses auf die frühkindliche Sozialisation, sprachliche Unterschiede, die Bedeutung vorschulischer Förderung sowie die Auswirkungen selektiver Schulstrukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum trotz geltender Chancengleichheit im Grundgesetz weiterhin ein starker Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem erreichten Bildungsabschluss besteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturbasierte Ausarbeitung, die soziologische Theorien (u.a. von Pierre Bourdieu und Stefan Hradil) mit empirischen Befunden aus Studien wie PISA oder IGLU verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung sowie eine detaillierte Analyse, wie sich soziale Lage auf Erziehungspraktiken, Sprache und den weiteren schulischen Werdegang auswirkt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie soziale Ungleichheit, Bildungskapital, Chancengerechtigkeit, schichtspezifische Sozialisation und schulische Selektionsmechanismen geprägt.
Welchen Stellenwert nimmt die vorschulische Bildung in der Untersuchung ein?
Die Autorin hebt vorschulische Einrichtungen als essenzielle Instanzen hervor, die helfen können, ungleiche Startbedingungen auszugleichen und das Rückstellungsrisiko bei der Einschulung zu senken.
Welche Rolle spielt die Lehrkraft bei der Bildungsentscheidung laut der Autorin?
Die Autorin argumentiert, dass Lehrerempfehlungen nicht rein leistungsorientiert erfolgen, sondern subjektive Einschätzungen und soziale Kategorisierungen einfließen, die Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligen können.
- Arbeit zitieren
- Nina Hamberger (Autor:in), 2016, Soziale Ungleichheit im Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/452240