„Die Gesellschaft ohne Individuen, das Individuum ohne Gesellschaft ist ein Unding“ (Elias 2001). Mit diesen Worten beschrieb Norbert Elias die Beschaffenheit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, welche er ausführlich erforschte. Er kam dabei zu dem Schluss, das sowohl das Eine, als auch das Andere ohne jeweiliges Gegenstück nicht zu denken sei. Für Ulrich Beck, welcher sich ebenfalls eingehend mit den Menschen und ihrem gesellschaftlichen Zusammenleben befasst, lässt sich in den vergangenen Jahrzehnten darüber hinaus eine Entwicklung beobachten, welche den Menschen aus den herkömmlichen, gesellschaftlichen Strukturen herauslöst und ihn damit einerseits um Freiheiten bereichert, andererseits jedoch um Sicherheiten beraubt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Becks Individualisierungsthese
2.1 Gleichbleibende Ungleichheitsrelationen – Fahrstuhleffekt – Individualisierung
2.2 Drei Dimensionen der Individualisierung
3. Bottomores marxscher Klassenbegriff
3.1 Bottomores Ansicht über das Zustandekommen sozialer Ungleichheit
4. Becks Individualisierungsthese und Bottomores Klassenkonzept im Vergleich
4.1 Soziale Mobilität
4.2 Fahrstuhleffekt
4.3 Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates
5. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, das Verständnis sozialer Schichtung und Ungleichheit bei Ulrich Beck und Tom Bottomore vergleichend gegenüberzustellen, um die wesentlichen Unterschiede zwischen der Individualisierungsthese und einem marxistisch geprägten Klassenbegriff herauszuarbeiten.
- Individualisierungstheorie nach Ulrich Beck
- Marxistischer Klassenbegriff bei Tom Bottomore
- Vergleichende Analyse von sozialer Mobilität
- Phänomen des "Fahrstuhleffekts" im Kontext sozialer Ungleichheit
- Einfluss des Wohlfahrtsstaates auf gesellschaftliche Strukturen
Auszug aus dem Buch
2.2 Drei Dimensionen der Individualisierung
Freisetzung: Hierbei findet durch eine allgemeine Verbesserung des Lebensstandards, größere soziale Mobilität und einer Ausweitung der Bildung auf alle Bevölkerungsschichten eine „Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts und Versorgungszusammenhänge“ (Beck 1986: 206) statt.
Entzauberung: Dies bedeutet den „Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen“ (Beck 1986: 206). Sicherheit, welche sich aus der Tradition, dem Glaube und den Werten der Familie und der Klasse speist, ist heutzutage nicht mehr prinzipiell gegeben. Der Schutz des unmittelbaren sozialen Umfeldes bricht nach und nach weg, wodurch Lebensplanung- und führung nun ganz beim Individuum liegen.
Reintegration: Die durch Freisetzung und Entzauberung verloren gegangene Sicherheit wird durch selbst gestiftete Einbindung und Integration in die Gesellschaft kompensiert. Diese Einbindung ist kein institutioneller Prozess von oben herab, sondern drückt sich in sozialen Bewegungen und Vereinigungen, Bürgerinitiativen und Vereinen aus. An die Stelle von traditionalen Verbindungen und Zwängen durch Schicht und Klasse treten neue soziale Kontakte, welche meist von oberflächlichem, zweckrationalen Charakter sind (Beck 1986).
Beck prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der Bastelbiographie. Dem Menschen eröffnen sich viele Möglichkeiten der Gestaltung des eigenen Lebens – angefangen bei der Berufswahl, der Wahl des Wohnortes, der Freunde, der Beziehungsformen bis hin zur politischen Einstellung, sonstigem Engagement und dem alltäglichen Lebenshabitus. In diesen Bereichen kann der Mensch heutzutage nicht nur wählen, sonder er muss wählen. Die Individualisierung wird zum kollektiven Zwang.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Individualisierung und der Klassentheorie sowie Definition der zentralen Forschungsfrage.
2. Becks Individualisierungsthese: Erläuterung des Konzepts der Individualisierung als makrosoziologisches Phänomen und Darlegung der Dimensionen sowie der Ursachen.
3. Bottomores marxscher Klassenbegriff: Analyse des Klassenverständnisses unter Bezugnahme auf marxistische Ansätze und die Persistenz des Klassenantagonismus.
4. Becks Individualisierungsthese und Bottomores Klassenkonzept im Vergleich: Gegenüberstellung der beiden Ansätze anhand spezifischer Dimensionen wie Mobilität, Fahrstuhleffekt und Wohlfahrtsstaat.
5. Schluss: Zusammenführung der Ergebnisse und Einordnung von Bottomores Position zwischen Beck und Marx.
Schlüsselwörter
Individualisierung, Risikogesellschaft, Soziale Ungleichheit, Klassenbegriff, Ulrich Beck, Tom Bottomore, Fahrstuhleffekt, Soziale Mobilität, Wohlfahrtsstaat, Bastelbiographie, Marxismus, Stratifikation, Lebensführung, Strukturwandel, Gesellschaftsmodell
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Unterschiede zwischen Ulrich Becks Individualisierungsthese und dem marxistisch orientierten Klassenbegriff von Tom Bottomore im Kontext der modernen Gesellschaft.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themenfelder sind die Auswirkungen von sozialer Mobilität, der sogenannte Fahrstuhleffekt sowie die Rolle des Wohlfahrtsstaates in Bezug auf Klassenzugehörigkeit und individuelle Lebensentwürfe.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, worin sich die Individualisierungsthese von Beck und der marxsche Klassenbegriff von Bottomore im Wesentlichen unterscheiden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode (Vergleichsanalyse), bei der zwei verschiedene soziologische Theorien in Bezug auf ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Im Hauptteil werden die Kategorien soziale Mobilität, Fahrstuhleffekt und Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates genutzt, um die theoretischen Differenzen zwischen den Ansätzen von Beck und Bottomore empirisch und analytisch zu prüfen.
Welche Schlüsselwörter beschreiben diese Arbeit am besten?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Individualisierung, Klassentheorie, soziale Ungleichheit, Fahrstuhleffekt und Bastelbiographie.
Was versteht Ulrich Beck unter dem Begriff der "Bastelbiographie"?
Der Begriff beschreibt den Zwang und die Notwendigkeit des Individuums, die eigene Lebensgestaltung – von der Berufswahl bis zur politischen Einstellung – selbst in die Hand zu nehmen, da traditionelle Lebensvorgaben entfallen sind.
Warum lehnt Bottomore die Idee einer verschmelzenden Mittelklasse ab?
Bottomore argumentiert, dass trotz Verbesserungen in Lebensstandard und Konsum die strukturellen Trennlinien in der Sphäre der Produktion sowie wirtschaftliche Faktoren wie Vermögensbesitz weiterhin den Klassenkonflikt aufrechterhalten.
- Arbeit zitieren
- Winfried Braun (Autor:in), 2016, Die Individualisierungsthese von Ulrich Beck und das marxsche Klassenkonzept von Tom Bottomore im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/451690