„Mündliche Kommunikation ist sowohl ontogenetisch wie phylogenetisch als auch in der alltäglichen Erfahrungswelt der meisten Menschen die grundlegende Form des Sprachgebrauchs.“ (Schoenthal 2000: 460) Diese Einschätzung von Gisela Schoenthal im Metzler Lexikon Sprache (2000) scheint auf den ersten Blick stichhaltig und einleuchtend: Gesprochene Sprache gilt als eine anthropologische Univeralie und mag als gattungskostituierendes Merkmal des Menschen gewertet werden. Die gesprochene Sprache sei in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten das zentrale Mittel menschlicher Interaktion. Sie scheine nicht nur älter als die Schrift zu sein, auch in der individuellen menschlichen Entwicklung gehe der Spracherwerb dem Schriftspracherwerb im Normalfall voraus. Der Lexikoneintrag erweist sich allerdings problematisch, wenn man seine Kehrseite und die daraus resultierenden Implikationen betrachtet. Wenn gesprochene Sprache einen primären und unmittelbaren Stellenwert besitzt, wie ist dann geschriebene Sprache einzuschätzen? Besitzt sie eine – in Relation zur gesprochenen Sprache – sekundäre Bedeutung? Ist sie gar abhängig von gesprochener Sprache und somit von geringerem sprachwissenschaftlichem Interesse? Beschäftigt man sich mit Strukturen schriftlicher Kommunikation sind diese Fragen von fundamentaler Bedeutung, da sie den Forschungsgegenstand a priori perspektivieren und einen problemorientierten Blick erschweren. Daher erscheint es ratsam, zunächst einen Blick auf den Forschungsstreit zwischen Autonomie- und Dependenztheoretikern zu werfen. Erst im Anschluss daran ist es möglich, eine differenzierte Analyse der spezifischen Strukturen von Schriftlichkeit zu skizzieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung: Autonomie- und Dependenztheorie im Widerstreit
2. Die Flüchtigkeit sprachlichen Handelns und ihre Überwindung durch Vertextung
3. Verschriftlichung und ihre strukturalen Konsequenzen
3.1 Die Dissoziierung von Produzenten und Rezipienten als konstituierendes Merkmal schriftlicher Kommunikation
3.2 Verschriftlichung und ihre strukturalen Konsequenzen
3.2.1 Expeditive Prozeduren
3.2.2 Deiktische Prozeduren
3.2.3 Nennende Prozeduren
3.2.4 Operative Prozeduren
3.2.5 Malende Prozeduren
4. Fazit und Ausblick: Die Expansion technisch gestützter Schriftlichkeit als Relevanzverlust strukturaler Unterschiede
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die strukturalen Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache und analysiert, wie der Prozess der Verschriftlichung sprachliche Funktionen transformiert oder kompensiert. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und wie die prototypischen Merkmale der Mündlichkeit durch schriftliche Kommunikationsmittel ersetzt werden können und welche Konsequenzen dies für die Eigenständigkeit beider Sprachformen hat.
- Verhältnis von Autonomie- und Dependenztheorie in der Linguistik.
- Analyse der Flüchtigkeit mündlicher Kommunikation und Mechanismen der Vertextung.
- Strukturelle Konsequenzen der Trennung von Produzent und Rezipient.
- Anwendung des funktional-pragmatischen Modells auf prozedurale Handlungstypen.
- Diskussion über den Relevanzverlust strukturaler Unterschiede durch moderne Medientechnologien.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Expeditive Prozeduren
Charakteristisches Merkmal prototypischer Gesprächssituationen ist die dialogisch angelegte Struktur der Kommunikationsform (Vgl. Dürscheid 2004: 29). Dies bezieht sich in umfassender Weise auf die Verwendung von Lenkfeldausdrücken, die den expeditiven Prozeduren zuzuordnen sind. Zu ihnen gehören Interjektionen, Imperative und Vokative. Diese drei Strukturbereiche gestalten die Gesprächssituation ‚on-line’ und greifen unmittelbar in die Sprecher- bzw. Hörerhandlung ein. Interjektionen gehören dabei dem „Lenkfeld und nur ihm genuin zu“ (Ehlich 1994: 21). Die Trennung von Sprecher und Hörer in schriftlicher Kommunikation macht eine unmittelbare Einflussnahme von Sprecher und Hörer unmöglich. Vor allem für Interjektion bedeutet dies, dass sie „in schriftlicher Kommunikation keine raison d’être mehr haben“ (ebd. 21) und funktional nicht kompensiert werden können.
Andere Lenkfeldausdrücke unterliegen diesem strukturbedingten Wegfall nicht. Vokative halten beispielsweise in diatopisch motivierter schriftlicher Kommunikation Einzug: Grußformeln und direkte Anrede generieren eine artifizielle, nicht gegebene Unmittelbarkeit der Interaktanten und versuchen auf diese Wiese, ihre raum-zeitliche Trennung künstlich zu überbrücken. Gleiches gilt für Imperative, die beispielsweise in neuzeitlichen Textsorten wie Gebrauchsanweisungen anzutreffen sind. Auch in wissenschaftlichen Texten werden sie verwendet, um die Leseraufmerksamkeit auf innertextliche oder außersprachliche Inhalte zu lenken (siehe unten, vergleiche auch Autor x usw.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung: Autonomie- und Dependenztheorie im Widerstreit: Dieses Kapitel führt in den linguistischen Forschungsstreit ein, ob die geschriebene Sprache eine eigenständige Existenzform darstellt oder lediglich von der primären gesprochenen Sprache abhängig ist.
2. Die Flüchtigkeit sprachlichen Handelns und ihre Überwindung durch Vertextung: Der Fokus liegt hier auf der Flüchtigkeit mündlicher Kommunikation als zentralem Merkmal und der Notwendigkeit von Vertextungsstrategien wie Mnemonik, um Wissen dauerhaft zu sichern.
3. Verschriftlichung und ihre strukturalen Konsequenzen: Das Kapitel untersucht die grundlegenden Veränderungen der Kommunikation, wenn Sprache verschriftlicht wird, insbesondere die notwendige räumlich-zeitliche Distanz zwischen Sender und Empfänger.
3.1 Die Dissoziierung von Produzenten und Rezipienten als konstituierendes Merkmal schriftlicher Kommunikation: Hier wird erläutert, wie durch das Aufkommen von Schrift eine neue Stufe der Wissensübertragung erreicht wurde, die eine räumliche Trennung der Kommunikationspartner ermöglicht.
3.2 Verschriftlichung und ihre strukturalen Konsequenzen: Dieses Kapitel führt das Modell der fünf prozeduralen Haupttypen ein, um die funktionalen Veränderungen beim Übergang vom Sprechen zum Schreiben zu analysieren.
3.2.1 Expeditive Prozeduren: Es wird diskutiert, wie direkte Steuerungselemente wie Interjektionen oder Imperative in der Schriftlichkeit durch kompensatorische Verfahren ersetzt werden.
3.2.2 Deiktische Prozeduren: Die Analyse zeigt, wie der in der Mündlichkeit geteilte Wahrnehmungsraum in der Schriftlichkeit durch den Text selbst als Referenzobjekt kompensiert wird.
3.2.3 Nennende Prozeduren: Dieses Kapitel stellt fest, dass Begriffe und Symbolfeldausdrücke bei der Verschriftlichung keine strukturellen Nachteile erfahren und sogar von einer permanenten Expansion profitieren.
3.2.4 Operative Prozeduren: Es wird dargelegt, wie die Schriftlichkeit eine komplexere Wissensstrukturierung und Satzbauweise durch Hypotaxen ermöglicht.
3.2.5 Malende Prozeduren: Das Kapitel thematisiert die Schwierigkeit, nonverbale Anteile der Mündlichkeit wie Mimik oder Intonation in der Schriftlichkeit durch rein typografische Mittel zu ersetzen.
4. Fazit und Ausblick: Die Expansion technisch gestützter Schriftlichkeit als Relevanzverlust strukturaler Unterschiede: Das Fazit fasst zusammen, dass moderne digitale Medien dazu führen könnten, dass die klassische Trennung von Nähe und Distanz in der Sprachbetrachtung an analytischer Schärfe verliert.
Schlüsselwörter
Schriftlichkeit, Mündlichkeit, Vertextung, funktionale Pragmatik, Prozeduren, Expeditive Prozeduren, Deiktische Prozeduren, Nennende Prozeduren, Operative Prozeduren, Malende Prozeduren, Dissoziierung, Kommunikationswissenschaft, Linguistik, Sprachhandel, Medialität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den strukturellen und funktionalen Unterschieden zwischen gesprochener und geschriebener Sprache sowie den Konsequenzen, die der Prozess der Verschriftlichung für die menschliche Kommunikation mit sich bringt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Abhängigkeit oder Eigenständigkeit von geschriebener Sprache gegenüber der gesprochenen Sprache sowie die Anwendung des funktional-pragmatischen Modells zur Analyse schriftlicher Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, eine vermittelnde Position zwischen der Autonomie- und der Dependenzhypothese einzunehmen und aufzuzeigen, wie Sprache durch Verschriftlichung ihre ursprüngliche Flüchtigkeit verliert und transformiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt primär das Modell der funktionalen Pragmatik, um Sprechakte in fünf prozedurale Haupttypen zu unterteilen und deren Überführung von mündlichen in schriftliche Kommunikationsformen zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert fünf spezifische Prozedurtypen (expeditive, deiktische, nennende, operative und malende Prozeduren) und untersucht die spezifischen Kompensationsstrategien, die in schriftlichen Texten Anwendung finden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie "Schriftlichkeit", "Flüchtigkeit", "Dissoziierung", "Prozeduren" und "Vertextung" bestimmt.
Wie gehen Autoren mit der fehlenden Unmittelbarkeit in der Schrift um?
Da in der Schrift die direkte Rückkoppelung mit dem Hörer fehlt, müssen Autoren verstärkt antizipieren, eine "mittlere Verständlichkeitsstruktur" anstreben und graphische Elemente wie Layout oder Absätze nutzen, um Missverständnisse zu minimieren.
Warum sind deiktische Ausdrücke in der Schrift problematisch?
Deiktische Ausdrücke (wie "da" oder "dort") setzen einen gemeinsamen Wahrnehmungsraum voraus. Da Autor und Leser zeitlich und räumlich getrennt sind, muss der Text selbst zum "Verweisobjekt" werden, um diesen Mangel zu kompensieren.
Welche Rolle spielen "malende Prozeduren" in der Kommunikation?
Diese Prozeduren dienen dem Ausdruck nonverbaler Elemente wie Gefühle, Intonation oder Mimik. In der Schriftlichkeit können sie nur unzureichend durch typografische Mittel ("Schriftumfeldfaktoren") angedeutet werden, erreichen aber nie die volle Relevanz der mündlichen Kommunikation.
- Quote paper
- Michael Bee (Author), 2005, Verschriftlichung und ihre strukturalen Konsequenzen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/45073