Charles TAYLOR wurde 1931 in Kanada geboren, wo er heute als Professor für Philosophie an der McGill University in Montreal tätig ist. Er zählt zu den einflussreichsten Vertretern der liberalismus- und kapitalismuskritischen Strömung des Kommunitarismus (obgleich gesagt werden muss, dass sich TAYLOR selbst nicht gern einordnen lassen will) und setzt sich für eine starke Bürgergemeinschaft ein.
Der Kommunitarismus betont die Abhängigkeit des Individuums von der Gesellschaft und kritisiert den individuumszentrierten-, auf Nutzenmaximierung basierenden liberalen Ansatz und sieht die liberale Tradition westlicher Demokratien als mitverantwortlich dafür, dass sich repräsentative Demokratien heute in einer allseits wahrgenommenen Krise befinden, was sich in Politikverdrossenheit und fehlendem bürgerschaftlichen Engagement niederschlägt. Eine Liberalismus-Kommunitarismus- Debatte währt bereits Jahrzehnte und hatte sich an der Rawls`schen Gerechtigkeitstheorie entzündet. Infolgedessen wurden eine Vielzahl von Schriften veröffentlicht, die sich gegen die vorherrschende liberalistische Prämisse der modernen Zeit wandten. Obgleich in diesen Texten verschiedene Standpunkte verdeutlicht werden, wurden sie dem entstandenen „Gegenbegriff“ zum Liberalismus - dem Kommunitarismus - zugeordnet.
Häufig wird von den Autoren die Stärkung der Zivilgesellschaft als Notwendigkeit zur Verbesserung für die Probleme heutiger Demokratien gesehen, da sie als wichtiger Reproduzent funktionierender Demokratie gilt.
Aus diesem Grund beschäftigt sich auch Charles TAYLOR mit ihr und ihrer Ausgestaltung. Grundsätzlich stellt er zunächst voran, dass einzig die Demokratie als Staatsform, normatives Ideal ist, welches die liberalen Ideen von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit vertritt und in der Praxis eine Alternative zu autoritären Regime darstellt (vgl. TAYLOR 2002, S. 11). Daher muss versucht werden, diese, mit den ihr innewohnenden Werten, zu schützen, zu erhalten und zu stabilisieren. Eine funktionierende, politisch aktive Zivilgesellschaft ist dafür zentrales Element.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zugänge zur Zivilgesellschaft
2.1 Sozial-anthropologischer Zugang
2.2 Sozial-ethischer Zugang
2.3 Sozial-historischer Zugang
3 Das Verständnis der Zivilgesellschaft
3.1 Begriff
3.2 Bedingungen stabiler Demokratie
3.2.1 Einheit
3.2.2 Partizipation
3.2.3 Gegenseitiger Respekt
3.2.4 Geeignete Wirtschaftsform
3.3 Kritik
4 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Sichtweise des Philosophen Charles Taylor auf die Zivilgesellschaft, um aufzuzeigen, wie diese als zentrales Element zur Stabilisierung und Stärkung moderner Demokratien beitragen kann. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie Taylor durch eine differenzierte Begriffsbestimmung der Zivilgesellschaft und die Formulierung spezifischer demokratischer Bedingungen einen Mittelweg zwischen den Defiziten von Kapitalismus und Sozialismus skizziert.
- Analyse der sozial-anthropologischen, sozial-ethischen und sozial-historischen Zugänge Taylors zur Zivilgesellschaft.
- Untersuchung der Rolle der Zivilgesellschaft als notwendiges Korrektiv gegenüber Staat und Markt.
- Diskussion der zentralen Bedingungen für eine stabile Demokratie (Einheit, Partizipation, gegenseitiger Respekt und eine geeignete Wirtschaftsform).
- Darstellung der kommunitaristischen Kritik Taylors am neuzeitlichen Individualismus und Liberalismus.
Auszug aus dem Buch
2.1 SOZIAL-ANTHROPOLOGISCHER ZUGANG
In diesem Zugang steht TAYLORs soziale Konzeption des Menschen im Mittelpunkt. Der Mensch ist demnach durch die Gesellschaft und deren Wertegefüge, in welche er hineingeboren wird, bestimmt. In ihren Handlungen beziehen sich die Individuen auf die gesellschaftlich vorgeprägten Werte, die als kollektiv geteilte moralische Grundlage aller gelten, zurück.
Handlungen sind also in einem übergeordneten Werterahmen der Gesellschaft eingeordnet, „der jeweils vorgängig festlegt, was dem Subjekt sich überhaupt zur Entscheidung aufdrängt (HONNETH 1999, S. 235).“ Die Gesellschaft geht dem Individuum voraus. Sie prägt den Einzelnen und kann daher nicht lediglich als ein Zusammenschluss nutzenmaximierender Individuen begriffen werden, sondern ist selbst konstitutives Gut.
TAYLOR kritisiert auf dieser Grundlage den neuzeitlichen Individualismus, den von ihm so bezeichneten Atomismus. Dieser beschreibe die Doktrinen, die von den Theorien des Sozialvertrags ausgingen und sich in darauf folgenden Konzeptionen fortsetzten. Das vorherrschende Menschenbild moderner westlicher Gesellschaften sei atomistisch geprägt und lässt sich auf das politische Erbe Locke`s zurückführen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Philosophie von Charles Taylor ein, verortet ihn im Kommunitarismus und begründet die Notwendigkeit einer starken Zivilgesellschaft zur Überwindung der Krise moderner Demokratien.
2 Zugänge zur Zivilgesellschaft: In diesem Kapitel werden drei zentrale Perspektiven – die sozial-anthropologische, die sozial-ethische und die sozial-historische – erläutert, die Taylors Verständnis der Zivilgesellschaft theoretisch fundieren.
3 Das Verständnis der Zivilgesellschaft: Der Hauptteil definiert Taylors Begriff der Zivilgesellschaft, beschreibt die Bedingungen für eine stabile Demokratie und reflektiert kritische Einwände von liberaler Seite.
4 Zusammenfassung: Das Fazit fasst die zentralen Argumente zusammen und betont Taylors Plädoyer für ein dezentralisiertes, pluralistisches Gemeinwesen als Antwort auf die Defizite von Kapitalismus und Sozialismus.
Schlüsselwörter
Charles Taylor, Zivilgesellschaft, Kommunitarismus, Demokratie, Liberalismus, Partizipation, Gemeinsinn, atomistisches Menschenbild, soziale Identität, positive Freiheit, negative Freiheit, Wohlfahrtsstaat, Dezentralisierung, Rechtsstaatlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Charles Taylors Theorie der Zivilgesellschaft und untersucht, wie diese zur Bewahrung und Stabilisierung der Demokratie beitragen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, der Wert der Freiheit, die Notwendigkeit aktiver politischer Partizipation und die Suche nach einem gesellschaftlichen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Taylors Sichtweise auf die Zivilgesellschaft darzulegen und die Grundlagen aufzuzeigen, die ihn zu seinen Auffassungen über den modernen Staat und die bürgerliche Teilhabe führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse der Werke von Charles Taylor sowie auf der Einordnung seiner Thesen in die Debatte zwischen Liberalismus und Kommunitarismus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Zugänge (anthropologisch, ethisch, historisch) beleuchtet, die drei Aspekte des Zivilgesellschaftsbegriffs differenziert und die notwendigen Bedingungen (Einheit, Partizipation, Respekt, Wirtschaftsform) für eine stabile Demokratie erarbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Zivilgesellschaft, Kommunitarismus, Partizipation, Demokratie und das atomistische Menschenbild.
Wie unterscheidet Taylor zwischen positiver und negativer Freiheit?
Negative Freiheit bezeichnet für Taylor die Freiheit von staatlichem Eingriff, während positive Freiheit die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und aktiven Mitgestaltung des Gemeinwesens betont.
Warum hält Taylor eine "dritte Theorie" für notwendig?
Er sieht in der rein ökonomischen Theorie (Kapitalismus) und der Theorie des Gemeinwillens (Sozialismus) Gefahren wie die Marginalisierung der Politik oder den Despotismus, weshalb er einen Mittelweg sucht, der sowohl pluralistisch als auch gemeinschaftsbewusst ist.
- Arbeit zitieren
- Doreen Kubek (Autor:in), 2005, Die Zivilgesellschaft bei Charles Taylor. Zugang und Verständnis, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/44970