Mit der Forderung und dem Programmtitel „Elite für alle“ betritt der Kabarettist Frank Lüdecke in diesem Herbst die Bühne, um Stellung zu einem gesellschaftlichen Phänomen zu nehmen:
„Sie wissen, in Deutschland haben wir ja keine Elite mehr. Leider. Es gibt da zwei Theorien: Die einen sagen, unsere Elite musste ´33 nach Amerika emigrieren. Die anderen sagen, sie musste nach ´45 in Deutschland untertauchen...“ Dieses Kabarett greift eine Tendenz auf. Der Elitebegriff kommt in den letzten Jahren in Deutschland zunehmend häufig vor - in Medien, öffentlichen und privaten Diskussionen und wissenschaftlichen Texten. Das ist spannend, denn:„Es ist keineswegs zufällig, wann bestimmte Themen und Begriffe der Soziologie aktuell werden, wann sie in die Sprache des Alltags eindringen oder aus ihr wieder verschwinden, um erneut eine scheinbar bloß wissenschaftliche Angelegenheit zu werden.“ (Lenk 1982, 29)
Woher kommt diese Prominenz des Themas Elite? Es scheint doch für die Sichtbarkeit der Elite immer noch zu gelten, was Theodor Adornos berühmter Ausspruch, „Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man sich als solche fühlen“, beschreibt und was Roswita Königswieser für die Gegenwart formuliert:„Wer wirklich Elite ist, spricht nicht davon. Und fühlt sich auch nicht so. Wirkliche Elite sind Leute, die’s einfach sind. Die entsprechende Werte haben und sie leben. Das liegt daran, dass diese Menschen eine Kombination von Gestaltungs-, Macht- und Wertvorstellungen haben. Sie haben eine bestimmte Art von Bescheidenheit und Demut, weil sie wissen, es gibt noch andere, die gut sind, und es gibt vieles, das sie nicht können oder wissen.“
Unter Umständen tauchen die Forderungen nach Elite als Folge der Diagnose eines Werteverfalls auf. Diese wird in Feuilletons und an Stammtischen gleichermaßen getroffen und über Elite wird als Stopp-Option des Werteverfalls verhandelt.
„Wir haben also kein Wertevakuum, sondern ein Vakuum an Institutionen, die Werte vertreten.“ Ist den Menschen in der Multioptionsgesellschaft die Orientierung abhanden gekommen? Fehlt es an Leitbildern, die als Vorbilder Entscheidungen vorstrukturieren und damit erleichtern?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Die Elite gibt es nicht
1.2. Elite gibt es
1.3. Fragen, Ziele und Aufbau dieser Arbeit
2. Diagnose: Funktional differenzierte Gesellschaft – Theoretische Grundlagen
2.1. Differenzierung – Diagnose eines Problems
2.1.1. Emile Durkheim: Arbeitsteilung und Solidarität
2.1.2. Talcott Parsons: Integration als Funktion des AGIL- Schemas
2.2. Differenzierung – Diagnose eines Zustands
2.2.1. Was meint funktionale Differenzierung?
2.2.2. Die Frage nach dem Ganzen – Integration der Gesellschaft
2.2.3. Die Frage nach dem Menschen – Inklusion statt Integration
2.2.4. Sollte es nicht doch eine Integrationsinstanz geben?
2.3. Asymmetrien und ihre Folgen – Stichwort Elite
3. „Ein weites Feld“ – Der Elitebegriff
3.1. Begriffsbestimmungen
3.1.1. Definitionsvielfalt in der Geschichte des Begriffs
3.1.2. Bindestriche als Lösung
3.1.3. Ein kleinster gemeinsamer Nenner
3.2. Elite und Demokratie - eine Gegenüberstellung
3.2.1. Widerspruch
3.2.2. Gleichklang, beinahe
3.2.3. Sonderfall Deutschland
3.3. Elite als flexible Übersetzer
3.3.1. Übersetzungskompetenz durch Erfahrung in mehreren Systemen
3.3.2. Übersetzen im Horizont souveräner Kommunikation
4. Selbstbeschreibungen der Elite – Das Untersuchungskonzept
4.1. Was wird untersucht? Gegenstand und Fragen
4.2. Wie wird untersucht? Theoretische und methodische Grundlagen
4.2.1. Biographien im Blick der Systemtheorie
4.2.2. Die Deutungsmusteranalyse
4.2.3. Bourdieu und die Illusio
4.3. Wie wurde untersucht? – Der Untersuchungsablauf
4.3.1. Auswahl und Rekrutierung der Interviewpartner
4.3.2. Art des Interviews und Entwicklung der Interviewleitfäden
4.3.3. Durchführung der Interviews
4.3.4. Methode der Auswertung
5. Auswertung
5.1. „Man muss es halt einfach machen.“ – Selbstbeschreibungen über Leistung und Eigeninitiative
5.1.1. Leistungsbereitschaft beweisen - Die Illusio der Erzählungen
5.1.2. Die anderen müssen sich nur auch bemühen – die systemtheoretische Perspektive
5.2. „Eine wunderbare Chance, die man hat.“– Schicksal und Glück als Muster der Selbstbeschreibung
5.2.1. Selbstfindung als geglückter Prozess - die Illusio der Erzählungen
5.2.2. Wir sind alle Individuen, frei und gleich – die systemtheoretische Perspektive
5.3. „Trotzdem hast du auch ne Gaußsche Normalverteilung bei der Intelligenz.“ – Naturalisierung über Intelligenz und Begabung
5.3.1. Begabung als Schlüssel – die Illusio der Erzählungen
5.3.2. Ansprüche an sich selbst und auch an andere stellen – die systemtheoretische Perspektive
5.4. Zwanzig Jahre später- Analyse der Interviews mit Berufstätigen
5.4.1. Visionen verwirklichen – die Illusio der Erzählungen
5.4.2. Entwickelt mehr Visionen! – die systemtheoretische Perspektive
6. Zusammenfassung der Ergebnisse
6.1. Begründungen der Asymmetrie
6.2. Über den Umgang mit der Asymmetrie
6.3. Welche Wege führen nach oben? Entscheidend ist, mit leichtem Gepäck zu reisen
6.4. Welches Bild von Elite steckt in den Interviews?
6.5. Ist der Zweifel eine weibliche Kategorie?
7. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Eliten in narrativen biographischen Interviews ihre Identität und ihren Status im Kontext einer funktional differenzierten Gesellschaft konstruieren und wie sie dabei mit den Asymmetrien zwischen sich selbst und „den Anderen“ umgehen.
- Selbstbeschreibungen von Elite im systemtheoretischen Diskurs
- Methodik der narrativen biographischen Interviews
- Umgang mit Asymmetrie und Leistungsbegründungen
- Die Funktion der Elite als Übersetzer zwischen Funktionssystemen
- Rolle von Glück, Begabung und Eigeninitiative in der Erfolgsdarstellung
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Definitionsvielfalt in der Geschichte des Begriffs
Nähern wir uns dem Begriff der Elite historisch: Die erste bekannte wissenschaftliche Benennung einer Elite kann Platon für sich reklamieren, der in der Politeia „die Besten, die Weisen, die sich auch mit dem Guten auskennen“ (Schäfers 2004,3) als Elite und damit als Herrschende einsetzte.
Auf das Leistungskriterium beziehen sich dann im 18. Jahrhundert im Zuge der französischen Revolution zunächst die Bürger Frankreichs, denen zugeschrieben wird, den Begriff Elite als erste in diesem Sinne verwendet zu haben. Dem aufstrebenden Bürgertum verleiht diese Definition die Möglichkeit der Abgrenzung als Schicht nach oben und unten: Nach oben gegen den Adel, dem seine Position qua Geburt schon immer zukam, und nach unten gegen das gemeine Volk, das zwar viel arbeitet, dabei aber Leistungen erbringt, die als weniger wert erachtet werden.
Vor demselben Hintergrund hielt dieser Elitebegriff auch um 1850 in die deutsche Sprache Einzug (vgl. Friedeburg 1987).
Die Frage nach dem Guten und den Besten rückt schon mit Niccolò Macchiavelli (1469-1527) in den Hintergrund – und zwar hinter das Moment des Herrschens. Um die Herrschenden drehen sich dann auch die großen Klassiker der neomacchiavellistischen Elitetheorie, wenn Vilfredo Pareto (1848–1923), Gaetano Mosca (1858-1941) und Robert Michels (1876-1936) bestimmen, was sie mit Elite meinen: „Diese auf die „politische Klasse“ bezogenen Theorien gingen im Kern davon aus, dass Eliten notwendig sind, um der Masse den Weg in die Zukunft zu weisen und im sozialdarwinistisch verstandenen Wettkampf der Nationen zu bestehen.“ (Schäfers 2004,3)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die gesellschaftliche Relevanz des Elitebegriffs ein und definiert die grundlegende Forschungsfrage sowie den Aufbau der Arbeit.
2. Diagnose: Funktional differenzierte Gesellschaft – Theoretische Grundlagen: Hier werden die soziologischen Grundlagen zur funktionalen Differenzierung von der klassischen Theorie bis hin zu Luhmanns Systemtheorie erarbeitet.
3. „Ein weites Feld“ – Der Elitebegriff: Dieses Kapitel widmet sich der begriffsgeschichtlichen Analyse der Elite, verschiedenen Typologien und dem Spannungsfeld zwischen Elite und Demokratie.
4. Selbstbeschreibungen der Elite – Das Untersuchungskonzept: Dieser Teil beschreibt das theoretische und methodische Vorgehen bei der Durchführung der narrativen biographischen Interviews.
5. Auswertung: Die Auswertung analysiert die erhobenen Interviewdaten entlang zentraler Deutungsmuster und zeigt auf, wie Erfolg und Status innerhalb der Elite kommuniziert werden.
6. Zusammenfassung der Ergebnisse: Das Kapitel fasst die zentralen Befunde zur Verarbeitung von Asymmetrien und zur Rolle der Elite als Übersetzer zusammen.
7. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Ergebnisse und wirft neue, weiterführende Fragen für die soziologische Forschung auf.
Schlüsselwörter
Elite, Systemtheorie, soziale Ungleichheit, Asymmetrie, biographische Erzählungen, funktionale Differenzierung, Deutungsmusteranalyse, Inklusion, Exklusion, Leistungsgesellschaft, Übersetzerfunktion, Selbstbeschreibung, Identitätskonstruktion, Bourdieu, Illusio.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich Personen, die als Elite wahrgenommen werden, selbst in narrativen biographischen Interviews beschreiben und wie sie ihre privilegierte soziale Position legitimieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Systemtheorie mit Ungleichheitsforschung, biographischer Kommunikation und Elitesoziologie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Rolle von Asymmetrien in einer funktional differenzierten Gesellschaft zu beleuchten und zu verstehen, wie Eliten diese Asymmetrien in ihrer Kommunikation bearbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Verfasserin nutzt eine Kombination aus narrativ-biographischen Interviews, systemtheoretischer Narrationsanalyse, Deutungsmusteranalyse und Bourdieus Konzept der Illusio.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Gesellschaftsdiagnose, die begriffliche Klärung von "Elite", das methodische Untersuchungskonzept sowie die empirische Auswertung der Interviews.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Elite, Asymmetrie, Systemtheorie, Inklusion, Deutungsmuster und Übersetzerfunktion.
Inwiefern spielt der "Sonderfall Deutschland" eine Rolle?
Die Arbeit diskutiert die historische Belastung des Elitebegriffs in Deutschland durch die Zeit des Nationalsozialismus, die zu einem besonderen Unbehagen im öffentlichen Umgang mit Eliten führt.
Warum wird die Elite als "Übersetzer" bezeichnet?
In einer funktional differenzierten Gesellschaft gibt es keine zentrale Steuerungsinstanz. Die Elite fungiert als "Übersetzer", indem sie Kommunikation zwischen verschiedenen Funktionslogiken (z.B. Wirtschaft, Politik, Wissenschaft) vermittelt.
- Arbeit zitieren
- Christine Kestel (Autor:in), 2004, Anders besser sein - Selbstbeschreibungen der Elite: Über die Rolle von Asymmetrie in Systemtheorie und gesellschaftlicher Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/44957