Laing, einer der Protagonisten der Antipsychiatrie, entwickelt eine interessante Theorie der Schizophrenie, welche sich von herkömmlichen psychiatrischen Diagnosen auf eigentümliche Weise unterscheidet. Die sogenannte Schizophrenie dürfe Laing zufolge nicht bekämpft, sondern müsse begleitet werden, mit dem Ziel eine Wandlung der Persönlichkeit zu initiieren, die sich in einer Sequenz von symbolischem Tod und Wiedergeburt vollziehe und in der Entdeckung des "wahren Selbst" münde.
Inhaltsverzeichnis
1. Laings Position in „Das geteilte Selbst“
2. Modifikation des Schizophrenie-Konzepts
3. Theorie der Entfremdung
3.1 Aufhebung der Entfremdung
A. Die Rolle der Psychotherapie
B. Theologische Implikationen
C. Die Schizophrenie als Initiation oder: der Durchbruch zum Transzendenten
4. Schlussbemerkungen
5.Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des Wahnsinns bei R. D. Laing, wobei der Schwerpunkt auf der theoretischen Entwicklung des Schizophrenie-Verständnisses liegt – von einer existentiellen Analyse der Persönlichkeitsspaltung bis hin zur Deutung der Schizophrenie als potentieller Durchbruch zu einer religiösen Erfahrung und Selbsterkenntnis.
- Die ontologische Unsicherheit als Grundlage psychischer Störungen
- Kritik an der materialistischen Schulpsychiatrie
- Der gesellschaftliche "Wahnsinn der Normalität" und Entfremdung
- Die therapeutische Begleitung als Suche nach dem wahren Selbst
- Religionswissenschaftliche Parallelen: Schizophrenie als Initiationsweg
Auszug aus dem Buch
C. Die Schizophrenie als Initiation oder der Durchbruch zum Transzendenten
Wie stellt sich Laing diese Rückkehr oder Umkehr zum eigentlichen, unter der Decke der Entfremdung liegenden, natürlichen Selbst eines Menschen vor? Dies soll uns im weiteren Verlauf beschäftigen.
Wenn Laing behauptet, „daß Schizophrene den Psychiatern mehr über die innere Welt beizubringen haben als Psychiater ihren Patienten“43, dann zeigt sich darin offenbar seine Überzeugung, dass wir in der Schizophrenie bzw. dem, was als solche definiert und dann psychiatrisch ausgegrenzt wird, auf genau die Elemente, Inhalte und Erfahrungen stoßen, die in unserer Gesellschaft der Verdrängung und Verleugnung anheim gefallen sind. Gerade dieses Ausgeschlossene, Fremde, Unheimliche44, unter dem Schleier der Verblendung als geisteskrank Erscheinende, ist es nach Laing jedoch, was wir unumgänglich zu unserer eigenen Ergänzung bräuchten. Denn in diesem Abgestoßenen zeige sich uns dasjenige, was in uns selber verborgen liegt, sodass wir uns darin wie in einem Spiegel anschauen und im Anblick dessen, uns selber tiefer verstehen könnten. Es tritt uns in der Schizophrenie das entgegen, woran es uns selber ermangelt.
Das was Schizophrenie genannt wird und als krankhaft erscheint, stellt für Laing in Wirklichkeit einen „natürlichen Heilprozeß“45 dar. Für den in Zerwürfnis mit sich selbst lebenden, weil von seinem Inneren entfremdeten, vermag der schizophrene Zusammenbruch augenscheinlich einen Neubeginn einleiten, der sich nicht anders als über diese extreme Gegenbewegung zum bislang Gelebten, im Sinne eines Rückzugs aus der (äußeren) Realität, einstellt. Es darf wie bisher nicht mehr weitergehen, damit es überhaupt noch weitergehen kann. Die Schizophrenie, so zeigt es sich für Laing, ist nicht unter allen Umständen ungünstig und sinnlos, sondern in bestimmten Fällen sogar unerlässlich um einen Wandel der Persönlichkeit herbeizuführen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Laings Position in „Das geteilte Selbst“: Einführung in Laings existenzphilosophisch geprägte Analyse der "ontologischen Unsicherheit", welche die gespaltene Erfahrung schizoider Individuen beleuchtet.
2. Modifikation des Schizophrenie-Konzepts: Darstellung der theoretischen Verschiebung Laings von einer individualistischen Betrachtung hin zur Einbettung der Schizophrenie in soziale Kontexte wie Familie und Gesellschaft.
3. Theorie der Entfremdung: Analyse des Konzepts der gesellschaftlich produzierten Selbstentfremdung und der Kritik am "Wahnsinn der Normalität".
3.1 Aufhebung der Entfremdung: Untersuchung der therapeutischen Aufgabe, dem Einzelnen zur Integration zu verhelfen, sowie der theologischen und mystischen Dimensionen von Laings Schizophrenie-Verständnis.
4. Schlussbemerkungen: Zusammenfassende Einordnung von Laings Thesen in die philosophische Denktradition der Krise als Voraussetzung für existenzielle Wandlung.
5.Literatur: Auflistung der verwendeten Quellen zur religionswissenschaftlichen, psychologischen und existenzphilosophischen Fundierung.
Schlüsselwörter
R. D. Laing, Schizophrenie, Ontologische Unsicherheit, Wahnsinn der Normalität, Entfremdung, Existenzphilosophie, Initiation, Transzendenz, Antipsychiatrie, Selbstfindung, Phänomenologie, Religion, Heil, Individuation, Psychotherapie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Werk des Psychiaters R. D. Laing, insbesondere seine radikale Umdeutung der Schizophrenie als potentiellen Heilprozess und Weg zur spirituellen Selbsterkenntnis.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das existenzielle Erleben von Wahnsinn, die Kritik an psychiatrischen Machtstrukturen und der Vergleich von psychotischen Krisen mit religiösen Initiationserfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den konzeptionellen Wandel in Laings Denken nachzuvollziehen und zu prüfen, inwieweit seine Theorie der Schizophrenie als "heiliger Krankheit" religionswissenschaftlich haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt eine hermeneutisch-analytische Methode, um Laings Texte im Kontext existenzphilosophischer und tiefenpsychologischer Denktraditionen zu deuten und kritisch zu hinterfragen.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der "ontologischen Unsicherheit", die Kritik am "Wahnsinn der Normalität" sowie den Vergleich zwischen schizophrener Regression und mystischer Transzendenz.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Schizophrenie, Entfremdung, Transzendenz, Initiation und existenzielle Krise.
Wie unterscheidet Laing zwischen "gesunder Mystik" und "krankhaftem Wahnsinn"?
Laing stellt fest, dass die Unterscheidung von außen kaum möglich ist, da beide Zustände vom gesellschaftlich als "normal" Definierten abweichen und die etablierte Realität hinterfragen.
Welche Rolle spielt der Schamane in diesem Dokument?
Der Schamane dient als kultureller Vergleich, um aufzuzeigen, dass Krisenerfahrungen (Schamanenkrankheit) in anderen Kulturen nicht als reine Pathologie, sondern als notwendiger Durchgang zu einer höheren Stufe der Gemeinschaftsfunktion verstanden werden.
- Arbeit zitieren
- Tobias Fiege (Autor:in), 2005, Das Konzept des Wahnsinns bei R. D. Laing unter besonderer Berücksichtigung der Theorie der Schizophrenie als Durchbruch zu religiöser Erfahrung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/44811