Kindesaussetzung in der römischen Antike muss vollkommen anders verstanden werden, als Kindesaussetzung in der heutigen Zeit. Für unser heutiges Erziehungsverständnis ist es vollkommen unverständlich, wie das Aussetzen von Kindern zum Alltag dazugehören konnte. Daher kommen verschiedene Fragen auf, die es gilt, in dieser Arbeit zu beantworten. Was hat sich geändert, dass Kindesaussetzung im 21. Jahrhundert eine Straftat ist, welche auch tatsächlich nicht mehr alltäglich praktiziert wird? Hatten Eltern der römischen Antike eine emotionale Beziehung zu ihren Kindern?
Um diese Fragen beantworten zu können, wird damit begonnen einen Blick auf die Familienplanung in der römischen Antike zu werfen, um in Erfahrung zu bringen wie es beispielsweise um den Kinderwunsch der Römer stand, gefolgt von einer Einführung in das Thema Kindesaussetzung in der römischen Antike, um zu den Beweggründen für eine Aussetzung zu kommen. Folglich wird weiter ein Blick auf die Rechtslage geworfen, dessen Entwicklung mehrere hundert Jahre umschließen wird. Hierdurch wird der nächste Themenpunkt erörtert, nämlich die gesellschaftliche Haltung.
Diese wird rekonstruiert durch philosophische Texte der damaligen Zeit. Die hierdurch aufgezeigte individuelle Haltung der Menschen soll daraufhin verdeutlichen, welche Gefühlsregungen bei der Kindesaussetzung eine Rolle gespielt haben könnten. Als letzter thematischer Punkt wird erläutert, welche Überlebenschancen die ausgesetzten Kinder hatten. Im abschließenden Fazit werden die gewonnen Informationen noch einmal zusammengefasst und die zu Beginn dieser Arbeit gestellten Fragen beantwortet, sowie ein Ausblick auf mögliche weitere Forschungsaspekte gegeben.
Durch die Alltäglichkeit der Thematik besteht eine gute Quellenlage. Fast alle erdenklichen Quellenarten bieten Informationen, meist beiläufig und teilweise vollkommen unbedacht. Jedoch äußerten sich auch viele der großen Philosophen und Staatsmänner der römischen Antike zum Thema Kindesaussetzung. Darunter fallen beispielsweise Seneca, Musonius Rufus, Epiktet, Isokrates, Hierokles und Ovid. Weiter werden Werke von Harris und Boswell als Hauptwerke genutzt, welche sich für eine weite Verbreitung der Kindesaussetzung aussprechen. Dies entspricht dem Stand der neueren Forschung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Familienplanung
3. Kindesaussetzung
4. Beweggründe
5. Rechtslage
6. Gesellschaftliche Haltung
7. Individuelle Haltung
8. Schicksal der ausgesetzten Kinder
9. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht das Phänomen der Kindesaussetzung in der römischen Antike, um die Beweggründe, die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die gesellschaftliche und individuelle Wahrnehmung dieses Handelns zu analysieren und in einen historischen Kontext einzuordnen.
- Analyse der Familienplanung und der Rolle des "pater familias"
- Untersuchung der sozioökonomischen Beweggründe für Kindesaussetzungen
- Darstellung der rechtlichen Entwicklung vom römischen Recht bis zum Einfluss christlicher Kaiser
- Diskussion der gesellschaftlichen und philosophischen Haltung zur Kindesaussetzung
- Betrachtung der Überlebenschancen und des Schicksals ausgesetzter Kinder
Auszug aus dem Buch
4. Beweggründe
Trotz der vielen Unterschiede zwischen dem heutigen Gesellschaftsmuster und dem der römischen Antike, ist auch damals von Menschen mit Emotionen und Gedanken die Rede. Wurde ein Kind ausgesetzt, ist davon auszugehen, dass ein Grund hierfür vorlag. Den Eltern ist keine Willkür zu unterstellen.
Im Folgenden werden die hauptsächlichen Gründe aufgeführt. Darunter fallen die Illegitimität des Kindes, Behinderungen, Geschlechterregulierung, Aberglaube, wirtschaftliche Gründe und die Angst vor zu großer Erbteilung.
Missgestaltungen und Behinderungen bei Kindern wurden sehr ernst genommen und als Grund für eine Aussetzung gesehen. Um eine Behinderung festzustellen, legte Soranus Merkmale fest. Diese waren jedoch sehr weit gefasst und lassen sich auf das damalige Unwissen zurückführen. So durfte die Mutter während der gesamten Schwangerschaft nicht krank werden. Es durfte sich nicht um eine Frühgeburt handeln der Säugling musste sofort nach der Geburt kräftige Schreie von sich geben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Diskrepanz zwischen heutigem Erziehungsverständnis und der antiken Praxis der Kindesaussetzung und skizziert das methodische Vorgehen der Arbeit.
2. Familienplanung: Dieses Kapitel untersucht den Konflikt zwischen familiären Interessen und staatlichen Geburtenvorgaben in der römischen Antike.
3. Kindesaussetzung: Es wird der Gegensatz zwischen dem heutigen strafrechtlichen Verbot und der alltäglichen Praxis der Aussetzung als Entscheidungsgewalt des "pater familias" beschrieben.
4. Beweggründe: Dieses Kapitel analysiert die verschiedenen Faktoren, wie ökonomische Not, Behinderungen oder Erbteilung, die Eltern zur Aussetzung ihrer Kinder bewegten.
5. Rechtslage: Es wird die historische Entwicklung der rechtlichen Regulierungen nachgezeichnet, die von weitgehender Freiheit bis hin zur strafrechtlichen Verfolgung unter den christlichen Kaisern reichte.
6. Gesellschaftliche Haltung: Hier wird das Gedankengut verschiedener Philosophen analysiert, um die gesellschaftliche Meinung zum Thema Kindesaussetzung zu rekonstruieren.
7. Individuelle Haltung: Dieses Kapitel befasst sich mit dem schwierigen Versuch, die emotionale Ebene der betroffenen Eltern und familiäre Krisensituationen anhand literarischer und historischer Beispiele zu verstehen.
8. Schicksal der ausgesetzten Kinder: Es werden die Überlebenswahrscheinlichkeiten sowie die Auswirkungen des rechtlichen Status auf das weitere Leben der Kinder beleuchtet.
9. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Kindesaussetzung ein komplexes Zusammenspiel kultureller, ökonomischer und sozialer Faktoren war.
Schlüsselwörter
Kindesaussetzung, römische Antike, pater familias, Familienplanung, Kindstötung, Rechtsgeschichte, Philosophie, Stoizismus, Sozialgeschichte, Sklavenkinder, Wirtschaftsgeschichte, Bevölkerungsentwicklung, Ethik, Kindheit, Überlebenschancen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Praxis der Kindesaussetzung im antiken Rom, einem Phänomen, das im Gegensatz zu modernen moralischen Vorstellungen gesellschaftlich akzeptiert war.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die antike Familienplanung, die gesetzlichen Regelungen der "patria potestas", die philosophischen Diskurse der Zeit sowie die ökonomischen Beweggründe für die Aussetzung von Kindern.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das oft unverständliche antike Handeln rational und historisch zu begründen und aufzuzeigen, wie sich das Verständnis von Elternschaft und der Schutz des Kindeslebens über die Jahrhunderte gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse antiker Quellen, darunter philosophische Schriften wie die von Seneca und Epiktet, sowie auf moderne Sekundärliteratur zur römischen Sozial- und Rechtsgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Themenbereiche wie die Beweggründe der Eltern, die rechtliche Macht des "pater familias", die gesellschaftliche und philosophische Bewertung sowie das tatsächliche Schicksal der Kinder nach der Aussetzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Kindesaussetzung, römische Antike, Familienplanung, Sozialgeschichte und die Entwicklung der Rechtslage von der Antike bis zum Mittelalter.
Welche Rolle spielte der "pater familias" bei der Entscheidung zur Kindesaussetzung?
Der "pater familias" besaß als Familienoberhaupt die uneingeschränkte rechtliche Verfügungsgewalt ("patria potestas") über die Kinder, was ihm das Recht einräumte, über deren Leben, Tod oder Aussetzung zu entscheiden.
Wie unterschied sich die Haltung der stoischen Philosophen zum Thema?
Stoiker wie Epiktet und Musonius Rufus kritisierten das Aussetzen als naturwidrig und appellierten an die soziale Verantwortung der Eltern, während andere wie Seneca die Beseitigung behinderter Kinder als zweckmäßig für das Gemeinwohl betrachteten.
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- Katrin Artmann (Author), 2018, Kinderaussetzung in der römischen Antike, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/446682