Fiktionalität ist in unserem heutigen Bewusstsein fest verankert. Wir besitzen sozusagen eine Kompetenz, literarische Werke oder Filme als fiktional zu verstehen. Wird Fiktionalität nun bezüglich der Semantik des Begriffes und dessen Entstehung hinterfragt, stößt man auf eine Vielzahl von philosophischen und literaturwissenschaftlichen Arbeiten, welche versuchen, dieses durchaus nicht unproblematische Phänomen der Fiktionalität zu erhellen. Seinen etymologischen Ursprung hat der Begriff im lateinischen Verb "fingere", welches "bilden", "formen", "ersinnen" bzw. "erdichten" bedeutet, weiterhin in dem Substantiv "fictum", das mit "Erdichtung", "Trug" sowie mit "Lüge" übersetzt wird. Fiktionalität könnte somit über seinen fehlenden Wirklichkeitsbezug definiert werden, jedoch bringt eine solche Betrachtungsweise Probleme mit sich. Zunächst wird ein oppositionelles Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit deutlich, wobei letztere über die Widerspiegelung der Realität charakterisiert wird. Die gängige Definition bestimmt diese Opposition zum Faktischen. Wenn aber das eine dem Bereich der Realität unterliegt, muss das andere irreal sein. Von dem konstruktivistischen Ansatz abgesehen, dass Realität wie sie ist nicht erfassbar für den menschlichen Geist sein kann, stellt sich dennoch die Frage, wie etwas existieren kann, das keinen Wirklichkeitsbezug hat. Daraus ergibt sich, neben dem stummen Wissen um Einigung bezüglich der kategorialen Semantik der Begriffe, dass Fiktion immer an die Wirklichkeit gebunden ist, allein schon durch ihre gedanklichen Konstrukte, die von Realem inspiriert sind, und durch Kommunikationsinstrumente wie die Sprache. Dies führt zu der Erkenntnis, dass Fiktion und Faktisches in einem sich bedingenden Mischungsverhältnis stehen und somit schwerlich in wahr oder falsch oppositionell getrennt werden können. In der Literaturwissenschaft wird die Fiktion zunächst als charakterisierendes Element oder Stilmittel literarischer Werke angesehen, dessen konstruiertes Geschehen dargestellt wird, als ob es wirklich wäre - und ist doch Erfundenes, die Wirklichkeit widerspiegelnd oder interpretierend und somit an sie gebunden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Literaturtheoretische Betrachtungen der literarischen Fiktionalität in der Antike
1.1 Die aristotelische Poetik
1.2 Die Integumentum-Lehre
2 Der Diskurs um die Erscheinung einer neuen Form von literarischer Fiktionalität im 12 Jahrhundert
2.1 Walter Haugs Positionen zum neuen poetologischen Konzept der Fiktionalität im mittelalterlichen Artusroman
2.2 Gegenpositionen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Beginn einer neuen Form literarischer Fiktionalität im Artusroman des 12. Jahrhunderts und setzt sich kritisch mit den Thesen von Walter Haug auseinander, der in der höfischen Dichtung eine epochale Wende hin zu einer autonomen Fiktionalität verortet.
- Wissenschaftliche Analyse antiker Literaturtheorien (Aristoteles, Integumentum-Lehre).
- Darstellung der Fiktionalitätsthesen von Walter Haug zum höfischen Roman.
- Untersuchung des "neuen Fiktionsbewusstseins" im 12. Jahrhundert.
- Kontroverse Diskussion und Gegenpositionen zur Haug-These.
- Bedeutung der Sinnvermittlung und Beispielhaftigkeit in der arthurischen Epik.
Auszug aus dem Buch
2.1 Walter Haugs Positionen zum neuen poetologischen Konzept der Fiktionalität im mittelalterlichen Artusroman
Fritz-Peter Knapp betont in seiner Forschungsarbeit über den nachklassischen Artusroman, dass durch die wissenschaftlichen Untersuchungen von Walter Haug zu Beginn der Neunziger Jahre, die Entstehung bzw. Entdeckung der Fiktionalität erst richtig abschätzbar ist.
„Mit dem Erscheinen von Walter Haugs ‚Literaturtheorie im deutschen Mittelalter’ ist der Ausgangspunkt markiert, von dem aus fortan die Meilensteine des Forschungsfortschritts auf diesem Gebiet neu erzählt werden.“ (Knapp 1997, S.121)
Haug deklariert, dass mit der Entstehung des höfischen Romans, speziell die der Artusliteratur im 12. Jahrhundert, eine neue Form von Fiktionalität zu finden ist. Für ihn gelten der französische Dichter Chrétien de Troyes und der deutsche Hartmann von Aue als die Entdecker dieser autonomen Fiktionalität. Somit stehen die volkssprachlichen Artusromane im Mittelpunkt des mediävistischen Diskurses um Fiktionalität.
Der um 1165 entstandene Roman von Chrétien Erec et Enide gilt inzwischen für die meisten Germanisten als erstes vulgärsprachliches fiktionales Werk des Mittelalters. Diesem folgten vier andere Yvain, Lancelot, Cligés und Perceval. Hartmann übertrug die beiden erstgenannten in die deutsche Sprache, überarbeitete und erweiterte diese. Es ist kaum zu bezweifeln, dass die Autoren den Beginn einer neuen kulturellen Entwicklung im literarischen Bereich einleiteten, da die meisten schriftlichen Dokumente des Mittelalters Anspruch auf Wahrheit erhoben. Dies verdeutlicht sich insbesondere in den volkssprachlichen Chroniken und Bibeldichtungen, aber auch die Heldenlieder und die Heiligenlegenden postulierten diesen Anspruch auf Authentizität. Dass die mittelalterlichen Autoren der Wahrheit verpflichtet waren, zeigen die kritischen Reaktionen auf die ersten Artusromane.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung definiert das Phänomen Fiktionalität und dessen etymologische Wurzeln, während sie gleichzeitig die Relevanz der Untersuchung des mittelalterlichen Literaturverständnisses im Kontext antiker Vorbilder begründet.
1 Literaturtheoretische Betrachtungen der literarischen Fiktionalität in der Antike: Dieses Kapitel erläutert die aristotelische Poetik als Grundlage für das Verständnis von Dichtung als Nachahmung (Mimesis) sowie die mittelalterlich rezipierte Integumentum-Lehre als Form der Sinnverhüllung.
2 Der Diskurs um die Erscheinung einer neuen Form von literarischer Fiktionalität im 12 Jahrhundert: Dieser Teil diskutiert Walter Haugs These einer neuartigen, autonomen Fiktionalität im Artusroman und stellt diese gängigen Forschungsmeinungen sowie verschiedenen Gegenpositionen gegenüber, die die Kontinuität zur lateinischen Tradition betonen.
Schlüsselwörter
Fiktionalität, Artusroman, Walter Haug, Mittelalter, Literaturtheorie, Mimesis, Integumentum, Chrétien de Troyes, Hartmann von Aue, Sinnvermittlung, Autonomie, Narratologie, Mediävistik, Gattungspoetik, Wahrheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturhistorischen Entwicklung einer neuen Form der Fiktionalität, die im 12. Jahrhundert in den Artusromanen von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue ihren Anfang nahm.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die antike Literaturtheorie, der medienhistorische Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit sowie die theoretische Debatte um den Fiktionalitätsbegriff im Hochmittelalter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Status der Fiktionalität im Artusroman zu klären und zu hinterfragen, ob es sich dabei tatsächlich um eine "autonome" neue Form handelt, wie von Walter Haug postuliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Diskursanalyse betrieben, die bestehende Forschungspositionen (vor allem die von Walter Haug und seinen Kritikern wie Gertrud Grünkorn) gegenüberstellt und vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung antiker Theorien und die anschließende kritische Auseinandersetzung mit der These der "neuen Fiktionalität" im Kontext der mittelalterlichen Dichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Fiktionalität und Artusroman sind besonders Fachbegriffe wie Mimesis, Integumentum und die Unterscheidung von Historie und Fiktion essenziell.
Wie unterscheidet sich die mittelalterliche Fiktionalität laut Haug von der Antike?
Haug argumentiert, dass die mittelalterliche Fiktionalität durch ein freies Spiel mit dem Unwahrscheinlichen geprägt ist, welches über eine experimentelle Sinnvermittlung auf eine Wahrheit zielt, statt nur die Wirklichkeit abzubilden.
Welches Gegenargument führt Grünkorn gegen die Haug-These an?
Grünkorn kritisiert, dass die höfischen Romane nicht als radikaler Neuansatz zu verstehen seien, sondern eng an die lateinische Rhetorik- und Kommentartradition angebunden blieben.
- Arbeit zitieren
- Diana Riege (Autor:in), 2004, Der Beginn der Entwicklung der literarischen Fiktionalität im klassischen Artusroman des 12. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/44659