Doping und Leistungssport sind unmittelbar miteinander verbunden und wurden im kalten Krieg zum Sinnbild für den Sieg um jeden Preis. Der Sport wurde instrumentalisiert, um die Überlegenheit eines politischen Systems zu beweisen. Wie weit die Funktionäre eines Staats dabei gehen würden, zeigte sich in den letzten Jahrzehnten, als das konspirative Zwangsdoping der DDR durch Stasidokumente und Zeugenaussagen aufgedeckt wurde. Tausende Sportlerinnen und Sportler wurden jahrelang systematisch gedopt und müssen nun, Jahre nach dem Ende der DDR, mit den Konsequenzen leben. So auch der Ausnahmeathlet Christian Schenk, der in den Achtzigern und Neunzigern zahlreiche Erfolge im Zehnkampf erringen konnte, während er staatlich verordnete Steroide einnahm und heute vor den Scherben seiner Existenz steht.
Diese Arbeit widmet sich der Analyse seiner Autobiographie und verfolgt das Ziel, seine Denk- und Verhaltensmuster aufzuschlüsseln sowie seine Wahrnehmung des Zwangsdopings darzulegen. Sie geht der Frage nach, wie mit dem Thema Doping zu seiner aktiven Zeit in der DDR umgegangen wurde und wie er sich heute rechtfertigt. Dazu wird zunächst ein geschichtlicher Abriss über die Entwicklung des konspirativen Zwangsdopings angeführt und dann die Organisationsstruktur des DDR-Sportsystems vorgestellt, um ein fundiertes Grundwissen über das Staatsdoping zu erlangen.
Die zugrundliegende Literatur umfasst neben diversen Internetbeiträgen vor allem die Bücher von Giselher Spitzer (1998, 2007, 2012) sowie Andreas Singler und Gerhard Treutlein (2006). Darauf aufbauend wird die Autobiographie „Riss – mein Leben zwischen Hymne und Hölle“ von Schenk untersucht. Methodisch orientiert sich dieses Kapitel an den Vorgaben zur Quellenanalyse nach Borowsky, Vogel & Wunder, 1989. Auf die äußere und innere Quellenkritik folgt die Quelleninterpretation, die den Buchinhalt kurz wiedergeben soll und abschließend ausgewählte Aussagen Schenks kritisch analysiert. Die Quellenanalyse fokussiert dabei Schenks Darstellungen des Dopings und geht nicht auf die Ausführungen zu seinen Trainings- und Wettkampferfahrungen ein. Ebenso werden seine Spätfolgen nicht behandelt, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Dopingsystem der DDR
2.1 Geschichtliche Entwicklung des konspirativen Zwangsdopings
2.2 Organisationsstrukturen im DDR-Sport
3 Riss – Mein Leben zwischen Hymne und Hölle
3.1 Äußere Quellenkritik
3.2 Innere Quellenkritik
3.3 Quelleninterpretation
3.3.1 Aufbau und Inhalt
3.3.2 Textanalyse
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, durch eine quellenkritische Analyse der Autobiographie von Christian Schenk dessen Denk- und Verhaltensmuster im Kontext des DDR-Staatsdopings aufzuschlüsseln und seine individuelle Wahrnehmung der Zwangsdopingpraxis darzulegen.
- Historische Entwicklung des konspirativen Zwangsdopings in der DDR
- Strukturen und Institutionen des DDR-Sportsystems
- Quellenkritische Untersuchung der Autobiographie "Riss – Mein Leben zwischen Hymne und Hölle"
- Psychologische Aspekte der Dopingverarbeitung und des "zwanglosen Zwangs"
- Reflektion über die Rolle des Athleten im DDR-Leistungssport
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Textanalyse
Christian Schenk stellt sich selbst als sportfanatischen Ausnahmesportler dar, der durch die väterliche, frühkindliche Prägung nie etwas anderes machen wollte als Sport. Er wirkt in seinen Rückblenden in die DDR-Zeit stets glücklich und zufrieden, obwohl er extreme Trainingsbelastungen zu bewältigen hat. Er beschreibt sein kindliches Ich als hyperaktiv: „Hauptsache, ich musste nicht stillsitzen. Mein Bewegungsdrang war unerschöpflich, selbst abends noch, dass meine Eltern manches Mal stöhnten“ (Schenk & Sellin, 2018). Seine Bereitschaft zu Mehraufwand, häufigeren Trainingseinheiten und sein stetiger Drang nach Verbesserung prädestinieren seinen Weg in der DDR. „Sport und Schmerz waren für mich so etwas wie siamesische Zwillinge. Ich glaubte, dass man leiden muss, um richtig gut zu werden“ (Schenk & Sellin, 2018). Diese beinahe neurotische Schmerztoleranz, die Suche nach Herausforderung und Wettkampf sowie die Begeisterungsfähigkeit für Sportarten aller Art sind auch der „Startschuss“ für seine Karriere in der Leichtathletik.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung erläutert die Verknüpfung von Doping und Leistungssport im Kalten Krieg und definiert das Ziel der Arbeit, Christian Schenks Autobiographie als Zeitzeugendokument zur Analyse staatlicher Dopingstrukturen zu nutzen.
2 Das Dopingsystem der DDR: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die historische Entwicklung des Zwangsdopings und beleuchtet die administrativen und organisatorischen Strukturen des DDR-Sports, wie das Staatssekretariat für Körperkultur und Sport.
3 Riss – Mein Leben zwischen Hymne und Hölle: Dieser Hauptteil widmet sich der äußeren und inneren Quellenkritik sowie der inhaltlichen Interpretation der Autobiographie von Christian Schenk im Kontext des DDR-Leistungssports.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet Schenks Autobiographie als wertvollen, wenn auch subjektiven Bericht über die psychologischen Verarbeitungsprozesse eines ehemaligen Dopingopfers ein.
Schlüsselwörter
DDR-Sport, Staatsdoping, Zwangsdoping, Christian Schenk, Autobiographie, Quellenkritik, Leistungssport, Oral-Turinabol, SED, Sportmedizinischer Dienst, Psychologie, Dopingopfer, DDR-Geschichte, Leistungseugenik, Verdrängung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das systematische Zwangsdoping im DDR-Leistungssport anhand der Autobiographie von Christian Schenk.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Geschichte des DDR-Dopingsystems, die Organisationsstrukturen im DDR-Sport und eine quellenkritische Analyse persönlicher Erinnerungen eines ehemaligen Spitzensportlers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Denk- und Verhaltensmuster des Athleten zu entschlüsseln und zu zeigen, wie dieser die Dopingpraktiken innerhalb des DDR-Systems wahrgenommen und verarbeitet hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenkritische Analyse nach Borowsky, Vogel & Wunder durchgeführt, die äußere und innere Quellenkritik sowie eine Quelleninterpretation umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Autobiographie „Riss“ im Hinblick auf Schenks Rolle im DDR-Sport, seine Wahrnehmung des Dopings und seine Verarbeitung der Vergangenheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind DDR-Sport, Staatsdoping, Zwangsdoping, Christian Schenk, Quellenkritik und DDR-Geschichte.
Wie bewertet der Autor den Begriff des „zwanglosen Zwangs“?
Der Begriff beschreibt den psychologischen Zustand, in dem ein Athlet Doping zwar freiwillig einnimmt, dies jedoch unter dem systemischen Druck geschieht, andernfalls aus dem Kader zu fliegen.
Welche Rolle spielt der Vater für Christian Schenk im Buch?
Der Vater, ein einflussreicher SED-Funktionär und ehemaliger Hürdenmeister, wird als prägende Figur beschrieben, der sowohl politisches Vorbild als auch Quelle des Leistungsdrucks für Schenk war.
Wie verarbeitet Schenk seine Dopingvergangenheit?
Der Autor nutzt die fünf Phasen des Trauerns nach Kübler-Ross, um seine Erfahrungen von der anfänglichen Leugnung bis zur schließlichen Akzeptanz und Aufarbeitung im Buch zu reflektieren.
- Arbeit zitieren
- Christoph Niemann (Autor:in), 2018, Doping mit System. Quellenkritische Analyse von Christian Schenks "Riss", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/444255