Mit dem Machtantritt Kaiser Franz Josephs I. im Jahre 1848 beginnt in Wien, seit 1867 Hauptstadt des neu gegründeten Österreichisch-Ungarischen Reiches, eine Phase der Modernisierung und Liberalisierung. Vor allem die Zeit um die Jahrhundertwende - das Fin de Siècle - zeichnet sich aus durch Umbruch und Veränderung in nahezu allen Lebensbereichen, von denen die Industrialisierung wohl als eingreifendste Entwicklung bezeichnet werden kann. Sie löst einen Zuwanderungsstrom aus allen Teilen des Reiches in die Hauptstadt aus, welche sich innerhalb weniger Jahrzehnte von einer Halbmillionenstadt zur modernen Donaumetropole mit zwei Millionen Einwohnern im Jahr 1905 entwickelt. In positiver Hinsicht bewirkt jener Bevölkerungszuwachs eine ethnische, sprachliche und religiöse Vielfalt und damit einhergehende weltoffene Lebenseinstellung der Bürger Wiens. Negative Auswirkungen zeitigt allerdings das Problem der Unterbringung der neuen Einwohner: Bis an die Hänge des Wienerwaldes breitet sich bald ein gleichförmiges Raster vier- bis fünfgeschossiger Mietshausblöcke aus, in denen das Leben der Bewohner gekennzeichnet ist durch Armut, Beengtheit und mangelnde Hygiene. Doch nicht nur in ökonomischer Hinsicht ist das Fin de Siècle eine Zeit des Umbruchs. In der Architektur entstehen neben den weniger ansehnlichen Mietskasernen repräsentative Bauten an der neuen Ringstraße. In der Kunst spaltet sich eine Gruppe junger Künstler um Gustav Klimt vom traditionellen Kunstbetrieb ab und setzt als Wiener Secession neue Maßstäbe. Sigmund Freud entwickelt die Psychoanalyse und setzt „sich in seinen Texten radikal für gelockerte Sexual- und Partnerschaftsformen“ ein. Nahezu beispiellos scheint ebenso die literarische Schaffenskraft jener Zeit. Die Werke von Autoren wie Hugo von Hoffmannsthal, Richard Beer-Hofmann, Stefan Zweig und selbstverständlich Arthur Schnitzler legen bis heute anschaulich Zeugnis ab vom Geiste jener Auf- und Umbruchszeit. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Eine Gesellschaft im Umbruch: Wien zur Zeit des Fin de Siècle
1.2 Arthur Schnitzler – ein Kind seiner Zeit
2. Der Reigen
2.1 Rezeptionsgeschichte
2.2 Analyse der Dialoge
2.2.1 Die Dirne und der Soldat
2.2.2 Der Soldat und das Stubenmädchen
2.2.3 Das Stubenmädchen und der junge Herr
2.2.4 Der junge Herr und die junge Frau
2.2.5 Die junge Frau und der Ehemann
2.2.6 Der Ehemann und das süße Mädel
2.2.7 Das süße Mädel und der Dichter
2.2.8 Der Dichter und die Schauspielerin
2.2.9 Die Schauspielerin und der Graf
2.2.10 Der Graf und die Dirne
2.3 Ergebnisse
3. Schlußbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Mechanismen der Verführung im Zehnakter „Reigen“ von Arthur Schnitzler vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche und der moralischen Doppelmoral im Wien des Fin de Siècle. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schnitzler durch die serielle Struktur der Dialoge die Austauschbarkeit der Sexualpartner sowie die Unhaltbarkeit bürgerlicher Eheideale entlarvt.
- Gesellschaftliche Strukturen und Frauenbilder im Wien des Fin de Siècle.
- Die Rolle von Sexualität und moralischer Doppelmoral im bürgerlichen Zeitalter.
- Analyse der rhetorischen und situativen Mechanismen der Verführung in den Einzelszenen.
- Strukturanalytische Untersuchung des Zirkelprinzips als Entlarvung sozialer Austauschbarkeit.
- Biographische und zeitgeschichtliche Kontextualisierung von Arthur Schnitzlers literarischem Schaffen.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Die Dirne und der Soldat
An der Augartenbrücke am Donaukanal trifft die Dirne auf einen Soldaten, der sich eilig auf dem Rückweg in die Kaserne befindet. Mit den Worten „Komm, mein schöner Engel“ (S. 7) versucht sie ihn zu einem Schäferstündchen zu locken, jedoch erst mit dem Argument „Zahlen tun mir die Zivilisten. So einer wie du, kann’s immer umsonst bei mir haben“ (S. 8) kann er von ihr zum Mitkommen überredet werden. Jedoch täuscht sich die Dirne in der Annahme, sie könne seine Zusage mit einem persönlichen Gespräch verknüpfen und erhält auf ihre Frage: „Wie lang dienst denn schon?“ lediglich die barsche Erwiderung „Was geht denn das dich an?“ (S. 8).
Als sich anschließend der Weg zu ihrem Zimmer als für ihn zu weit erweist, überzeugt sie ihn mit den Worten: „Geh, bleib jetzt bei mir. Wer weiß, ob wir morgen noch’s Leben haben.“ (S. 9) zu einem schnellen Stelldichein am Ufer der Donau. Sie erkundigt sich nach seinem Namen und äußert freimütig: „So einen wie dich möcht ich zum Geliebten“ (S. 9). Auf keine der persönlichen Annäherungen jedoch geht der Soldat ein, sogleich nach erfolgtem Geschlechtsverkehr drängt er sie unwirsch zur Eile: „Na, krall aufi“ (S. 10) Auf ihre Bitte um ein wenig Geld für den Hausmeister erwidert er, bereits im Davonlaufen: „Ha! ... Glaubst, ich bin deine Wurzen ...Servus! Leocadia ...“ (S. 11).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel bettet das Werk in den historischen Kontext der Wiener Moderne ein und beleuchtet die Rolle von Arthur Schnitzler sowie das gesellschaftliche Klima des Fin de Siècle.
1.1 Eine Gesellschaft im Umbruch: Wien zur Zeit des Fin de Siècle: Eine Darstellung der sozioökonomischen Entwicklungen und des moralischen Spannungsfeldes im Wien des späten 19. Jahrhunderts.
1.2 Arthur Schnitzler – ein Kind seiner Zeit: Eine biographische Analyse des Autors, die den Widerspruch zwischen seinem bürgerlichen Leben und seinem kritischen literarischen Werk verdeutlicht.
2. Der Reigen: Einführung in die Werkgenese, die dramaturgische Struktur und die Bedeutung des Einakterzyklus.
2.1 Rezeptionsgeschichte: Ein Überblick über die kontroverse Aufnahme des Werks, von den ersten privaten Drucken bis hin zu den öffentlichen Tumulten bei den Theateraufführungen.
2.2 Analyse der Dialoge: Eine detaillierte Untersuchung der zehn Akte, die aufzeigt, wie die Figuren durch ihre gesellschaftliche Stellung und wiederkehrende rhetorische Muster definiert werden.
2.2.1 bis 2.2.10: Diese Abschnitte analysieren die spezifischen Interaktionen zwischen den verschiedenen Paarkonstellationen und deren jeweilige Dynamik von Verführung und Entfremdung.
2.3 Ergebnisse: Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse über die Kritik an der bürgerlichen Doppelmoral und die symbolische Bedeutung der Zirkelstruktur.
3. Schlußbemerkung: Ein Resümee über die anhaltende Relevanz des Stücks als Spiegelbild gesellschaftlicher Umgangsformen und Schnitzlers Vorläuferrolle für moderne Beziehungsmodelle.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Reigen, Fin de Siècle, Wiener Moderne, Verführung, Doppelmoral, Ehekrise, Sexualität, Gesellschaftskritik, Rollenverteilung, Emanzipation, soziale Schichtung, bürgerliches Zeitalter, Literaturanalyse, Dialoganalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert die „Mechanismen der Verführung“ im zehnhängigen Dialog-Zyklus „Reigen“ von Arthur Schnitzler im Kontext der Wiener Gesellschaft um 1900.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Entlarvung bürgerlicher Moralvorstellungen, die Unterdrückung weiblicher Sexualität und die sozialen Diskrepanzen, die durch den Geschlechtsakt überbrückt oder erst sichtbar gemacht werden.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie die serielle Struktur der Dialoge die Austauschbarkeit der Sexualpartner betont und damit Schnitzlers Kritik an der Scheinheiligkeit der Institution „Ehe“ im Fin de Siècle fundiert.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit nutzt eine strukturelle und hermeneutische Analyse der Dialogtexte im direkten Vergleich mit zeithistorischen Quellen und biographischen Bezügen zur Lebenswelt Arthur Schnitzlers.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der zehn Szenen, wobei jedes Paarkonstellations-Paar einzeln auf rhetorische Muster, Rollenverständnisse und Machtverhältnisse hin untersucht wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Wiener Moderne, bürgerliche Doppelmoral, Verführungskunst, soziale Austauschbarkeit und die Emanzipationsbestrebungen der damaligen Zeit beschreiben.
Inwiefern spielt die Herkunft der Charaktere eine Rolle für die Verführung?
Die soziale Herkunft bestimmt den zeitlichen und intellektuellen Aufwand, den die Akteure betreiben müssen, jedoch relativiert Schnitzler diese Unterschiede, da das „Grundbedürfnis“ (der Akt selbst) bei allen sozialen Schichten identisch bleibt.
Welche Rolle nimmt der „Ehemann“ im Vergleich zu den anderen männlichen Figuren ein?
Der Ehemann fungiert als personifizierte Doppelmoral; er versucht, seine eigene sexuelle Freiheit durch rigide Moralvorschriften gegenüber seiner Frau abzugrenzen, scheitert jedoch bei der Aufrechterhaltung dieses ideologischen Konstrukts.
Warum wird die „Schauspielerin“ als Ausnahme betrachtet?
Im Gegensatz zu anderen weiblichen Figuren im Stück übernimmt sie aktiv den „männlichen“ Part der Verführerin und dekonstruiert damit aktiv die konventionellen Rollenmodelle des Wiener Bürgertums.
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- Angela Schaaf (Author), 2003, Mechanismen der Verführung. Analyse der Dialoge des Zehnakters 'Reigen' von Arthur Schnitzler, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/44010