Die Idee eines künstlich erschaffenen, menschlichen Wesens beschäftigt die Menschen seit frühster Zeit und in den verschiedensten Formen. Von dem jüdischen Golem, dem alchemistischen Homunkulus über Mary Shelleys Monster von Dr. Frankenstein und der mechanischen Maria von Fritz Lang bis hin zu den Replikanten aus Blade Runner und geklonten Menschen. So unterschiedliche wie die Art des künstlichen Menschen, ist auch der Kontext, in dem er auftaucht und die Probleme, die er mit sich bringt. Er bewegt sich dabei immer zwischen Faszination und Angst. Faszination wegen der Möglichkeit, die Rolle von Gott oder der Evolution einzunehmen. Angst davor, dass eine Grenze überschritten wird und das Geschöpf sich gegen seinen Erschaffer wendet.
In neuerer Zeit sind die künstlichen Wesen vor allem ein Produkt der Science-Fiction. Science-Fiction geht immer von dem aktuellen Forschungsstand aus und spinnt ihn weiter.Dabei geht es aber nicht nur um neue Technologien, sondern auch um gesellschaftliche Entwicklungen. Im Kontext der feministischen bzw. Genderfilmtheorie möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit unsere gesellschaftlich etablierten Stereotypen und Rollenbilder sich von denen in Science-Fiction Welten mit künstlichen Menschen unterscheiden. Dabei möchte ich den Fokus nicht nur darauf legen, ob sich diese gleichen oder nicht, sondern auch, ob es einen Unterschied zwischen der Real- und der Filmwelt gibt. Genauer gesagt, ob unsere Geschlechterrollen auf die künstlichen Menschen übertragen werden, obwohl es die innerdiegetische Welt nicht tut.
Ich gehe davon aus, dass beispielsweise ein vollkommen cyborgisierter Mensch, der seine körperliche Erscheinung und Voraussetzungen nach Belieben ändern kann, dem Geschlecht nicht mehr die grundlegende Bedeutung für sein Leben zuschreibt, wie wir es tun. Gender ist zwar kulturell konstruiert, aber das biologische Geschlecht dient in der gesellschaftlichen Diskussion zur Begründung. Auch wenn die Wissenschaft viele Vorurteile widerlegt hat,die sich auf genetische Voraussetzungen gründen, halten sich diese Annahmen im breiten gesellschaftlichen Bewusstsein dank halbwissenschaftlicher Buchveröffentlichungen. Wenn die Genetik nun aber vor der Geburt beeinflussen lässt oder später nachgebessert bzw. umgangen werden kann, müsste dies Auswirkungen auf unser Bild von den Geschlechtern haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Filmtheoretische Basis
2.2 Das Motiv des künstlichen Menschen
3. Analyse der Film- und Serienbeispiele
3.1 Wenn die filmische Welt die Geschlechterrollen übernimmt
3.2 Wenn die innerdiegetische Welt nicht mitspielt
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit gesellschaftlich etablierte Geschlechterrollen und Stereotypen in Science-Fiction-Filmen und Serien auf künstliche weibliche Wesen übertragen werden, obwohl die innerdiegetischen Welten diese teilweise ablehnen oder bereits als überwunden betrachten. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Diskrepanz zwischen der Konstruktion künstlicher Körper und den damit verknüpften patriarchalen Blickordnungen.
- Feministische Filmtheorie nach Laura Mulvey
- Das Motiv des künstlichen Menschen in der Filmgeschichte
- Geschlechterdarstellungen in Sci-Fi-Produktionen (z.B. Metropolis, Blade Runner)
- Analyse der Übertragung von Rollenbildern auf weibliche Cyborgs
- Wechselwirkung zwischen Filmwelt und den Erwartungen der Rezipienten
Auszug aus dem Buch
2.1 Filmtheoretische Basis
Als theoretisches Grundgerüst für meine Analyse bediene ich mich den Ausführungen von Laura Mulvey, welche mit „Visual Pleasure and Narrativ Cinema“ von 1975 den elementaren Impuls für die feministische- bzw. gendertheoretische Auseinandersetzung mit Geschlechterdarstellungen im Film geliefert hat. Dabei werde ich aber nicht weiterführende Theorien des Diskurses ignorieren, wenn diese notwendig sind. Mulveys psychoanalytischer Ansatz bietet sich an, weil ein neuer Aspekt leicht integriert und die Rezeptionsebene ausgeklammert werden kann.
Laura Mulvey geht davon aus, dass unsere Welt von patriarchalen Strukturen geprägt ist und der Film diese sowohl widerspiegelt als auch verstärkt und fortführt. Filme reflektieren bestehende und etablierte Interpretationen der Geschlechterrollen und gehen durch erotische Perspektiven und Darstellungen noch weiter. Mulvey verbindet in ihrer Theorie zwei Stränge miteinander: die Psychoanalyse nach Freud und Lacan, mit Identifikationsmustern und Voyeurismus und die Bedeutung von Blicken. Sie stellt eine direkte Verbindung zur Skopophilie (Schaulust) nach Freud her, indem sie sagt, dass die Schauspieler durch die Zuschauer als Objekt zur sexuellen Stimulation benutzt werden. Sie geht von einer geschlossenen Welt des Films bzw. des Kinos aus, in die wir als Zuschauer nur als Voyeure Einblick haben aber nicht in das Geschehen eingreifen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Motiv des künstlichen Menschen ein und skizziert die wissenschaftliche Relevanz im Kontext der feministischen Filmtheorie und Geschlechterforschung.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die filmtheoretische Basis mittels Laura Mulvey und erörtert die Definition sowie Stammeslinien des künstlichen Menschen und Cyborg-Konzepts.
3. Analyse der Film- und Serienbeispiele: Die Analyse untersucht konkrete Fallbeispiele, wobei die Unterschiede in der filmischen Verarbeitung von Geschlechterrollen und die Diskrepanz zwischen innerdiegetischer Logik und Zuschauererwartung hervorgehoben werden.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass weibliche künstliche Wesen meist traditionellen Dualismen unterliegen und die Vision eines geschlechterunabhängigen Cyborgs in den analysierten Werken weitgehend utopisch bleibt.
Schlüsselwörter
Künstliche Frau, Science-Fiction, Feministische Filmtheorie, Gender, Cyborg, Patriarchat, Blickordnung, Identität, Metropolis, Blade Runner, Ghost in the Shell, Stereotypen, Geschlechterrollen, Repräsentation, Technologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung künstlicher weiblicher Wesen in Science-Fiction-Filmen und Serien unter dem Aspekt feministischer Filmtheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Konstruktion von Geschlecht im Film, die Rolle des männlichen Blicks (Male Gaze) und die technologische Erweiterung des menschlichen Körpers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll analysiert werden, ob Science-Fiction-Welten trotz ihrer futuristischen Prämisse traditionelle Geschlechterrollen reproduzieren oder tatsächlich aufbrechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt vor allem einen psychoanalytischen Ansatz nach Laura Mulvey, kombiniert mit diskursanalytischen Elementen der Gender-Filmtheorie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Filme wie "Metropolis", "Blade Runner", "The Stepford Wives" sowie Serien wie "Star Trek: Voyager" und das "Ghost in the Shell"-Franchise detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Cyborg, Geschlechterkonstruktion, Kastrationskomplex, Fetischobjekt, Identität und die Dichotomie von Mensch und Maschine.
Warum wird im Fazit bezweifelt, dass Cyborgs den Dualismus überwinden können?
Die Autorin stellt fest, dass selbst technologisch hochgerüstete Figuren in den Filmen meist weiterhin in ein weibliches oder männliches Raster gezwungen werden, um den Erwartungen des Publikums zu entsprechen.
Welche Rolle spielt der "Blick" auf die künstliche Frau?
Der Blick fungiert als Machtinstrument, das die künstliche Frau entweder abwertet, sexualisiert oder als Bedrohung markiert, die es durch Entlarvung oder Zerstörung zu kontrollieren gilt.
- Arbeit zitieren
- Patricia Cramer (Autor:in), 2014, Zwischen Angst und Lust. Die künstliche Frau im Science-Fiction-Film und Fernsehen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/439565