Die organisationale Pfadforschung stellt derzeit eines der bedeutendsten und mit der größten Aufmerksamkeit versehenen Felder innerhalb der Organisationsforschung dar. Die Pfadabhängigkeitstheorie liefert dabei einen wichtigen Erklärungsansatz zu Entwicklungen von Prozessen und Dynamiken auf verschiedenen Betrachtungsebenen der Organisationen und interorganisationalen Zusammenhänge, wie bspw. Netzwerke oder ganze Branchen. Schwerpunkte in der Pfadforschung liegen hierbei vor allem auf der Erklärung, wie Pfade entstehen und welche Auswirkungen dies für die Betroffenen hat und in letzter Zeit als Anspruch der Pfadabhängigkeitstheorie als eine handlungsleitende Theorie zudem darauf, welche Auswege es gibt, um aus diesen Pfad auszubrechen. Der Pfad beschreibt dabei ein (im Nachgang) zu beobachtendes Phänomen, wie sich strukturelle und strategische Prozesse, die zu Beginn noch eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten aufweisen, durch die Eintritte von bestimmten Ereignissen und das damit im Zusammenhang stehende Herausbilden von bestimmten Umständen zu einem einzigen Pfad entwickeln, der sich durch Trägheit und Persistenz auszeichnet. Diese Persistenz der Pfade stellt sich als die herausgebildete, stabile Lösung in einem bestimmten Entwicklungsprozess dar, welche selbst bei sich verändernden Kontexten in dem Bereich beibehalten wird und sich somit als beobachtbare Inflexibilität zeigt. Dieses Verharren wird durch die Pfadtheorie im Wesentlichen durch die zuvor stattgefundenen „selbstverstärkenden Effekte“ erklärt, auf die diese Trägheit zurückzuführen ist. Dabei entstammt die Pfadforschung originär nicht direkt der Organisationsforschung. Vielmehr wurden zu Beginn in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zunächst technologische Prozesse untersucht und dann eine Übertragung auf Institutionen und schließlich Organisationen vorgenommen. Hier fand eine Ausweitung auf vor allem strategische Prozesse statt, indem Ansätze und Modelle zu Pfadentwicklungen geschaffen wurden, um so methodische Untersuchungen zu diesen Vorgängen zu ermöglichen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemerarbeitung
1.2 Zielstellung, Forschungsfrage und Vorgehensweise
2 Theorie der Pfadabhängigkeit
2.1 Begrifflichkeit der Pfadabhängigkeit
2.2 Pfadabhängigkeit im Rahmen der Technologieforschung
3 Organisationale Pfadabhängigkeit
3.1 Pfade bei Institutionen und Organisationen
3.2 Bezug zu den Organisationstheorien
4 Veranschaulichung organisationaler Pfadabhängigkeit anhand des Phasenmodells der Pfadabhängigkeit in Organisationen
4.1 Das Phasenmodell zur Erklärung des Prozesses der Pfadabhängigkeit
4.2 Beispiel der Pfadabhängigkeit in der Automobilindustrie
5 Auswege aus der organisationalen Pfadabhängigkeit
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung organisationaler Pfadabhängigkeiten auf Basis des wissenschaftlichen Kenntnisstandes, um wissenschaftliche Erklärungsansätze und potenzielle Auswege für Unternehmen aus solchen Pfadabhängigkeiten zu identifizieren.
- Theoretische Grundlagen und Begriffsdefinition der Pfadabhängigkeit
- Analyse organisationaler Pfadabhängigkeit und deren theoretische Einbettung
- Anwendung des Phasenmodells nach Sydow et al. zur Pfadanalyse
- Fallbeispiel zur Pfadabhängigkeit in der Automobilindustrie
- Diskussion von Strategien zur Pfadbrechung und Pfadmonitoringsystemen
Auszug aus dem Buch
Phase I: „Preformation Phase“
In der Vorphase zum eigentlichen Pfadprozess herrscht ein relativ breiter und nicht signifikant beschränkter Handlungsspielraum. Die Phase zeichnet sich demnach durch noch bestehende Offenheit von Handlungs- und Entscheidungsalternativen aus. Aus dem Rückblick auf diese Phase ist dazu identifizierbar, dass es zu der letztlich zustande gekommenen Lösung in dieser Phase sowohl theoretische als auch praktisch greifbare Alternativen gab. Allerdings herrschte keine Unbeschränktheit, d. h. dass gemäß des Historizitätsprinzips bereits durch bestehende institutionelle Regeln etc. die Entscheidungen in den Organisationen beschränkt werden. Dies bedeutet, dass bereits in dieser Phase „history matters“, was Auswirkungen in dieser und auf die folgenden Phasen hat. Anschaulich ist diese Überlegung der vorstehenden Abbildung 1 dadurch zu entnehmen, dass aus der Gesamtanzahl an Optionen nur gewisse infrage kommen und angewendet werden. Dies ist durch die „graue Unterlegung“ gekennzeichnet als die „zur Verfügung stehenden Möglichkeiten“. Die Wahrnehmung und Wahl der Handlungsoptionen kann in dieser Phase zudem durch die sogenannten „small events“ geprägt sein. Ob small events dabei einen Pfadprozess auslösen, kann zu diesem Zeitpunkt gemäß ihres Wesens nicht bestimmt werden, sondern erst ex post im Rückblick. Werden jedoch zum ersten Mal durch ein small oder auch bigger event nachhaltig selbstverstärkende Effekte ausgelöst, wird dies als „critical juncture“ bezeichnet, der demzufolge den Verbindungspunkt und Übergang zur nächsten Phase darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die organisationale Pfadforschung ein und definiert die zentrale Forschungsfrage sowie das methodische Vorgehen mittels Literaturanalyse.
2 Theorie der Pfadabhängigkeit: Hier werden die begrifflichen Grundlagen der Pfadtheorie erläutert und ihr Ursprung in der technologischen Forschung sowie die Bedeutung von "history matters" dargelegt.
3 Organisationale Pfadabhängigkeit: Das Kapitel überträgt das Konzept der Pfadabhängigkeit auf Institutionen und Organisationen und diskutiert den Bezug zu verschiedenen Organisationstheorien.
4 Veranschaulichung organisationaler Pfadabhängigkeit anhand des Phasenmodells der Pfadabhängigkeit in Organisationen: Es wird das Phasenmodell von Sydow et al. detailliert vorgestellt und anhand des Beispiels der Automobilindustrie auf die Pfadentwicklung angewandt.
5 Auswege aus der organisationalen Pfadabhängigkeit: Dieses Kapitel diskutiert Ansätze zur intentionalen Pfadbrechung sowie das Instrument des Pfadmonitorings als Früherkennungssystem.
6 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und konstatiert weiteren Forschungsbedarf hinsichtlich der organisationalen Pfadabhängigkeit in der Praxis.
Schlüsselwörter
Pfadabhängigkeit, Organisationale Pfadabhängigkeit, Pfadforschung, Phasenmodell, Sydow, Lock-in, Pfadbrechung, Pfadmonitoring, Selbstverstärkende Effekte, Strategisches Management, Inflexibilität, Historizität, Organisationsentwicklung, Technologieforschung, Automobilindustrie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entstehung und der Entwicklung organisationaler Pfadabhängigkeiten und analysiert, wie diese Prozesse innerhalb von Unternehmen ablaufen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die theoretischen Grundlagen der Pfadabhängigkeit, das Phasenmodell organisationaler Pfadabhängigkeit, Strategien zur Pfadbrechung und die Anwendung dieser Konzepte auf die Automobilindustrie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu erörtern, welche wissenschaftlichen Ansätze zur Erklärung von Pfadabhängigkeiten genutzt werden und welche Möglichkeiten zur Pfadbrechung bzw. zum Ausbruch aus solchen Pfaden existieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Als methodisches Vorgehen wurde eine umfassende Literaturanalyse einschlägiger wissenschaftlicher Fachbeiträge gewählt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Theorie der Pfadabhängigkeit, die Spezifika organisationaler Pfade, das Phasenmodell nach Sydow et al. sowie praktische Strategien zur Pfadbrechung und Monitoring-Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Pfadabhängigkeit, Phasenmodell, Lock-in, Selbstverstärkungseffekte, Pfadbrechung und Pfadmonitoring.
Welche Rolle spielt das Phasenmodell von Sydow et al.?
Es dient als zentrales theoretisches Rahmenwerk, um Pfadphänomene methodisch zu untersuchen und in drei Entwicklungsphasen zu gliedern.
Warum ist das Beispiel der Automobilindustrie für diese Arbeit relevant?
Das Beispiel veranschaulicht die historische Durchsetzung des Verbrennungsmotors als Pfad und verdeutlicht die Mechanismen, die zu einem "Lock-in" führen, sowie die Schwierigkeiten, diesen Pfad intentional zu verlassen.
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- Paul Czembor (Author), 2017, Organisationale Pfadabhängigkeit. Theorie und Auswege, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/438287