Das Ziel dieser Arbeit ist es, die rhapsodischen Bemerkungen der Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins für eine Kritik an der rationalistischen Philosophie Descartes‘ fruchtbar zu machen. Bereits Gilbert Ryle hat mit seinem Werk Der Begriff des Geistes die Gangbarkeit einer an Wittgensteins Sprachphilosophie angelehnten kritischen Auseinandersetzung mit der cartesianischen Metaphysik aufgezeigt. Aber auch Wittgenstein selbst hat in einer Bemerkung, die im Zuge der Ausarbeitungen des zweiten Teils der PhU niedergeschrieben wurde, auf die Möglichkeit einer Konfrontation von sprachphilosophischen Überlegungen mit den Fragen der Metaphysik hingedeutet:
"Philosophische Untersuchungen: begriffliche Untersuchungen. Das Wesentliche der
Metaphysik: daß ihr der Unterschied zwischen sachlichen und begrifflichen Untersuchungen nicht klar ist. Die metaphysische Frage ist dem Anschein nach eine sachliche, obschon das Problem ein begriffliches ist." (BPP I, § 949)
Ich möchte also jene „begriffliche Untersuchungen“ aufnehmen und werde dabei im Unterschied zu Ryle, der sich in Orientierung an Wittgenstein mit dem cartesianischen Leib-Seelen-Dualismus auseinandergesetzt hat, gezielt die Cogito-Argumentation in Descartes‘ Meditationen über die Erste Philosophie anhand der PhU evaluieren. Ich werde zunächst in einem kurzen Abschnitt die Argumentationsstruktur der Cogito-Überlegungen der ersten beiden Meditationen Descartes‘ rekonstruieren, um dann in einem zweiten Abschnitt meine eigenen Überlegungen für eine Kritik des Cogito-Arguments mittels der PhU auszuführen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Cogito-Argument
3 Die Sprache der Gewissheit
4 Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die von Ludwig Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen entwickelten sprachphilosophischen Konzepte für eine kritische Untersuchung des cartesianischen Cogito-Arguments fruchtbar zu machen, um die metaphysische Annahme eines sicheren Erkenntnisfundaments infrage zu stellen.
- Kritische Auseinandersetzung mit René Descartes' Cogito-Argument
- Anwendung von Wittgensteins Privatsprachen-Argument
- Untersuchung der Sprachgebundenheit von Erkenntnis und Bewusstsein
- Dekonstruktion des cartesianischen Leib-Seelen-Dualismus
- Reflektion über die Rolle von Sprache bei der Konstitution des Ich-Gefühls
Auszug aus dem Buch
Die Sprache der Gewissheit
Zu einem der wohl meist diskutierten Konzepten der PhU gehört das Privatsprachen-Argument, das Wittgenstein in den Bemerkungen § 243-363 immer wieder aufgreift und weiterentwickelt. Den Fond bildet dabei die Auffassung, dass es einem einzelnen Menschen in einer Art „Kasper Hauser“-Szenario nicht möglich wäre, eine eigene Sprache zu entwickeln und diese sinnvoll zu verwenden (vgl. Grayling 2004, 110). Dies geht aus anderen wichtigen Überlegungen Wittgensteins in Bezug auf den Begriff der „Regel“ hervor. Die Verwendung der Sprache muss eine regelgeleitete (normative) Tätigkeit sein, damit sprachliche Äußerung überhaupt verstanden werden können (vgl. Grayling 2004, 100). Das bedeutet wiederum, dass es öffentliche Kriterien für die Sprachverwendung geben muss, anhand denen sich überprüfen lässt, ob ein sprachlicher Akt sinnvoll vollzogen wurde (vgl. Grayling 2004, 112).
In Hinblick auf Descartes sind diese Ideen nun insofern relevant, als dass die Erkenntnis der Gewissheit der eigenen Existenz als eine Bemerkung auftritt, die immer an eine sprachliche Modulation des „Ich bin“ (ZM, 79) zurückgebunden wird. Da die Existenz einer Außenwelt im Vorfeld des Cogito-Arguments bezweifelt und damit praktisch negiert wird, stehen auch keine öffentlichen Kriterien zur Verfügung, anhand deren verifiziert werden könnte, ob das „Ich bin“ sinnvoll gebraucht wurde. Descartes selbst negiert ja mit seinem Bösen-Geist-Szenario die Annahme, dass logisch-mathematische Grundlagen selbstevident wären. Dasselbe muss auch notwendigerweise für die korrekte Ausführung logischer Operationen gelten und es ist daher auch naheliegend, dass damit ebenfalls der korrekte Sprachgebrauch innerhalb der Argumentationsstruktur der Meditationen nicht als apodiktisch angesehen werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, Wittgensteins philosophische Ansätze als Korrektiv zur cartesianischen Metaphysik und deren Cogito-Argument einzusetzen.
2 Das Cogito-Argument: Dieses Kapitel rekonstruiert Descartes' methodischen Zweifel sowie die Herleitung des „Ich bin, Ich existiere“ als vermeintlich sicheres Fundament der Erkenntnis.
3 Die Sprache der Gewissheit: Hier wird Wittgensteins Privatsprachen-Argument angewandt, um aufzuzeigen, dass ohne öffentliche Sprachkriterien die cartesianische Gewissheit über das eigene Ich ihre epistemologische Stabilität verliert.
4 Abschlussbetrachtung: Das Kapitel fasst zusammen, dass Descartes' skeptische Szenarien die Überprüfung von Sprachgebrauch verunmöglichen und das Cogito somit nicht als deduktives Fundament taugt.
Schlüsselwörter
Cogito-Argument, Descartes, Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Privatsprachen-Argument, Metaphysik, Erkenntnistheorie, Leib-Seelen-Dualismus, Sprachphilosophie, Ich-Gefühl, Epistemologie, Meditationen, Regelbefolgung, Skeptizismus, Sprachkonstitution
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das berühmte Cogito-Argument von René Descartes aus der Perspektive der Sprachphilosophie von Ludwig Wittgenstein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die cartesianische Metaphysik, die Bedeutung von Sprache für die Erkenntnisgewissheit und die Kritik an der Vorstellung einer privaten, subjektiven Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass Descartes' Suche nach einem sicheren Fundament der Erkenntnis scheitert, da sie die soziale und regelgeleitete Natur von Sprache ignoriert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine begriffliche Untersuchung, die philosophische Texte von Descartes und Wittgenstein in einen kritischen Dialog setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Descartes' Traumargument sowie das Genius-malignus-Szenario und stellt diesen die sprachphilosophischen Einwände Wittgensteins gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Cogito-Argument, Privatsprachen-Argument, Gewissheit, Sprachkonstitution und Erkenntnistheorie.
Warum hält der Autor Descartes' Cogito-Argument für problematisch?
Der Autor argumentiert, dass das „Ich bin“ ohne ein öffentliches Sprachsystem, welches bei Descartes durch den radikalen Zweifel negiert wird, keine verifizierbare Bedeutung hat.
Welche Rolle spielt das „Ich“ im Kontext dieser Untersuchung?
Das „Ich“ wird nicht als ontologisch gegebene Substanz gesehen, sondern als kontingentes sprachliches Phänomen, dessen Bedeutung von intersubjektiven Sprachregeln abhängt.
Inwiefern ist das Privatsprachen-Argument entscheidend?
Es zeigt auf, dass Erkenntnisse, die nur auf innerweltlichen, privaten Empfindungen basieren, der notwendigen sozialen Korrektur durch Sprache entbehren und somit wissenschaftlich nicht als sicher gelten können.
Welchen Stellenwert nimmt die „Abschlussbetrachtung“ ein?
Sie dient als Resümee, das unterstreicht, dass Descartes' solipsistische Skepsis die Überprüfung des korrekten Sprachgebrauchs unterbindet und somit die epistemologische Validität des Cogito untergräbt.
- Arbeit zitieren
- Linus Hellwig (Autor:in), 2017, Die Sprache der Gewissheit. Eine sprachphilosophische Untersuchung des Cogito-Arguments, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/437599