Anna … Wer? Diese Frage werden sich fast alle stellen, die dieses Buch in die Hand nehmen, Russlandexperten nicht ausgenommen. Anna Wladimirowna Nikulina ist heute eine Unbekannte, eine Vergessene. Und das, obwohl sie eine der großen Symbolfiguren des 20. Jahrhunderts ist. Am 2. Mai 1945 hat sie die Rote Fahne auf Hitlers Reichskanzlei gehisst. In ihren Erinnerungen, die sie Anfang der 80er Jahre des vorherigen Jahrhunderts veröffentlichte, schildert die Kosakentochter ihren 5.000 Kilometer langen Weg vom nordkaukasischen Mosdok bis nach Berlin. Diese Erinnerungen werden im Band 2 des Buches „Anna Wladimirowna Nikulina Flamme in der Nacht“ erstmals komplett in deutscher Sprache vorgelegt.
Die Lektüre der Memoiren Anna Nikulinas stößt allerdings auf zwei grundlegende Probleme, und zwar erstens den Charakter des Krieges zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion und zweitens die Figur des sowjetischen Kommissars. Nach 45 Jahren Kaltem Krieg und 27 Jahren NATO-Osterweiterung haben sich gesellschaftsweit Vor-Urteile herausgebildet, die es sehr schwer machen, Texte über die Sowjetunion, den 2. Weltkrieg und die Kommissare der Roten Armee unvoreingenommen zu lesen und zu durchdenken. Noch bevor Leserinnen und Leser solche Texte überhaupt zur Hand nehmen, sind bei vielen die abschließenden Urteile bereits fix und fertig im Kopf vorfabriziert und die geistigen Schubladen geöffnet, in denen das Gelesene abgelegt wird.
Diese Vor-Urteile können wir weder aus der Welt schaffen noch ignorieren. Im vorliegenden 1. Band des Buches werden wir deshalb versuchen, in den historischen Kontext des Nikulina-Textes einzuführen, und zwar so, dass es Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, ermöglicht wird, einige gängige Vor-Urteile und scheinbare Selbstverständlichkeiten, die den 2. Weltkrieg und die Rolle der sowjetischen Kommissare betreffen, selbst zu hinterfragen und auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen.
Inhaltsverzeichnis Band 1: Der Kontext
1. Die Unbekannte: Anna … Wer?
2. Eine Einleitung: Der Krieg und die Kommissare
2.1. Der Krieg: Der große Demozid und seine Umdeutungen
2.1.1. Der große Demozid
2.1.1.1. Begriff und Umfang des großen Demozids
2.1.1.2. Voraussetzungen des großen Demozids
2.1.1.3. Die systematische Vorbereitung des großen Demozids
2.1.1.4. Die Generalprobe für den großen Demozid
2.1.1.5. Die militärischen Planungen des großen Demozids
2.1.1.6. Die nichtmilitärischen Planungen des großen Demozids
2.1.1.7. Die Vernetzung der Planungen des großen Demozids
2.1.1.8. Vier Beispiele aus dem großen Demozid
2.1.2. Die Umdeutungen des großen Demozids
2.1.2.1. Die Umdeutung zum Krieg
2.1.2.2. Die Umdeutung zum Präventivkrieg
2.1.2.3. Die Umdeutung zur Notwehr
2.1.2.4. Die Umdeutung zum Fall „Hund frisst Hund“
2.2. Die Kommissare: Bedeutung und Aufgaben
2.2.1. Die Bedeutung der Kommissare
2.2.1.1. Kommissare in modernen Gesellschaften
2.2.1.2. Kommissare in der Roten Armee
2.2.1.3. Der deutsche Kommissarbefehl
2.2.1.4. Die nationalsozialistischen Führungsoffiziere
2.2.2. Die Aufgaben einer Kommissarin
2.2.2.1. Frauen im Kampf gegen den großen Demozid
2.2.2. Die Arbeit Anna Nikulinas
3. Archivalien: Begegnungen, Bilder und Dokumente
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Wirken von Anna Wladimirowna Nikulina als sowjetische Politoffizierin und Kommissarin im Kontext des deutsch-sowjetischen Krieges (1941-1945). Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Rolle, Funktion und den Alltag der Kommissarinnen sowie die Widerlegung gängiger Vorurteile über deren tatsächliche Tätigkeit durch eine fundierte historische Analyse des "großen Demozids".
- Historischer Kontext und Charakterisierung des Vernichtungskrieges als Demozid
- Strukturelle Analyse der Rolle und Bedeutung sowjetischer Politkommissare
- Kritische Aufarbeitung von Umdeutungen und Mythen bezüglich der sowjetischen Kriegführung
- Dokumentation des spezifischen Beitrags von Frauen im Kampf gegen den Faschismus
- Empirische Einblicke durch Archivalien, Dokumente und persönliche Erinnerungen
Auszug aus dem Buch
1. Die Unbekannte: Anna … Wer?
Diese Frau ist heute eine Unbekannte, eine Vergessene. Und das, obwohl sie eine der großen Symbolfiguren des 20. Jahrhunderts ist. Mehr noch, Anna Wladimirowna Nikulina gehört zu jenen Frauen der Menschheitsgeschichte, die in den Befreiungskriegen ihrer Völker ihren Mitkämpferinnen und Mitkämpfern zur Seite standen und die durch ihr persönliches Beispiel andere Menschen motivierten, über sich hinauszuwachsen. Würde es nicht zu vielerlei Missverständnissen Anlass geben und überdies der Bescheidenheit dieser Frau zutiefst zuwiderlaufen, dann wäre man versucht, sie als eine moderne Heroine oder eine sowjetische Jeanne d’Arc zu bezeichnen.
Um Anna Nikulina kennen zu lernen, bitten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns zunächst auf eine kurze Zeitreise, in das Berlin der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts zu begleiten, genauer, eine Zeitreise ins Zentrum der Stadt, in die Kanzlei des Grauens.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Unbekannte: Anna … Wer?: Einführung in die Biografie und historische Bedeutung von Anna Wladimirowna Nikulina als eine bisher vergessene Symbolfigur des antifaschistischen Kampfes.
2. Eine Einleitung: Der Krieg und die Kommissare: Analyse der historischen Ausgangslage, des Charakters des Vernichtungskrieges sowie der elenden, von Vorurteilen geprägten Figur des sowjetischen Kommissars.
2.1. Der Krieg: Der große Demozid und seine Umdeutungen: Detaillierte Untersuchung des deutsch-sowjetischen Krieges als geplanten Demozid sowie Auseinandersetzung mit verschiedenen geschichtspolitischen Umdeutungen dieses Begriffs.
2.2. Die Kommissare: Bedeutung und Aufgaben: Theoretische und praktische Einordnung der Funktion des Kommissars in Geschichte und Gegenwart, mit Fokus auf die spezifische Arbeit Anna Nikulinas und die Rolle der Frau.
3. Archivalien: Begegnungen, Bilder und Dokumente: Präsentation von Zeitzeugnissen, persönlichen Erinnerungen und Dokumenten, die das private Wirken und das geschichtliche Zeugnis von Anna Nikulina belegen.
Schlüsselwörter
Anna Wladimirowna Nikulina, Demozid, Vernichtungskrieg, Rote Armee, Politkommissar, Politoffizier, Sowjetunion, Nationalsozialismus, Antifaschismus, Barbarossa, Holocaust, Partisanen, Zweiter Weltkrieg, Erinnerungskultur, Wehrmacht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet das Leben und Wirken von Anna Wladimirowna Nikulina, einer bisher wenig bekannten, jedoch historisch bedeutenden sowjetischen Kommissarin im Zweiten Weltkrieg.
Welche Themenfelder stehen im Fokus?
Zentral sind der historische Kontext des deutsch-sowjetischen Krieges, die Einordnung des Krieges als Demozid, die Rolle politischer Kommissare und die spezifischen Beiträge von Frauen im Widerstand gegen den Faschismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein differenzierteres Verständnis für die Arbeit sowjetischer Politoffiziere zu schaffen und die, durch den Kalten Krieg und moderne Geschichtsrevisionismen verzerrten, Vorurteile durch eine fundierte historische Analyse zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse historischer Dokumente, zeitgenössischer Berichte und Memoiren, ergänzt durch eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen historiografischen Diskussion.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der systematische Demozid, die Planung und Durchführung des Unternehmens "Barbarossa" sowie die Bedeutung und Aufgaben von Kommissaren detailliert untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Begriffe Demozid, Politkommissar, Vernichtungskrieg, Nationalsozialismus und Antifaschismus sind grundlegend für das Verständnis der in der Arbeit dargelegten Zusammenhänge.
Wie bewerten die Autoren die Rolle der Wehrmacht bei Massenmorden?
Die Autoren legen dar, dass die Wehrmacht maßgeblich an der systematischen Vernichtung und Durchführung des Demozids beteiligt war und durch den "Kommissarbefehl" aktiv als Vollstrecker agierte.
Wie steht die Arbeit zu den sogenannten "Umdeutungen" des Krieges?
Die Arbeit kritisiert Umdeutungen wie "Präventivkrieg" oder "Notwehr" als historisch unhaltbar und als Versuche, den vorsätzlichen Massenmordcharakter des deutschen Vernichtungskrieges zu verschleiern.
- Quote paper
- Lutz Marz (Author), Vera Bergmann (Author), 2018, Anna Wladimirowna Nikulina – Flamme in der Nacht. Band 1: Der Kontext, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/432682