Für die Dauer von zwei Wochen führte ich im Rahmen meines Forschungsprojekts in der Soziologie eine ethnografische Studie an einer Grundschule in Rheinland-Pfalz durch. Befassen soll sich die im folgenden präsentierte Studie mit Regeln und Ritualen im Grundschulunterricht. Regeln und Rituale gehören in vielen Klassengemeinschaften zu einem festen Bestandteil des Schulalltags. Dementsprechend wird ihnen in vielerlei Hinsicht eine große Bedeutung zugeschrieben.
Die betroffenen Schüler und Schülerinnen reisen von Klasse zu Klasse und stehen immer wieder neuen Lehrern in deren Hoheitsgebieten, in welchen ihre eigenen Regeln und Rituale gelten, gegenüber. Hierbei lässt sich nicht immer davon ausgehen, dass die Schülerinnen und Schüler nicht in der Lage sind, die Masse an Regeln und Ritualen, die von den betroffenen Lehrern bereitgestellt wird, zu differenzieren und zu verarbeiten. Diese Art der Reizüberflutung kann bei Schülern verschiedene Reaktionen hervorrufen, worauf ich im weiteren Verlauf meines Forschungsberichts genauer eingehen werde.
Inhaltsverzeichnis
1. Eine Reise in die Welt der Regeln und Rituale der Grundschule
2. Der Beginn meiner Reise
2.1 Beschreibung des Forschungsfeldes
2.2 Der Feldzugang als Beginn meiner Reise
2.3 Die Gestaltung meiner Reise – Durchführung der Studie
3. Wenn Schüler auf Reisen gehen – Überregulierung und Überritualisierung im Grundschulunterricht
3.1 Kernbeobachtungen und deren Analyse
3.2 Was geht hier eigentlich vor?
4. Das Ende meiner Reise – Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende ethnografische Studie untersucht die Auswirkungen einer Vielzahl an schulischen Regeln und Ritualen auf den Grundschulalltag und geht der Forschungsfrage nach, wie sich die Überregulierung und Überritualisierung auf die Schüler auswirkt und ob diese den Unterrichtsfluss eher strukturiert oder durch Komplexitätssteigerung behindert.
- Ethnografische Feldforschung in einer Grundschule mit Förderschwerpunkt Sprache und Integration.
- Analyse der Reaktionen von Schülern auf widersprüchliche oder variierende Regeln verschiedener Lehrkräfte.
- Anwendung der Rahmen-Analyse nach Erving Goffman zur Deutung von Alltagserfahrungen im Unterricht.
- Untersuchung des "Hoheitsgebiets" einzelner Lehrer und dessen Konsequenzen für die Schüler.
- Reflexion über die Rolle von Regeln als Strukturierungshilfe gegenüber ihrer Wirkung als Belastungsfaktor.
Auszug aus dem Buch
3. Wenn Schüler auf Reisen gehen – Überregulierung und Überritualisierung im Grundschulunterricht
Generell befinden sich Schüler in einem festen Klassenverband und stehen ihrem Klassenlehrer oder ihrer Klassenlehrerin gegenüber. An der betroffenen Grundschule allerdings gibt es neben dem Religionsunterricht Deutsch- und Mathematikkurse, wodurch Schüler immer wieder in neuen Gruppen mit unterschiedlichen Lehrern konfrontiert werden. Alle Lehrer der Schule gliedern verschiedene Regeln und Rituale in ihren Unterricht ein. So gibt es von einem Ritual oder einer Regel viele verschiedene Variationen der Umsetzung. Der stille Fuchs4 zum Beispiel ist eine mit der Hand ausgeführte Bewegung, mit welcher der Lehrer seine Schüler darauf hinweist, dass fortan Stille einkehren soll. Die Schüler müssen darüber hinaus ebenfalls dieselbe Handbewegung ausführen. Eine Alternative zum stillen Fuchs, die letztlich das gleiche Ziel verfolgt sind die sogenannten Brezelarme5, mit welchen der Lehrer seine Schüler ebenfalls um Ruhe bittet. Indem die Schüler und Schülerinnen die Gestik des Lehrers imitieren wird gleichzeitig vermieden, dass die betroffenen Schüler sich mit anderen Dingen beschäftigen, zum Beispiel das Bearbeiten einer Aufgabe, nachdem die dafür vorgesehene Arbeitszeit abgelaufen ist.
Warum es letztlich verschiedene Variationen von ein und demselben Ritual beziehungsweise von ein und derselben Regel gibt, hat mit den persönlichen Vorlieben der Lehrkräfte zu tun. Vielmehr sollte man näher auf die daraus resultierenden Konsequenzen eingehen und näher beleuchten, was sich für die Schüler aus dieser Variationsvielfalt von Regeln und Ritualen ergibt. Auf mögliche Konsequenzen gehe ich zu einem späteren Zeitpunkt genauer ein. Oft verzichten Lehrer auf den Einsatz bestimmter Regeln und Rituale gänzlich, während andere Lehrer auf eine bestimmte Regel oder ein bestimmtes Ritual großen Wert legen. In dem nun folgenden Beispiel, welches eine kurze Unterrichtssequenz aus einem Deutsch-Kurs der zweiten Klasse zeigt, wird diese Problematik deutlich. Bei der Mehrheit der Lehrer werden im Klassenzimmer Hausschuhe getragen, manche aber verzichten auf den Einsatz dieser Regel, wie es das folgende Beispiel6 zeigt:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Eine Reise in die Welt der Regeln und Rituale der Grundschule: Einführung in die ethnografische Studie und Darstellung der Relevanz von Regeln und Ritualen für die Strukturierung des Schulalltags.
2. Der Beginn meiner Reise: Beschreibung des Forschungsfeldes einer Ganztagsschule sowie Erläuterung des methodischen Feldzugangs und der Durchführung der teilnehmenden Beobachtung.
3. Wenn Schüler auf Reisen gehen – Überregulierung und Überritualisierung im Grundschulunterricht: Analyse der Beobachtungsergebnisse hinsichtlich der Belastung durch variierende Regeln und theoretische Einordnung mittels Goffmans Rahmen-Analyse.
4. Das Ende meiner Reise – Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Reflexion der gewonnenen Erkenntnisse über die Lehrerrolle und der Umgang mit Komplexität durch Regeln im Unterricht.
Schlüsselwörter
Ethnografie, Grundschule, Regeln, Rituale, Feldzugang, Überregulierung, Überritualisierung, Rahmen-Analyse, Erving Goffman, Unterrichtsstruktur, Teilnehmende Beobachtung, Lehrerrolle, Schulalltag, Sozialkompetenz, Komplexität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle und Wirkung von Regeln und Ritualen im Alltag einer Grundschule, insbesondere unter dem Aspekt der ethnografischen Feldforschung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die ethnografische Methodik, der Einfluss von Regeln auf die Unterrichtsstruktur und die Analyse von Schülerreaktionen in variierenden Lehr-Lern-Kontexten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich eine Fülle unterschiedlicher Regeln auf die Schüler auswirkt und ob diese im Einzelfall eher zur Überforderung als zur Strukturierung beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die teilnehmende Beobachtung, ergänzt durch informelle Gespräche und die Dokumentation mittels Fieldnotes, um das Feld zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert konkrete Unterrichtsbeobachtungen, wie beispielsweise den Umgang mit Haus- und Straßenschuhen oder Disziplinierungsmethoden wie die 1-2-3-Methode, und ordnet diese theoretisch ein.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Wichtige Begriffe sind Ethnografie, Überritualisierung, Rahmen-Analyse, soziale Interaktion und pädagogische Führung.
Wie beeinflusst der "Gatekeeper" den Forschungsverlauf?
Da der Autor bereits als Vertretungslehrer an der Schule tätig war und eine gute Beziehung zur Direktorin pflegte, wurde der Zugang zum Feld und die Akzeptanz des Forschungsprojekts erheblich erleichtert.
Welche Rolle spielt die "Rahmen-Analyse" von Erving Goffman für die Ergebnisse?
Goffmans Ansatz dient dazu, das "Was geht hier eigentlich vor?" zu beantworten, indem er erklärt, wie Schüler und Lehrer Ereignisse in verschiedene, teils konfligierende soziale Rahmen einordnen.
- Arbeit zitieren
- M.Ed. Christopher Domke (Autor:in), 2016, Wenn Schüler auf Reisen gehen. Überregulierung und Überritualisierung im Grundschulunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/431046