Literatur und Film – zwei Medien, die sich gegenseitig bedingen, beeinflussen und inspirieren. Wenn es um Wechselwirkungen zwischen diesen beiden geht, geht es aber nicht nur um die Übernahme von Fiktionalität und Narrativität generell, sondern auch um das Filmische Schreiben oder die filmische Schreibweise als Stil. Gemeint sein kann damit sowohl Literatur, die durch den Film beeinflusst wurde, also auch Literatur, die filmisch wirkt noch vor dessen Erfindung. Bestimmte Elemente und Erzählverfahren des poetischen Realismus des 19. Jahrhunderts sorgen dafür, dass beim Lesen schon ein innerer Film vorm Auge des Betrachters entsteht, weswegen diese Texte sich auch gut für Verfilmungen zu eignen scheinen.
In dieser Arbeit soll kurz geklärt werden, was eine filmische Schreibweise ausmacht und was in den Texten des bürgerlichen Realismus zu finden ist, das dazu gezählt werden kann. Am Beispiel Theodor Fontantes Effi Briest sollen einige Beispiele genannt und eine einzelne Szene daraufhin untersucht werden. Der Roman von 1894/95 wurde bereits fünf mal sehr unterschiedlich verfilmt, weswegen zum Schluss noch ein kurzer Blick auf die zuvor analysierte Szene in den drei aktuellsten Verfilmungen geworfen werden soll. Interessiert sich der jeweilige Regisseur für die Filmhaftigkeit der Textvorlage? Wie wird die Szene verändert, um in Aussage und Stil zum jeweiligen Film zu passen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Filmisches Schreiben?
3. Der bürgerliche Realismus und das prokinematografische Schreiben
4. Theodor Fontane: Effi Briest
4.1 Allgemeines zum Werk und der Entstehung
4.2 Filmisches Schreiben in Effi Briest
4.3 Exemplarische Analyse der Szene Kutschfahrt im Wald (19. Kapitel)
5. Filmische Umsetzungen
5.1 Die Verfilmungen von Effi Briest
5.2 Die Szene Kutschfahrt im Wald in den drei aktuellsten Verfilmungen
5.2.1 Effi Briest, 1968 (DDR), Wolfgang Luderer
5.2.2 Fontane Effi Briest, 1974, Rainer W. Fassbinder
5.2.3 Effi Briest, 2009, Hermine Huntgeburth
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Intermedialität zwischen Literatur und Film anhand von Theodor Fontanes Roman Effi Briest. Das primäre Ziel ist es, die Existenz einer filmischen Schreibweise bereits in der Literatur des 19. Jahrhunderts nachzuweisen und zu analysieren, wie Regisseure diese narrativen Techniken in unterschiedlichen Verfilmungen adaptieren oder transformieren.
- Definition und theoretische Grundlagen des Begriffs "Filmisches Schreiben".
- Zusammenhang zwischen bürgerlichem Realismus und prokinematografischen Erzählverfahren.
- Analyse filmischer Stilmittel bei Fontane (z.B. photographischer Blick, Detailreichtum, Montage).
- Vergleichende Untersuchung der Szene "Kutschfahrt im Wald" in drei Adaptionen.
- Darstellung der unterschiedlichen Regieansätze von Luderer, Fassbinder und Huntgeburth.
Auszug aus dem Buch
4.3 Exemplarische Analyse der Szene Kutschfahrt im Wald (19. Kapitel)
Die Szene, in der es zwischen Crampas und Effi das erste Mal zu Zärtlichkeiten kommt, spielt sich ebenfalls in einer fahrenden Kutsche, bzw. Schlitten ab. Nach einem Ausflug mit mehreren Personen ist ein Pferd verletzt und Innstetten fährt für den Heimweg allein in einem Wagen vor. Nachdem auch Sidonie für den weiteren Heimweg den Wagen verlässt, fahren Effi und Crampas am Ende zu zweit. Er setzt sich neben sie.
„Und so ging es denn im Fluge den beiden anderen Schlitten nach, immer dicht an dem Wasserlaufe hin, an dessen anderem Ufer dunkle Waldmassen aufragten. Effi sah hinüber und nahm an, dass schließlich an dem landeinwärts gelegenen Außenrande des Waldes hin die Weiterfahrt gehen würde, [...].“40
Innstetten wählt jedoch den Weg durch den Wald, was auch deswegen von Bedeutung für die Szene ist, da die Lichtverhältnisse sich ändern: „Bis dahin waren Luft und Licht um sie her gewesen, aber jetzt war es damit vorbei, und die dunklen Kronen wölbten sich über ihr.“41 Die Dunkelheit beunruhigt Effi, die schon vorher Angst vor der Begegnung mit Crampas hatte, „sie fürchtete sich und war doch zugleich wie in einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus“42. Crampas sagt ihren Namen, seine Stimme wird dabei als leise, nah an Effis Ohr, und zitternd beschrieben.43 Er bedeckt ihre Hand mit Küssen, Effi schließt die Augen, einer Ohnmacht nahe, und als sie sie wieder öffnet, ist die Kutsche aus dem Wald heraus „und in geringer Entfernung vor sich hörte sie das Geläut der voraufeilenden Schlitten“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Wechselwirkung zwischen Literatur und Film ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der filmischen Schreibweise in Texten des 19. Jahrhunderts.
2. Was ist Filmisches Schreiben?: Das Kapitel erläutert den Begriff des filmischen Schreibens als eine Form der Intermedialität, bei der Literatur bereits vor Erfindung des Films filmische Wahrnehmungsmuster vorwegnimmt.
3. Der bürgerliche Realismus und das prokinematografische Schreiben: Hier werden die ästhetischen Konstanten des Realismus untersucht, wobei der Fokus auf Detailtreue und Techniken liegt, die den Blick des Lesers wie eine Kamera lenken.
4. Theodor Fontane: Effi Briest: Dieser Abschnitt widmet sich der Werkgenese und analysiert konkret, wie Fontane durch Licht-, Ton- und Perspektivwechsel eine filmähnliche Erzählstruktur schafft.
5. Filmische Umsetzungen: In diesem Kapitel werden drei unterschiedliche Verfilmungen von Effi Briest analysiert, um aufzuzeigen, wie die Regisseure mit der filmhaften Textvorlage umgehen.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die filmische Schreibweise bei Fontane auf dem "photographischen Blick" basiert und zeigt die unterschiedlichen Ansätze der filmischen Adaption auf.
Schlüsselwörter
Filmisches Schreiben, Theodor Fontane, Effi Briest, Intermedialität, Bürgerlicher Realismus, Filmadaption, Erzähltechnik, photographischer Blick, Regieansatz, Literaturverfilmung, Requisiten, Erzählperspektive, Wahrnehmungsmuster, Kinematografie, Mediengeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen Literatur und Film und zeigt auf, dass literarische Texte, insbesondere aus dem bürgerlichen Realismus, bereits filmische Erzählweisen nutzen, bevor das Medium Film existierte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Theorie des "filmischen Schreibens", der Analyse von Fontanes Erzählstil in Effi Briest sowie dem Vergleich dreier unterschiedlicher Filmversionen des Romans.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie filmische Schreibweisen in Fontanes Text angelegt sind und inwieweit verschiedene Regisseure diese spezifische "Filmhaftigkeit" der Vorlage in ihren Adaptionen aufgreifen oder verändern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literatur- und medienwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär textimmanente Untersuchungen mit filmwissenschaftlichen Vergleichsanalysen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Begriffs "filmisches Schreiben" im Realismus, eine detaillierte Textanalyse von Szenen aus Effi Briest und eine vergleichende Untersuchung der filmischen Umsetzungen von Luderer, Fassbinder und Huntgeburth.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Kernbegriffe sind Intermedialität, Filmisches Schreiben, bürgerlicher Realismus, Erzähltechnik und Adaptionsgeschichte.
Inwiefern unterscheiden sich die Filmversionen in Bezug auf die Kutschfahrt?
Während Luderer die Szene romantisch-illustrierend darstellt und Fassbinder sie durch Off-Stimmen und statische Kameraarbeit experimentell mit dem Roman verknüpft, bricht die 2009er Fassung vollständig mit der literarischen Vorlage und verlegt die Annäherung an einen anderen Ort.
Warum wird die Szene der Kutschfahrt als besonders filmisch hervorgehoben?
Die Szene zeichnet sich durch eine hohe visuelle Dynamik, den bewussten Einsatz von Licht-Schatten-Kontrasten, eine präzise Tonkulisse und einen Wechsel von Beschleunigung und Stillstand aus, was moderne filmische Montageprinzipien vorwegnimmt.
- Arbeit zitieren
- Sofie Neu (Autor:in), 2015, Filmisches Schreiben in Fontanes "Effi Briest", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/428830