Nach einer Darstellung und einer Kritik des feministischen Diskurses von der Befreiung durch und in der Literatur sollen zwei Beispiele von DDR-Frauenliteratur in Bezug auf diesen Diskurs der 70er Jahre untersucht werden. Es scheint dabei vielleicht befremdlich, daß die theoretischen Grundlage zwei Texte aus der BRD, bzw. aus den USA sind, die konkreten Rezeptionen jedoch aus der DDR. Ich bin jedoch der Meinung, daß der feministische Diskurs „Das private ist politisch“ in der Literatur in den 1970er Jahren nicht an nationalen Grenzen Halt machte.2 Obwohl es in der DDR kaum theoretische Auseinandersetzungen (oder ihre schriftliche Fixierung) über die Thematik „weibliches Schreiben“ gibt, hat doch die politische und ökonomische Veränderung innerhalb Europas und Nordamerikas diskursbildend auf die deutschsprachigen Künstlerinnen beiderseits der Elbe Einfluß gehabt. Inwieweit sich diese feministischen Ideen bei den Frauen der DDR und ihrer Literatur niederschlugen oder sich verwandelten, daß soll in dieser Arbeit aufgezeigt werden.
Gliederung
I. Einleitung
II. Diskurstypische Texte weiblichen Schreibens in den 70er Jahren
II.1. Blut, Brot und Dichtung – der Standort der Dichterin von Adrienne Rich
II.2. Regine Othmar-Vetter: „Weibliches Schreiben“
III. Weibliches Schreiben als Befreiung und Identitätsfindung in der Frauenliteratur der DDR (1970er Jahre)
III.1. Maxie Wanders „Guten Morgen, Du Schöne“
III.2. Brigitte Reimanns Erzählung „Geschwister“
IV. Fazit: Was und wen befreite weibliches Schreiben in der DDR?
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Schreiben als Befreiungspraxis in der DDR-Frauenliteratur der 1970er Jahre, wobei das Hauptaugenmerk darauf liegt, wie die Subjektivierung der Frau und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rollenmustern literarisch verarbeitet wurden.
- Analyse feministischer Diskurse und deren Einfluss auf die DDR-Literatur
- Untersuchung der Bedeutung von weiblicher Subjektivität und Identitätsfindung
- Fallstudie zu Maxie Wanders „Guten Morgen, Du Schöne“
- Fallstudie zu Brigitte Reimanns Erzählung „Geschwister“
- Kritische Reflexion über das Verhältnis von emotionalem Ausdruck und rationalen gesellschaftlichen Anforderungen
Auszug aus dem Buch
III.1. Maxie Wanders „Guten Morgen, Du Schöne!“
Die Protokolle der Maxie Wander erscheinen im Rahmen der „Frauenliteratur“ in der DDR. Ist dieser Begriff bis in die 60er Jahre in der kulturpolitischen Direktive als „bürgerlich“ und „repressiv“ konnotiert, so sieht sich die Partei spätestens mit Honeckers „Liberalisierungsrede“ auf der 4. Tagung des ZK der SED im Dezember 1971 gezwungen, der politischen Legitimation folgen zu lassen, was Literatinnen nie aufgeben wollten: Eine Literatur von Frauen für Frauen zu schreiben.
An ihre konkreten (gesellschaftsspezifischen) Ziele und Erfahrungen gebunden, sollte diese Literatur Fragen für die Lesenden aufwerfen, ohne unbedingt Lösungen parat zu haben, ohne sich also als pädagogische Lehrmeisterinnen aufzuspielen. Die Diskrepanz zwischen formaler Gleichberechtigung und deren realer Umsetzung bestimmte dabei das Sujet dieser schreibenden Frauen. Und wie Anna Seghers richtig bemerkte, rufen neue Inhalte auch immer neue Formen hervor. Insbesondere Christa Wolf und Irmtraud Morgner stehen in der DDR dafür die Debatte um neue Formen inhaltlich geführt zu haben.
Maxie Wander bedient sich hier einer neuen Stilform – der dokumentarischen Literatur. In ihr soll die Anbindung an eine soziale Realität wieder erfolgen. Eine Realität, welche Schreibende und Lesende wieder vereint, welche Fragen aufnimmt, die beide betreffen und von der beide nach einer Lösung verlangen, ohne daß diese oktroyiert sein soll.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext der Frauenintegration nach dem Zweiten Weltkrieg und führt in die spezifische Situation der Frauen in der DDR sowie die literarische Thematisierung ihrer privaten Lebensrealität ein.
II. Diskurstypische Texte weiblichen Schreibens in den 70er Jahren: Dieses Kapitel analysiert theoretische Ansätze zum weiblichen Schreiben, insbesondere am Beispiel von Adrienne Rich und Regine Othmar-Vetter, um einen Maßstab für die Bewertung der DDR-Literatur zu etablieren.
III. Weibliches Schreiben als Befreiung und Identitätsfindung in der Frauenliteratur der DDR (1970er Jahre): Das Hauptkapitel untersucht anhand von Maxie Wanders Protokollen und Brigitte Reimanns Erzählung „Geschwister“, wie literarische Texte die Identitätsfindung von Frauen in der DDR abbilden und mitbestimmen.
IV. Fazit: Was und wen befreite weibliches Schreiben in der DDR?: Das Fazit fasst zusammen, dass das weibliche Schreiben in der DDR zwar keine absolute Befreiung garantierte, aber den Weg für eine kritische Subjektivierung der Frau sowie die literarische Aufarbeitung individueller und kollektiver Erfahrungen ebnete.
Schlüsselwörter
Frauenliteratur, DDR, Emanzipation, Weibliches Schreiben, Subjektivität, Identitätsfindung, Maxie Wander, Brigitte Reimann, Gesellschaftskritik, Literaturgeschichte, Geschlechterrollen, Dokumentarliteratur, Feminismus, Politische Literatur, Private Sphäre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Schriftstellerinnen in der DDR der 1970er Jahre das Schreiben nutzten, um ihre Lebensrealität als Frauen darzustellen und sich aus traditionellen Rollenzuweisungen zu befreien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören das Spannungsfeld zwischen formaler Gleichberechtigung und gelebter Ungleichheit, die Bedeutung von Subjektivität für die Literatur sowie die Wechselwirkung zwischen dem Privaten und dem Politischen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, inwieweit das weibliche Schreiben in der DDR als Befreiungspraxis fungierte und wie es Frauen ermöglichte, als handelnde Subjekte die eigene Perspektive in die literarische und gesellschaftliche Diskussion einzubringen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine kritische Diskursanalyse theoretischer Texte über „weibliches Schreiben“ mit einer literaturwissenschaftlichen Interpretation spezifischer DDR-Werke, um den Diskurs der Befreiung nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen dargelegt und anschließend die Werke von Maxie Wander („Guten Morgen, Du Schöne“) und Brigitte Reimann („Geschwister“) detailliert analysiert, um ihre Emanzipationsvorstellungen zu ergründen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie DDR-Frauenliteratur, Emanzipation, weibliche Subjektivität, Identitätsfindung und Gesellschaftskritik beschreiben.
Wie bewertet die Autorin Maxie Wanders „Guten Morgen, Du Schöne“?
Wander wird als Pionierin der dokumentarischen Literatur gewürdigt, die durch die Protokollform Frauen eine Existenz in der Literatur gab und Fragen aufwarf, ohne fertige, oktroyierte Lösungen zu präsentieren.
Welche Rolle spielt der Begriff der Rationalität in der Analyse von Brigitte Reimanns „Geschwister“?
Die Autorin stellt die maskuline, oft als „wissenschaftlich“ verstandene Rationalität der Protagonistin Elisabeth entgegen, die versucht, diese durch eine ganzheitliche, emotionale und künstlerische Sichtweise zu erweitern.
Warum wird die Entscheidung der Protagonistin in „Geschwister“ als problematisch dargestellt?
Die Entscheidung Elisabeths zwischen der Liebe zum Bruder (der die DDR verlässt) und der Treue zum Staat zeigt die Unmöglichkeit auf, in den gegebenen gesellschaftlichen Umständen ein „ganzheitliches Ich“ zu bewahren.
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- Astrid Henning (Author), 2003, Schreiben als Befreiungspraxis in der Frauenliteratur der DDR am Beispiel Wanders und Reimann, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/42850