„Ich will gegen Krankheit, Sterben und Tod sprechen. Gegen diese Ächtungskultur ansprechen, die den Kranken Redeverbot erteilt. Ich gieße eine soziale Plastik aus meiner Krankheit.“ Diese Worte hat der am 21. August 2010 verstorbene Christoph Schlingensief im Dezember 2008, nachdem man festgestellt hatte, dass sich an seinem verbliebenen Lungenflügel Metastasen gebildet haben, in sein Diktiergerät gesprochen.
Die auf diese Weise protokollierten Erfahrungen des Regisseurs wurden transkribiert und unter dem Titel So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein als Buch herausgegeben. Diese Aufzeichnungen liegen in Ausschnitten auch seiner im September 2008 im Rahmen der Ruhrtriennale erstmalig aufgeführten Inszenierung Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir zugrunde. In diesem Stück hat Christoph Schlingensief seine Krankheit vollkommen offen und schonungslos dargestellt. Den Innenraum seiner Oberhausener Pfarrkirche, wo er getauft worden und Messdiener gewesen war, hatte er zumindest auf den ersten Blick originalgetreu in einer alten Industriehalle nachbauen lassen.
Neben den Aspekten Kindheit, Krankheit und Glaube werden in Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir auch sein Verhältnis zur Musik und zur bildenden Kunst behandelt. Seine Beschäftigung einerseits mit Richard Wagner sowie andererseits mit Joseph Beuys und der Fluxus-Bewegung prägte ihn als Mensch und gleichzeitig sein Werk. „Zeige deine Wunde“, dieser von Beuys übernommene Ausspruch steht als Maxime über seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit seiner Krebserkrankung. Die Beschäftigung Schlingensiefs mit dem, in der deutschen Öffentlichkeit, zum Tabu deklarierten Themenkomplex rund um Krankheit, Leiden, Sterben, Tod und Trauer schied wie bereits seine früheren Arbeiten die Geister.
In der folgenden Arbeit werde ich mich damit auseinandersetzen, wie Christoph Schlingensief sich in der Öffentlichkeit mit seiner Krebserkrankung auseinandergesetzt hat. Dies wird stets in Hinblick auf das Fluxus-Oratorium Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir geschehen, um schließlich auf die Inszenierung selber einzugehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
2. Der Einfluss der Fluxus-Bewegung und Joseph Beuys auf das Werk Christoph Schlingensiefs
3. Richard Wagner und der Parsifal in Bezug auf Schlingensiefs Krebserkrankung und seine Auseinandersetzung mit dieser
4. Schlingensief: Geliebt und gehasst
5. Schlingensiefs Thematisierung seiner Krankheit als natürliche Folge seiner Arbeit
6. Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir – zur Titelgebung
7. Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir – Von den Aufzeichnungen seiner Gedanken bis zur Inszenierung
8. Abschließende Überlegungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die öffentliche Thematisierung der Krebserkrankung des Regisseurs Christoph Schlingensief, wobei der Fokus insbesondere auf seinem Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ liegt. Es wird analysiert, wie Schlingensief seine Krankheit als Teil seiner künstlerischen Arbeit begriff und nutzte, um gesellschaftliche Tabus rund um Leiden und Tod zu brechen.
- Der Einfluss der Fluxus-Bewegung und Joseph Beuys auf Schlingensiefs künstlerisches Schaffen.
- Die Auseinandersetzung mit Richard Wagners „Parsifal“ und dessen Bedeutung für die Verarbeitung der Krebserkrankung.
- Die mediale Wahrnehmung von Schlingensief zwischen Verkenntnis und Verehrung.
- Das Verhältnis von Kunst und Leben sowie die Aufhebung der Trennung zwischen beiden Bereichen.
- Die Inszenierung der eigenen Krankheit als Ausdruck von Selbstbehauptung und Autonomie.
Auszug aus dem Buch
3. Richard Wagner und der Parsifal in Bezug auf Schlingensiefs Krebserkrankung und seine Auseinandersetzung mit dieser
Leiden, das Leben in Extremsituationen, Verletzlichkeit, Todesangst und gleichzeitig Todessehnsucht wurden bereits vor Schlingensiefs Erkrankung von ihm thematisiert.
So war sein Parsifal in Bayreuth lange vor seiner Erkrankung keine erhebende Erlösungsoper, sondern die Auseinandersetzung mit dem realen Schmerz sterblicher Menschen.
Wagners Karfreitags-Zauber griff Schlingensief in seiner Inszenierung des Parsifal in Bayreuth auf, jedoch sorgte er damit für einige Verwirrung bei dem Festspielpublikum.
Mithilfe einer Zeitrafferkamera filmte er während mehrerer Wochen den Verwesungsprozess eines erlegten Hasen. Der Anblick des sich zersetzenden Hasen in Großprojektion während des Karfreitags-Zaubers machte den Zuschauern in Bayreuth zu schaffen. Am Ende der Aufnahme hatte sich der Hase zersetzt, Maden machten sich über den Kadaver her. Während des gesamten Prozesses ist die Allgegenwärtigkeit des Todes omnipräsent. Selbst der drohende Tod der Maden wird thematisiert, sobald klar wird, dass nach Aufzehrung des Hasen keine weitere Nahrung in dem geschlossenen Raum zu finden sein wird.
Schlingensief deutete in seinem Tagebuch seine Krebserkrankung als Folge der Beschäftigung mit Wagners Parsifal.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit: Das Kapitel führt in das Thema ein, indem es Schlingensiefs Umgang mit seiner Krebserkrankung als künstlerische „soziale Plastik“ beschreibt und die Forschungsfrage skizziert.
2. Der Einfluss der Fluxus-Bewegung und Joseph Beuys auf das Werk Christoph Schlingensiefs: Hier wird dargelegt, wie die Fluxus-Bewegung und das Konzept des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys Schlingensiefs Verständnis von Kunst als Teil des Lebens prägten.
3. Richard Wagner und der Parsifal in Bezug auf Schlingensiefs Krebserkrankung und seine Auseinandersetzung mit dieser: Der Abschnitt erläutert die Verbindung zwischen Wagners „Parsifal“, der existentiellen Erfahrung von Sterblichkeit und Schlingensiefs eigener Erkrankung.
4. Schlingensief: Geliebt und gehasst: Dieses Kapitel analysiert die extreme Polarisierung in der medialen Wahrnehmung Schlingensiefs, die sich nach seiner Diagnose drastisch veränderte.
5. Schlingensiefs Thematisierung seiner Krankheit als natürliche Folge seiner Arbeit: Das Kapitel begründet, warum die Inszenierung der Krankheit für Schlingensief eine notwendige Konsequenz seines künstlerischen Strebens nach Freiheit und Autonomie war.
6. Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir – zur Titelgebung: Hier wird der Hintergrund des Projekts „Church of Fear“ beleuchtet, das sich als Gegenentwurf zu etablierten Glaubensgemeinschaften versteht.
7. Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir – Von den Aufzeichnungen seiner Gedanken bis zur Inszenierung: Dieser Teil beschreibt den Entstehungsprozess der Inszenierung, von den im Krankenhaus aufgezeichneten Gedanken bis zur Umsetzung als fiktive Totenmesse.
8. Abschließende Überlegungen: Das Kapitel fasst die Bedeutung von Schlingensiefs Werk für die kritische Selbstreflexion zusammen und würdigt seinen Mut, im Leiden das Leben zu feiern.
Schlüsselwörter
Christoph Schlingensief, Krebserkrankung, Gegenwartsdrama, Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir, Fluxus-Bewegung, Joseph Beuys, Richard Wagner, Parsifal, Soziale Plastik, Selbstinszenierung, Krankheit, Tod, Autonomie, Performance, Kunst und Leben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie der Regisseur Christoph Schlingensief seine Krebserkrankung öffentlich thematisierte und sie in sein künstlerisches Werk integrierte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen den Einfluss von Fluxus und Joseph Beuys, die Auseinandersetzung mit Richard Wagners „Parsifal“ und die mediale Inszenierung des Künstlers im Kontext von Krankheit und Sterben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, wie Schlingensief durch die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben sowie durch die Thematisierung seiner Krankheit eine neue Dimension des Authentischen eröffnete.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine werkanalytische Methode, kombiniert mit diskursiven Bezügen zu Schlingensiefs Tagebüchern, Interviews und den kunsttheoretischen Grundlagen von Fluxus und Beuys.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung von Schlingensiefs künstlerischem Verständnis, die mediale Resonanz auf seine Krankheit und eine detaillierte Analyse seines Fluxus-Oratoriums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Christoph Schlingensief, Fluxus-Oratorium, Krebs, Selbstinszenierung, soziale Plastik und Autonomie.
Warum bezieht sich Schlingensief in seiner Arbeit auf den „Karfreitags-Zauber“ von Wagner?
Schlingensief nutzt diesen Bezug, um die Allgegenwärtigkeit des Todes und den Prozess des Verfalls, insbesondere in Form von Videoinstallationen in seinen Inszenierungen, zu visualisieren.
Welche Rolle spielt das Diktiergerät für Schlingensiefs Textproduktion?
Das Diktiergerät diente ihm als Werkzeug, um das „Gedankenchaos“ nach seiner Diagnose unmittelbar und ohne literarischen Anspruch festzuhalten, was später zur Grundlage für sein Buch und seine Inszenierungen wurde.
- Quote paper
- Sarah Müller (Author), 2015, Die öffentliche Thematisierung von Christoph Schlingensiefs Krebserkrankung in Bezug auf "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/426441