Die in dieser Arbeit untersuchte Novelle des Realismus zeigt, wie die meisten Novellen dieser Epoche, einen historischen Zeitraum, der einem Wandel unterliegt. In Kellers Auseinandersetzung mit dem Romeo und Julia Stoff wird eine sich wandelnde Agrargesellschaft in den Zeiten der Industrialisierung dargestellt. Aufgrund der Tatsache, dass alle dargestellten Figuren einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe, mit einem verfestigten Werte- und Normensystem, entstammen, kommt es zu dem tragischen Ablauf der Handlung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verschiedene Kulturräume bieten verschiedene Norm- und Wertesysteme
3. Die Idylle als Raum des bürgerlichen Werte- und Normensystems
3.1. Normen und Werte der bürgerlichen Gesellschaft
3.1.1. Der Wert der Arbeit
3.1.2. Der Wert der Familie, soziale Beziehungen und die bürgerliche Ehe
3.1.3. Die bürgerlichen Werte: Ordnung, Sauberkeit, Sittsamkeit und Sparsamkeit
4. Vom Land zur Stadt
4.1. Dargestellte Werte und Normen der Stadtbewohner
4.1.1. Der Wert des Kapitalismus
4.1.2. Das kodifizierte Normensystem-Rechtsnormen
5. Die Natur und der wilde Acker
5.1. Naturräume als Werte und Normfreier Raum
5.2. Der Wert der natürlichen „leidenschaftlichen Liebe“
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie in Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ das soziale Gleichgewicht von Individuen durch den Wandel von Norm- und Wertesystemen gestört wird, wobei insbesondere der Einfluss unterschiedlicher Kulturräume (Idylle, Stadt, Natur) auf das Handeln und Scheitern der Figuren analysiert wird.
- Analyse soziologischer Modelle zur gesellschaftlichen Integration und deren Anwendung auf literarische Räume.
- Untersuchung des bürgerlichen Werte- und Normensystems innerhalb der bäuerlichen Idylle.
- Kontrastierung von Land und Stadt als Räume mit unterschiedlichen wirtschaftlichen und moralischen Anforderungen.
- Deutung der „Natur“ und des „wilden Ackers“ als Orte des Normbruchs und der Entfaltung leidenschaftlicher Liebe.
- Reflektion über die Möglichkeiten und Grenzen der Stabilität der Person im Kontext der Industrialisierung.
Auszug aus dem Buch
3.1. Normen und Werte der bürgerlichen Gesellschaft
Vornehmlich geht es in der Novelle um die Bewahrung der gegebenen Ordnung, die innerhalb der Idylle zu herrschen scheint, trotz oder gerade weil die Welt sich im Wandel befindet, aber nicht veränderbar ist. Die dargestellte Welt ist „eine der festen Normen“, [innerhalb derer die] geltenden Normen als ahistorisch gesetzt, die Individuen von diesen dominiert und zudem für normabweichendes Verhalten sanktioniert… [werden]“ (Zeisberger 2013, 115). So geht es schlussendlich auch um die Erhaltung nicht mehr legitimierbarer Normen. Das Individuum steht zwar im Mittelpunkt, aber eben nicht als Individuum, sondern als Teil eines Kollektivs; hierbei geht es vornehmlich um die Konsolidierung der bestehenden Werte und der Moral.
„Primär führen die Texte die bürgerliche Heranbildung eines Individuums vor, das sich zwischen Normeinhaltung und Normbruch befindet: Entweder es integriert sich, oder es wird desillusioniert bzw. bestraft. Das Ziel ist also die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse zu stabilisieren.“ (ebd.)
Schwierig ist hierbei, dass im Literatursystem des Realismus von einer „Konstanz der Person“ ausgegangen wird. Diese schließt aber jene Autonomie, wie sie sich in der Goethezeit herausbildete, von vorneherein aus. (vgl. ebd. ). So operiert der Text durchgehend mit dem Mittel der Opposition, um die Grenzen zwischen „positiv“ und „negativ“ für den Leser durchweg aufzuzeigen. So sind es die positiven Figuren, die das vom Literatursystem des Realismus entwickelte Konzept des „Männliche[n]“ völlig in sich aufgenommen haben. Hierzu gehört sich auf das internalisierte Werte- und Normensystem zu berufen und daran festzuhalten, um die bestehende Ordnung aufrecht zu erhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Gleichgewichts bei Gottfried Keller ein und erläutert die Forschungsfrage hinsichtlich der Norm- und Wertesysteme in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“.
2. Verschiedene Kulturräume bieten verschiedene Norm- und Wertesysteme: Dieses Kapitel stellt theoretische soziologische Modelle (Parsons, Dahrendorf) vor, um die Dynamiken und Kulturräume innerhalb der Novelle zu erklären.
3. Die Idylle als Raum des bürgerlichen Werte- und Normensystems: Der Fokus liegt auf der bäuerlichen Idylle als Hort der Ordnung, wobei Werte wie Arbeit und Familie analysiert werden.
3.1. Normen und Werte der bürgerlichen Gesellschaft: Hier wird die Konsolidierung von Moral und bürgerlicher Identität im Realismus diskutiert.
3.1.1. Der Wert der Arbeit: Die Identitätsfunktion von Arbeit und ihr Wandel unter dem Einfluss wirtschaftlicher Veränderungen wird untersucht.
3.1.2. Der Wert der Familie, soziale Beziehungen und die bürgerliche Ehe: Das Kapitel analysiert die ökonomische und soziale Rolle der Ehe und den Verfall familiärer Bindungen.
3.1.3. Die bürgerlichen Werte: Ordnung, Sauberkeit, Sittsamkeit und Sparsamkeit: Anhand des moralischen Verfalls wird gezeigt, wie das Einhalten dieser Werte nach außen hin bröckelt.
4. Vom Land zur Stadt: Dieses Kapitel beschreibt den gleitenden Übergang zwischen der dörflichen Welt und der Stadt, die durch neue, kapitalistische Werte geprägt ist.
4.1. Dargestellte Werte und Normen der Stadtbewohner: Die Unterschiede zwischen Städtern und Bauern werden primär über wirtschaftliche Kontraste definiert.
4.1.1. Der Wert des Kapitalismus: Hier wird der Einfluss von Besitzgier und Spekulation auf die Identität und moralische Integrität betrachtet.
4.1.2. Das kodifizierte Normensystem-Rechtsnormen: Das Kapitel untersucht, wie das Rechtssystem zur Rechtfertigung von Verstößen genutzt wird und zu keiner Harmonie führt.
5. Die Natur und der wilde Acker: Der „wilde Acker“ wird als normfreier Raum kontrastiert, in dem sowohl der Verfall als auch leidenschaftliche Triebhaftigkeit möglich sind.
5.1. Naturräume als Werte und Normfreier Raum: Es wird erörtert, wie Naturräume als anarchische Orte oder Motoren für Normverletzungen fungieren.
5.2. Der Wert der natürlichen „leidenschaftlichen Liebe“: Hier wird die Rolle der Liebe als Ausnahmeerscheinung im Realismus und deren erotisierende Wirkung analysiert.
6. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei betont wird, dass ein Gleichgewicht nur durch die Harmonisierung von Gegensätzen erreicht werden kann.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Realismus, Normensysteme, Wertewandel, Kulturräume, Industrialisierung, Gleichgewicht, Kapitalismus, Identität, Idylle, soziale Normen, bürgerliche Gesellschaft, Rechtsnormen, Literatursoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ unter literatursoziologischen Aspekten, insbesondere mit dem Fokus auf das Zusammenspiel von individuellen Handlungen, verschiedenen Kulturräumen und dem Wandel von gesellschaftlichen Norm- und Wertesystemen im 19. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Konflikt zwischen bürgerlicher Ordnung und kapitalistischer Dynamik, die Bedeutung von Räumen (Idylle, Stadt, Natur) für das Verhalten der Figuren sowie der Prozess der Identitätsbildung unter dem Druck sich wandelnder gesellschaftlicher Normen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob und wie der Wechsel zwischen verschiedenen Kulturräumen das Verhalten der Figuren beeinflusst und warum die Protagonisten letztlich am Verlust ihres inneren und äußeren „Gleichgewichts“ scheitern.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin oder der Autor?
Es wird eine literatursoziologische Analyse angewandt, die auf soziologischen Modellen (wie denen von Parsons und Dahrendorf) basiert und diese zur Interpretation der narrativen Strukturen und des Werteverfalls in Kellers Novelle heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Kulturräume (Idylle, Stadt, Natur) und der dort jeweils vorherrschenden oder erodierenden Normen, untersucht die ökonomischen Aspekte des Kapitalismus und die rechtlichen Rahmenbedingungen, die das Scheitern der Liebenden Sali und Vrenchen mit bedingen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Realismus, Norm- und Wertewandel, Kulturräume, Kapitalismus, Idylle, Identitätsverlust und das Konzept des Gleichgewichts nach Gottfried Keller.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen der bäuerlichen Idylle und der Stadt?
Das Dorf wird als statischer Hort der traditionellen bürgerlichen Ordnung dargestellt, während die Stadt als Raum der Industrialisierung, der Spekulation und der moralischen Verwilderung beschrieben wird, was einen fundamentalen Kontrast in den Lebensentwürfen erzeugt.
Welche Rolle spielt der „wilde Acker“ für die Handlung?
Der Acker dient als norm- und wertfreier Raum, der als Kontrast zur Idylle fungiert. Er ist der Ort, an dem die Schuld der Väter manifest wird, soziale Regeln außer Kraft gesetzt sind und die leidenschaftliche Liebe der Protagonisten ihren räumlichen Ausdruck findet.
Warum können Sali und Vrenchen ihrem Schicksal nicht entkommen?
Da sie die Ordnung ihrer Kindheit nicht hinterfragen und die neuen Anforderungen der Stadt nicht integrieren können, projizieren sie ihre Probleme nach außen. Ihre Liebe kann in der bestehenden Gesellschaft nicht bestehen, weshalb sie diese Dauerhaftigkeit nur im gemeinsamen Tod suchen.
- Arbeit zitieren
- Marie-Christin Agyeman (Autor:in), 2014, Werte und Normen in Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/426409