"So geht mir doch mit der Behauptung, die Frau sei monogam! – Weil Ihr sie dazu zwingt, ja! Weil Ihr sie Pflicht und Entsagung lehrt, wo Ihr sie Freude und Verlangen lehren solltet."
Aus diesem Essay-Auszug von Franziska zu Reventlows "Was Frauen ziemt! Viragines oder Hetären?" wird deutlich, dass die Autorin die gesellschaftlichen Konventionen und ihre Kritik an diesen bereits 1899 literarisch formulierte. Reventlow selbst war ab 1897 Mutter ihres unehelichen Sohnes Rolf, dessen Vater, zumindest für die Öffentlichkeit, bis heute unbekannt ist. In ihren Anfangsjahren in München, in denen auch der obengenannte Essay verfasst wurde, finanzierte sie sich durch Gelegenheitsjobs – wie beispielsweise als Prostituierte. Es ist also nicht gerade verwunderlich, dass sie im Kosmiker Kreis mit Karl Wolfskehl, Ludwig Klages, Alfred Schuler und weiteren bekannten Autoren im engen Kontakt stand: Die "Enormen", wie die Teilnehmer der kosmischen Runde auch in Herrn Dames Aufzeichnungen bezeichnet werden, würdigten ihren offenen Umgang mit ihrer Sexualität und ihren Willen, ihr uneheliches Kind ohne den Vater aufzuziehen.
Das von Reventlow selbst als "Schlüsselroman" bezeichnete Werk wird in der heutigen Forschung durch den Wahrheitsgehalt fast gänzlich als historisches Zeugnis betrachtet. Somit beschäftigt sich die Forschungsliteratur hauptsächlich mit den die Geschichte der Münchner Moderne betreffenden Aspekten, jedoch nur selten, wie beispielsweise bei Johannes Székely, wird der Roman auf sprachliche und den Charakter der Figuren betreffenden Elemente untersucht. Dass dies eine Lücke aufweist, wird daran deutlich, dass die Personen Susanna und Maria zwar ebenfalls an eine im Kosmiker Kreise verkehrende Person orientiert sind, und zwar an Reventlow selbst, jedoch gleichzeitig auch eine fiktive Rolle einnehmen. Diese beiden Figuren werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf ihre Darstellung im Kosmiker Kreis näher untersucht: Wie werden sie von den weiteren Mitgliedern bewertet? Welche Charaktereigenschaften zeichnen sie aus? Wie definierte sich das Frauenbild des Hetärismus innerhalb der Kosmiker in Herrn Dames Aufzeichnungen und welche weiteren Theorien zum Weiblichkeitsideal verfolgen die Figuren im Roman?
Inhaltsverzeichnis
1. Herrn Dames Aufzeichnungen: Weiblichkeitsideale
2. Das Frauenbild der Kosmiker: Bachofen und das „Mutterrecht“
3. Hetärismus und Mutterrecht: Herr Dame, Maria und Susanna in Herrn Dames Aufzeichnungen
3.1. Herr Dame – Nomen est omen
3.2. Maria und Susanna
3.3. Maria
3.4. Susanna
3.5. Zwischenfazit zu Maria und Susanna
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Bewertung von Weiblichkeitsidealen im Kontext der „Kosmiker“ anhand des Romans „Herrn Dames Aufzeichnungen“ von Franziska zu Reventlow, wobei der Fokus insbesondere auf der Diskrepanz zwischen den theoretischen Idealen des Hetärismus und dem tatsächlichen Verhalten der Akteure liegt.
- Analyse der Rezeption von Bachofens „Mutterrecht“ innerhalb der Münchner Moderne.
- Untersuchung der fiktiven Figuren Maria und Susanna als Repräsentantinnen unterschiedlicher Weiblichkeitskonzepte.
- Hinterfragung der Machtverhältnisse und Rollenbilder zwischen den Geschlechtern im Roman.
- Aufdeckung der Paradoxien und bürgerlichen Verhaltensmuster innerhalb der als „kosmisch“ bezeichneten Gruppierung.
- Literarische und psychologische Einordnung des männlichen Protagonisten Herrn Dame.
Auszug aus dem Buch
3.2. Maria und Susanna
Die Autorin teilt ihre eigenen Charakterzüge in zwei verschiedene Figuren auf, die teilweise sehr gegensätzlich reagieren. Somit werden fiktive Figuren geschaffen, die neben dem historischen auch eindeutig einen literarischen Wert erhalten. Im weiteren Verlauf sollen die Charakterzüge dieser Figuren herauskristallisiert werden. Hierzu wird die Bewertung dieser beiden weiblichen Personen durch die Kosmiker in Herrn Dames Aufzeichnungen betrachtet, um daraus die Erkenntnis gewinnen zu können, inwiefern Maria und Susanna mit dem Ideal des Hetärismus, des Mutterrechts und den Mitgliedern dieser Runde übereinstimmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Herrn Dames Aufzeichnungen: Weiblichkeitsideale: Einführung in die Thematik der Reventlow-Rezeption sowie in das Milieu der Münchner „Kosmiker“ und deren literarische Verarbeitung im untersuchten Schlüsselroman.
2. Das Frauenbild der Kosmiker: Bachofen und das „Mutterrecht“: Analyse der theoretischen Grundlagen der Kosmiker, insbesondere der Rückbesinnung auf archaische Kulte und die Theorien von Johann Jakob Bachofen zur Gynaikokratie.
3. Hetärismus und Mutterrecht: Herr Dame, Maria und Susanna in Herrn Dames Aufzeichnungen: Detaillierte Untersuchung der zentralen Romanfiguren, ihrer Namensgebung und ihrer Rolle innerhalb des kosmischen Ideengefüges.
3.1. Herr Dame – Nomen est omen: Auseinandersetzung mit der spezifischen Namenswahl des Protagonisten und dessen Reflexion über die Macht der Frau sowie bürgerliche Konventionen.
3.2. Maria und Susanna: Überleitung zur differenzierten Betrachtung der zwei weiblichen Hauptcharaktere als komplementäre Spiegelbilder der Autorin.
3.3. Maria: Charakterisierung Marias als lebensfrohe, alleinerziehende Mutter, die von den Kosmikern als Inbegriff der „heidnischen“ Hetäre verehrt wird.
3.4. Susanna: Analyse der ruhigen und eleganten Figur Susanna, deren antibürgerliche Attitüde zwar theoretisch zum Kosmiker-Ideal passen würde, die jedoch weniger Aufmerksamkeit erfährt.
3.5. Zwischenfazit zu Maria und Susanna: Synoptische Gegenüberstellung beider Frauenfiguren und kritische Würdigung der widersprüchlichen Bewertungsmaßstäbe der Kosmiker.
4. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse unter besonderer Berücksichtigung der Inkonsistenz zwischen den postulierten Idealen und dem realen Handeln der Kosmiker.
Schlüsselwörter
Franziska zu Reventlow, Herrn Dames Aufzeichnungen, Münchner Moderne, Kosmiker, Hetärismus, Mutterrecht, Johann Jakob Bachofen, Weiblichkeitsideal, Maria, Susanna, Schwabing, Wahnmoching, Seelensubstanzen, Geschlechterrollen, Schlüsselroman
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung von Frauenbildern im Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ und vergleicht diese mit den tatsächlichen theoretischen Überzeugungen des „Kosmiker-Kreises“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören der Hetärismus, das Mutterrecht nach Bachofen, die Theorie der Seelensubstanzen und die Kritik an bürgerlichen Moralvorstellungen um die Jahrhundertwende.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, inwieweit die Kosmiker ihre eigenen, als fortschrittlich postulierten Weiblichkeitsideale im täglichen Umgang mit den Romanfiguren Maria und Susanna konsequent anwenden oder diese verraten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung zeitgenössischer theoretischer Schriften (insbesondere Bachofen) und der relevanten Forschungsliteratur angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der kosmischen Ideologie sowie eine detaillierte Analyse der Figuren Herr Dame, Maria und Susanna.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Hetärismus, Kosmiker, Mutterrecht, Weiblichkeitsideal und Franziska zu Reventlow definiert.
Warum erfährt Maria eine stärkere Verehrung als Susanna?
Die Arbeit legt dar, dass Maria impulsiver auftritt und somit eher dem unbewussten Idealtypus der Kosmiker entspricht, während Susanna trotz ihrer Eleganz als zu distanziert oder „träge“ wahrgenommen wird.
Inwiefern beeinflusst der Name „Dame“ den Protagonisten?
Der Nachname wird als Oxymoron gedeutet, das den männlichen Protagonisten in eine defensive Position gegenüber den Frauen zwingt und seine Identität sowie Heiratschancen einschränkt.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2018, Franziska zu Reventlows "Herrn Dames Aufzeichnungen". Frauenbilder der kosmischen Runde, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/425655