"Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich." Mit diesem Satz beschreibt Franz Kafka sich selbst und seine Werke. Er sah das Schreiben als eine 'Existenzaufgabe' für sich und sein Leben. Sein Gesamtwerk ist bekannt für die Verarbeitung des problematischen Verhältnisses zu seinem Vater und somit immer wieder überschattet von den starken biografischen Zügen, die man im Vergleich zu seinem Lebenslauf und seinen Stimmungen wiederfindet.
Biografisch oder doch autobiographisch? Wie viel von Franz Kafka findet sich nun wirklich in seinen Werken wieder? Wie wird die Autobiographie in der Literaturwissenschaft definiert und inwieweit treffen diese Kriterien auf Kafkas Brief an den Vater zu? Die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes resultiert aus der Annahme, dass in diesem Werk die meisten Grenzen zwischen der Autobiographie und Biographie überschritten werden.
Um diesen Fragen nachzugehen, werden zu Beginn der Seminararbeit allgemeine Kriterien und Klassifikationsmöglichkeiten einer Autobiografie aufgeführt und miteinander verglichen. Einen Vergleich bieten in dieser Recherche drei Lexikonartikel, aus denen übereinstimmende Kriterien herausgefiltert werden sollen. Ebenso dienen die Kriterien Johann Wolfgang von Goethes aus dem Vorwort seiner eigenen Autobiographie "Dichtung und Wahrheit" und Philippe Lejeunes Abhandlung "Der autobiografische Pakt" als vergleichbare Größen.
Weiterhin sollen die Entstehungsgeschichte wie auch der Inhalt des Briefes näher betrachtet werden, um die Beweggründe, sowohl für das Schreiben selbst als auch für die Veröffentlichung durch Kafkas Freund Max Brod, besser nachvollziehen zu können. Zuletzt wird das Werk Brief an den Vater auf die zu Beginn genannten Kriterien hin analysiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kriterien und Bestimmungsmöglichkeiten zur Kategorisierung einer Autobiografie
3. Entstehungsgeschichte und Inhalt des Briefes
4. Analyse des Werkes anhand der erarbeiteten Kriterien
5. Schlussbetrachtung
6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetrecherche
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die autobiografischen Züge in Franz Kafkas "Brief an den Vater" (1919), indem sie literaturwissenschaftliche Definitionen der Gattung Autobiografie auf das Werk anwendet. Ziel ist es zu klären, ob der Brief trotz seiner spezifischen Briefform als autobiografisches Dokument klassifiziert werden kann.
- Definition und Kriterien der Gattung Autobiografie
- Analyse des autobiografischen Pakts nach Philippe Lejeune
- Entstehungsgeschichte und biographischer Kontext des Briefes
- Literarische Untersuchung der Vater-Sohn-Beziehung
- Vergleich von Faktizität und literarischer Gestaltung
Auszug aus dem Buch
3. Entstehungsgeschichte und Inhalt des Briefes
Der berühmte Brief an den Vater wurde im Jahr 1919 während eines Kuraufenthaltes im nördlichen Prag von Franz Kafka verfasst. Da Kafka seine Arbeit ab dem Jahre 1917 immer wieder aus Krankheitsgründen unterbrechen musste, entstanden in den vorangehenden Jahren kaum Briefe oder Tagebücher. Ausgangspunkt des Briefes war eine starke Auseinandersetzung zwischen Franz Kafka und seinen Eltern, welche mit den geplanten Heiratsabsichten von Franz und Julie Wohryzek nicht einverstanden waren. Dieser Hintergrund wird im Brief selbst allerdings nicht explizit erwähnt. Der Brief an den Vater, der im Original über 100 Seiten umfasst, könnte laut Joachim Pfeiffer im Kontext des Erholungsaufenthaltes eine psychische Entlastungsfunktion übernommen haben.
Der direkte Anlass ergibt sich aus den ersten Textzeilen, in denen Kafka an ein scheinbar vorangegangenes Gespräch mit seinem Vater anknüpft, in welchem er gefragt wurde, warum er Angst vor ihm habe. Aus jener Furcht heraus versucht der Schriftsteller in einem Brief seinem Vater zu antworten. Ferner zählt er die Vorwürfe der Entfremdung auf, an denen beide zwar schuldlos seien, jedoch eine Mitschuld tragen würden. Kafka erhoffe sich durch diese Zusammenkunft eine „Art Friede“.
Nach diesen einleitenden Passagen beginnt der erste Hauptteil, der aus den Beschreibungen der Kindheit des Autors besteht. Hier findet vor allem eine Abrechnung mit den zum Einsatz gekommenen „drakonischen Erziehungsmitteln“ statt, die oft aus „Schimpfen, Drohen, Ironie[…]“ , sowie bösem Lachen und Selbstbeklagung bestanden hätten und das angstgezeichnete Verhältnis zwischen Vater und Sohn im großen Teil ausmachten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein, inwieweit Kafkas Brief an den Vater aufgrund autobiografischer Züge der Gattung Autobiografie zugeordnet werden kann.
2. Kriterien und Bestimmungsmöglichkeiten zur Kategorisierung einer Autobiografie: Dieses Kapitel erarbeitet auf Basis von Lexikonartikeln, Goethe und Lejeune definitorische Merkmale der Autobiografie, wie Retrospektivität und den autobiografischen Pakt.
3. Entstehungsgeschichte und Inhalt des Briefes: Es wird der biographische Hintergrund des Briefes sowie dessen inhaltliche Struktur, von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter, analysiert.
4. Analyse des Werkes anhand der erarbeiteten Kriterien: Hier erfolgt die eigentliche Untersuchung des Briefes an den Vater unter Anwendung der zuvor definierten Gattungskriterien.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit bestätigt, dass der Brief trotz literarischer Ausschmückungen als ein Zeugnis der Selbstdeutung und damit als Teilbereich einer Autobiografie gelten kann.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Internetquellen.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Brief an den Vater, Autobiografie, Biografie, Philippe Lejeune, Vater-Sohn-Beziehung, Literaturwissenschaft, Narrativität, Faktizität, Fiktionalität, Retrospektivität, Briefliteratur, Identität, Entfremdung, Existenzaufgabe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob Franz Kafkas "Brief an den Vater" trotz seiner Briefform als autobiografisches Werk eingestuft werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Definition der Gattung Autobiografie, der biographische Kontext des Briefes sowie die Analyse der Vater-Sohn-Beziehung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, die Grenzen zwischen Biographie und Autobiographie anhand des konkreten Werkes zu prüfen und die Identität zwischen Autor, Erzähler und Protagonist herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, indem sie Definitionen aus Lexika sowie theoretische Abhandlungen (insb. von Philippe Lejeune) auf den Text anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Gattungsbestimmung und die anschließende praktische Anwendung dieser Kriterien auf Kafkas Text.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Autobiografischer Pakt, Faktizität, literarische Gestaltung, Retrospektivität und die problematische Vater-Sohn-Beziehung.
Warum wird gerade der "Brief an den Vater" als Beispiel gewählt?
Die Autorin nimmt an, dass in diesem Werk die Grenzen zwischen Autobiographie und bloßer Biographie in besonderem Maße verschwimmen.
Welche Rolle spielt die "Vaterrede" im Brief laut der Analyse?
Die fiktive Vaterrede wird als Mittel der Perspektivverzerrung und als prozessähnliche Verteidigungsstrategie des Sohnes gedeutet.
Zu welchem Ergebnis kommt die Schlussbetrachtung?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Werk wesentliche Charakterzüge einer Autobiografie aufweist und demnach dieser Gattung zugeordnet werden kann.
Hat der Vater den Brief jemals erhalten?
Nein, laut den angeführten Quellen ist der Brief nie an Hermann Kafka übergeben worden.
- Arbeit zitieren
- Jacqueline Reinisch (Autor:in), 2015, Franz Kafkas "Brief an den Vater" (1919) als autobiographisches Werk?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/425275