Die einzigartige Beziehung zwischen Camp und dem Superhelden-Genre wurde mit der 1966 erstmals ausgestrahlten TV-Serie Batman begründet. Erst zwei Jahre zuvor hatte Susan Sontag mit ihrem Aufsatz "Notes on 'Camp'" (1964) den Begriff Camp im ästhetischen Diskurs stark gemacht und erste theoretische Parameter etabliert.
Über die Jahrzehnte sollte nicht nur der Camp-Begriff überleben, sondern mit dem Erfolg der deutlich durch seinen Camp-Stil gekennzeichneten Serie auch die allgemeine Annahme, Camp und Superhelden in Film und Fernsehen seien unzertrennlich miteinander verknüpft. Seit Beginn des neuen Superhelden-Booms Anfang der 2000er, spätestens aber mit dem ernsteren Anstrich, den das Genre durch Christopher Nolans Batman-Filme erhielt, hat sich letzteres relativiert. Die Suche nach den Stellen, an denen Camp in diesem Genre überlebt hat, führt einen zwangsläufig zu einer seiner theatralischsten Figuren: der Joker.
Diese Arbeit widmet sich der Frage, inwieweit Camp eine zentrale Eigenschaft des Jokers ist und so durch den Joker innerhalb des Superhelden-Genres ermöglicht und gefördert wird. In diesem Zusammenhang werden auch Fragen nach dem genderfluiden Verhalten des Jokers und seiner potenziellen Homosexualität beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Camp — eine Begriffsannäherung
2.1. Erste Definitionsversuche nach Susan Sontag
2.2. Kritik an Sontag — die politische Komponente des Camp
2.3. Camp im Superhelden-Genre
2.4. Zwischenfazit und neue Prämisse
3. Ein Charakterisierungsversuch des Jokers als Camp-Person
3.1. Der Joker als Pop-Camp
3.2. Der Joker als queer Camp
4. Der Joker in Christopher Nolans The Dark Knight
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen „Camp“ innerhalb des Superhelden-Genres mit einem spezifischen Fokus auf die Figur des Jokers. Ziel ist es zu ergründen, inwieweit Camp eine zentrale Eigenschaft des Jokers darstellt und wie diese Erlebnisweise seine Darstellung sowie die Interaktion mit seinem Gegenspieler Batman prägt und ermöglicht.
- Konzeptuelle Aufarbeitung des Camp-Begriffs (Pop-Camp vs. queer Camp)
- Charakteranalyse des Jokers als Verkörperung von Camp-Eigenschaften
- Untersuchung der Camp-Qualität in Christopher Nolans The Dark Knight
- Analyse der performativen Identitätskonstruktion des Jokers
- Die Spannung zwischen moralischer Ordnung (Batman) und subversiver Anarchie (Joker)
Auszug aus dem Buch
3.1. Der Joker als Pop-Camp
In Kapitel 2.1.1 wurden folgende Aspekte als konstatierend für eine Camp-Erlebnisweise aufbereitet: eine ästhetische Künstlichkeit, eine unvereinbare Gegenüberstellung im Kern des Camp, die diese Künstlichkeit ausdrückt, sowie Übertreibung und exaltierte Theatralik als performative Ausdrucksweisen. Der Joker verkörpert alle diese Camp-Eigenschaften.
Das absolut distinktivste Charakteristikum des Jokers ist das scheinbar unvereinbare Spannungsverhältnis zwischen Clown und mordendem Psychopathen (Carter 2015, 51)10, das ihm den Beinamen „The Clown-Prince of Crime” eingebracht hat. Wie sehr dieses Profil eine Camp-Erlebnisweise anbietet, zeigt, dass der Joker die Diskrepanz zwischen der Bedeutungslosigkeit des Lebens und der ernsten Lebenseinstellung der Menschen für einen Witz hält — etwa in Batman: The Killing Joke (1988, p.) und Arkham Asylum: A Serious House on Serious Earth (1989): „The aim of camp is to make an audience laugh […] at one’s incongruous position” (Newton 1999, 106). Passenderweise lässt das vom Joker typischerweise verwendete „Joker Venom” seine Opfer mit lachend verzerrtem Gesicht sterben (Wallace 2011: 69).
Die Künstlichkeit des Jokers wird durch sein extrovertiertes Auftreten und seinen Hang zum Übertriebenen unterstrichen. Lachen, Wortwahl, Körperhaltung, Bewegungsabläufe und Grimassen subsumieren, was Sontag als „Übertreibung […] individueller Manierismen” (Goer 2013, 45) bezeichnet. In Arkham Asylum schlägt sich der Joker in Frustration die Hand auf eine Art vor die Stirn (ill.1), was Autor Grant Morrison in seinen Notizen sogar explizit als „terribly camp” (Morrison 1989, 30) bezeichnet11. Besonders Cesar Romeros Porträt des Jokers in der Batman-Serie der 1960er ist reich an „cartoonish poses” und „broad theatricality” (Hassoun 2015, 9). Zur Extrovertiertheit des Jokers passt auch die Extravaganz seiner Kleidung und Frivolität seiner Verkleidungen (ill.2), die Garneau explizit als „campy” bezeichnet (2015: 36, vgl. Wallace 2011: 60).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Camp-Ästhetik innerhalb des Superhelden-Genres und Darlegung der Forschungsfrage bezüglich der Joker-Figur.
2. Camp — eine Begriffsannäherung: Theoretische Herleitung des Camp-Begriffs, Differenzierung zwischen Pop-Camp und queer Camp sowie Diskussion der politischen Implikationen.
2.1. Erste Definitionsversuche nach Susan Sontag: Darstellung der klassischen Analysekriterien für Camp nach Sontag wie Künstlichkeit, Übertreibung und Theatralik.
2.2. Kritik an Sontag — die politische Komponente des Camp: Gegenüberstellung von Sontags ästhetischer Sichtweise mit Kritikerpositionen, die Camp als politisches, subversives Instrument verstehen.
2.3. Camp im Superhelden-Genre: Analyse, warum das Superhelden-Genre aufgrund seiner theatralischen Überhöhung und Künstlichkeit inherent Camp-Qualitäten aufweist.
2.4. Zwischenfazit und neue Prämisse: Synthese der theoretischen Grundlagen und Hinführung zur spezifischen Analyse des Jokers als Camp-Figur.
3. Ein Charakterisierungsversuch des Jokers als Camp-Person: Untersuchung der Joker-Figur hinsichtlich der zuvor erarbeiteten Camp-Kriterien über verschiedene Medien hinweg.
3.1. Der Joker als Pop-Camp: Analyse des Jokers als Inbegriff einer ästhetischen, clownesken und übertriebenen Camp-Erlebnisweise.
3.2. Der Joker als queer Camp: Untersuchung der subversiven, performativen und identitätskritischen Aspekte des Jokers im Kontext von queer Camp.
4. Der Joker in Christopher Nolans The Dark Knight: Untersuchung der spezifischen Interpretation des Jokers durch Heath Ledger im Hinblick auf deren Camp-Qualität.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Camp-Eigenschaften des Jokers und Ausblick auf zukünftige Darstellungen der Figur.
Schlüsselwörter
Camp, Superhelden, Joker, Pop-Camp, queer Camp, Ästhetik, Künstlichkeit, Theatralik, Performativität, Gender, Subversion, Batman, Christopher Nolan, Identitätskonstruktion, Popkultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ästhetische und theoretische Verbindung zwischen dem Konzept des „Camp“ und der Figur des Jokers aus dem Batman-Universum.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Camp, die performative Natur von Identität in Comics und Filmen, die politische Dimension von Popkultur sowie die stetige Neuerfindung der Joker-Figur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit Camp eine zentrale Eigenschaft des Jokers ist und durch seine Darstellung innerhalb des Superhelden-Genres gefördert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine konzeptuelle Aufarbeitung medientheoretischer Ansätze (wie die von Susan Sontag) in Kombination mit einer detaillierten Charakter- und Filmanalyse der Joker-Figur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung von Camp, die Charakterisierung des Jokers als Pop- und queer-Camp-Figur sowie eine spezifische Fallstudie zu Christopher Nolans Film The Dark Knight.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Camp, Ästhetik der Künstlichkeit, Subversion, Performativität, queer Camp und die spezifische Antagonistenrolle des Jokers gegenüber Batman.
Inwiefern unterscheidet sich der Joker in The Dark Knight von seinen Comic-Vorbildern in Bezug auf Camp?
Die Arbeit stellt fest, dass der Joker in Nolans Film deutlich weniger Camp-Elemente aufweist, da die düstere und realistische Inszenierung des Films die clowneske Künstlichkeit der Figur weitgehend in den Hintergrund drängt.
Welche Bedeutung kommt der Verkleidung des Jokers als Krankenschwester im Film zu?
Diese Szene wird als die für eine Camp-Erlebnisweise zugänglichste im ganzen Film identifiziert, da sie durch den bewussten Kontrast zur Umgebung die Performativität von Gender und Identität offenlegt.
- Quote paper
- Matthias Kreuter (Author), 2016, The Camp-Prince of Crime. Der Joker als Fläche einer Camp-Erlebnisweise, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/424266