Es stellt sich die Frage, ob man sich aus Marketinggründen dazu entschieden hat, den negativ besetzten Reformbegriff durch ein neues, unter Umständen positiver besetztes Wort wie Modernisierung langsam aber sicher auszutauschen – in der Werbebranche wird in diesem Zusammenhang von der Bedeutung des ‚wording’ gesprochen: Unternehmen lassen es sich viel Geld kosten, um herauszufinden, ob bestimmte Produktnamen positive oder negative Assoziationen beim Kunden wecken. Allerdings hat auch der Begriff der Modernisierung mit ‚Imageproblemen’ zu kämpfen – so ist auf der Webseite der Tarifgemeinschaft Deutscher Länder im Zusammenhang mit der Forderung nach einer Reform des Tarifrechts von „Neugestaltung“ die Rede: „Der Begriff "Neugestaltung" wurde gewählt, um einen positiven Inhalt der Veränderungen zu verdeutlichen. Die Begriffe "Reform" und "Modernisierung" erschienen vor allem aus Sicht der Arbeitnehmervertretungen nicht geeignet.“7
Diese Hausarbeit will die Frage der Begriffsklärung versuchen zu lösen, dazu wird ausgehend vom Ursprung der beiden Begriffe die etymologische und historische Entwicklung skizziert. Beide Begriffe werden anschließend im politikwissenschaftlichen Kontext behandelt, hierfür wurden insbesondere Christian Graf VON KROCKOW für den Begriff Reform sowie Ulrich BECK und Wolfgang ZAPF für den Begriff der Modernisierung herausgegriffen. Abschließend sollen die wesentlichen Unterschiede beider Begriffe zusammenfassend dargestellt und eine Unterscheidung sowie eigene Definition versucht werden.
Gliederung
1. Einführung
2. Klärung des Wortursprungs und der Bedeutung
2.1 Reform
2.2 Modernisierung
3. Die Begriffe Reform und Modernisierung in der politikwissenschaftlichen Debatte
3.1 Reform
3.1.1 Politikwissenschaftliche Nachschlagewerke
3.1.2 Reform als politisches Prinzip: Christian von Krockow
3.2 Modernisierung
3.2.1 Politikwissenschaftliche Nachschlagewerke
3.2.2 Modernisierung: Ulrich Beck und Wolfgang Zapf
4. Zusammenfassung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
5. abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, eine begriffliche Klärung der Termini „Reform“ und „Modernisierung“ im politikwissenschaftlichen Kontext vorzunehmen. Dabei wird untersucht, wie sich die Konzepte etymologisch und historisch entwickelt haben, wie sie in der Fachliteratur definiert werden und worin ihre wesentlichen Unterschiede in Bezug auf Steuerbarkeit und gesellschaftliche Wirkung bestehen.
- Etymologische Herleitung beider Begriffe
- Historische Einordnung anhand bedeutender Fallbeispiele (Reformation, Preußische Reformen)
- Analyse der Definitionen in politikwissenschaftlichen Nachschlagewerken
- Gegenüberstellung der Ansätze von Christian von Krockow, Ulrich Beck und Wolfgang Zapf
- Vergleich von Reform und Modernisierung hinsichtlich Planung und Risikopotential
Auszug aus dem Buch
1. Einführung
“Was meinen Sie: Verbinden die meisten Leute heutzutage mit dem Begriff ‘Reform’ eher etwas Gutes oder eher etwas Schlechtes?“ So befragte das Mannheimer Institut für praxisorientierte Sozialforschung (ipos) im April 2004 im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Banken gut 1500 wahlberechtigte Bundesbürger. 80 Prozent der Befragten verbanden mit Reformen eher etwas Schlechtes und nur 14 Prozent sahen etwas Positives in dem Begriff. Laut der aktuellen Ausgabe des allgemeinen Nachschlagewerks BROCKHAUS ist eine Reform unter anderem die „Verbesserung des Bestehenden“, vor 200 Jahren sah man das in ADELUNGS Grammatisch-kritischen Wörterbuch nicht anders: „Reformiren – durch Abstellung der Mißbräuche und Irrthümer verbessern“.
Der Ruf der Reform scheint also in den letzten Jahren deutlich ramponiert worden zu sein – dem Begriff haftet nicht mehr viel von der Aura der Bismarckschen Sozialreformen an oder der positiven Assoziationen der Reformen, die zur Entwicklung der sog. „sozialen Marktwirtschaft“ seit den Wirtschaftswunderjahren führten. Mittlerweile heftet beinahe jeder Politiker seinen Ideen und Vorschlägen das Etikett Reform an und hofft darauf, es möge etwas Glanz von der guten alten Reformidee auf seinen Kompromiss herabfallen. ‚Leider’ hat der Wähler seit einiger Zeit diesen Trick anscheinend durchschaut und verbindet mit Reformen nur noch das Verwalten von Missständen und stellt sich gleichzeitig auf eine Verringerung seiner Erwartungen und Ansprüche ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Dieses Kapitel thematisiert die aktuelle Wahrnehmung des Reformbegriffs in der Bevölkerung und leitet die Notwendigkeit einer präzisen Begriffsklärung sowie der Differenzierung zum Modernisierungsbegriff ein.
2. Klärung des Wortursprungs und der Bedeutung: Hier werden die etymologischen Wurzeln beider Begriffe analysiert und durch historische Einordnungen von Reformprozessen wie der Reformation oder den Preußischen Reformen ergänzt.
3. Die Begriffe Reform und Modernisierung in der politikwissenschaftlichen Debatte: Dieser Abschnitt erarbeitet die Definitionen der Begriffe unter Rückgriff auf einschlägige Fachlexika sowie spezifische Theorien von Christian von Krockow, Ulrich Beck und Wolfgang Zapf.
4. Zusammenfassung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede: In diesem Kapitel werden die erarbeiteten Merkmale beider Konzepte systematisch gegenübergestellt, um den grundlegenden Unterschied zwischen der planbaren Reform und dem oft evolutionären Prozess der Modernisierung herauszuarbeiten.
5. abschließende Bemerkungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass Reformen systemerhaltend wirken, während Modernisierung tendenziell einen tieferen Bruch oder eine Zäsur darstellt.
Schlüsselwörter
Reform, Modernisierung, Politikwissenschaft, Sozialreform, Strukturwandel, Risikogesellschaft, Christian von Krockow, Ulrich Beck, Wolfgang Zapf, Soziale Marktwirtschaft, Institutionen, Machtverteilung, Systemtransformation, Fortschrittsbegriff
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der begrifflichen Abgrenzung und inhaltlichen Definition der Begriffe „Reform“ und „Modernisierung“ im politisch-gesellschaftlichen Kontext.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die etymologische Herkunft, die historische Entwicklung, die politikwissenschaftliche Debatte sowie die Unterschiede in der Planbarkeit und Umsetzung beider Konzepte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die oft inflationär und synonym verwendeten Begriffe Reform und Modernisierung sauber voneinander zu trennen und ihre jeweiligen Charakteristika sowie das damit verbundene Konfliktpotenzial aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Ansätze oder Methoden kommen zum Einsatz?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse von allgemein- und politikwissenschaftlichen Nachschlagewerken sowie auf die theoretischen Arbeiten von Autoren wie Christian von Krockow, Ulrich Beck und Wolfgang Zapf.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil analysiert detailliert, wie Politikwissenschaftler die Begriffe definieren, wobei insbesondere die Unterscheidung zur Revolution und die Theorie der Reflexiven Modernisierung beleuchtet werden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die zentralen Begriffe sind Reform, Modernisierung, Strukturwandel, Politische Steuerung und Risikogesellschaft.
Warum wird die Reformation als historisches Beispiel herangezogen?
Sie dient zur Verdeutlichung des schmalen Grats zwischen Reform und Revolution sowie der langfristigen, institutionell prägenden Kraft von Reformprozessen.
Welche Rolle spielt die „Risikogesellschaft“ bei Ulrich Beck?
Beck nutzt den Begriff, um zu verdeutlichen, dass moderne Transformationsprozesse nicht mehr nur positive Fortschritte bedeuten, sondern technologische und ökologische Risiken erzeugen, die gesellschaftlich nur noch schwer zu kontrollieren sind.
Wie unterscheidet sich die Planbarkeit bei Reformen und Modernisierung?
Reformen werden als bewusst geplante, sachbezogene Eingriffe in Teilbereiche des Systems verstanden, während Modernisierung eher einen evolutionären und damit weniger präzise steuerbaren Prozess darstellt.
- Arbeit zitieren
- Hilmar Schimming (Autor:in), 2005, Reform und Modernisierung: Versuch einer Begriffsklärung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/42224