Wer heute wenigstens eine der großen Plattformen für soziale Medien nutzt, sei es Instagram, Twitter oder Facebook, wird nicht umhin kommen die schier unendliche Masse an Tweeds, Posts oder Storys zu bemerken die Menschen mit nur einem Zweck online stellen: nämlich dem der Selbstdarstellung. Mit anderen Worten, die eigene Individualität soll zur Schau gestellt werden. Es soll gezeigt werden, dass niemand anderes so ist wie man selbst, das zeigt sich in den Millionen Profilen die alle für sich in Anspruch nehmen Etwas besonderes, etwas individuelles zu sein. Das Paradox wird schnell deutlich. Woher kommt aber dieses Verlangen der Menschen sich abzuheben, der Drang zur Individualität? War es schon immer so, und wenn nicht, wann trat dieses Phänomen das erste Mal auf? Was ist der Prozess der hinter dieser Entwicklung steht?
Diese Fragen stellten sich auch einige der größten Soziologen, die sogenannten Begründer der modernen Soziologie. Zwei die sich besonders intensiv mit dem Thema der Individualität in ihrer Zeit beschäftigten waren der französische Soziologe und Ethnologe Emile Durkheim und der deutsche Soziologe Georg Simmel. Beide legten mit ihren Ansätzen eine Individualitätstheorie vor. In dieser Arbeit wird sich mit der Theorie Georg Simmels beschäftigt und versucht die Frage zu beantworten ob und inwiefern es sich bei der Individualisierung um ein genuin, modernes Phänomen handelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Individualität nach Georg Simmel
2.1. Georg Simmel
2.2. Individualität
2.3. Simmels Individualitätstheorie
2.3.1. Die Kreuzung sozialer Kreise
2.3.2. Die Großstadt und das Geistesleben
2.3.3. Die Philosophie des Geldes
3. Moderne und Individualisierung
3.1. Die Moderne
3.2. Der Prozess der Individualisierung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Theorie der Individualität von Georg Simmel vor dem Hintergrund der soziologischen Moderne, um zu klären, ob es sich bei der Individualisierung um ein genuin modernes Phänomen handelt.
- Soziologische Grundlagen der Individualität nach Georg Simmel
- Das Modell der Kreuzung sozialer Kreise
- Der Einfluss von Großstadt und Geldwirtschaft auf das Individuum
- Definitionsversuche der Moderne als soziologische Epoche
- Der Prozess der Individualisierung als historischer Wandel
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Die Kreuzung sozialer Kreise
Im Folgenden möchte ich auf das, unter Individualität kurz angeführte soziologische Modell der sozialen Kreise genauer eingehen. Simmel stellt seine These, dass Individualität aus den Schnittpunkten verschiedener sozialer Kreise entsteht erstmals 1890 in seinem Aufsatz Über soziale Differenzierung vor und greift diese dann erneut in dem Kapitel Die Kreuzung sozialer Kreise in seinem 1908 erschienen Werk Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung auf.
Simmel setzt seiner Theorie zugrunde, dass jeder Mensch Mitglied mehrerer Gruppen oder eben sozialer Kreise ist. Soziale Kreise sind aber nicht nur Gruppen, in denen ein Individuum lebt und sich bewegt, sondern ein Überbegriff, der auch das Geschlecht oder die Generation umfassen kann. Die ersten und engsten Gruppen kann sich der Einzelne in der Regel nicht aussuchen. Er sieht sich einer Umgebung gegenüber „die gegen seine Individualität relativ gleichgültig ist, ihn an ihr Schicksal fesselt und ihm ein enges Zusammensein mit denjenigen auferlegt, neben die der Zufall der Geburt ihn gestellt hat [...]“ (Simmel 1908, 403f). Dies bedeutet für Simmel den Anfangszustand sowohl phylogenetischer wie ontogenetischer Entwicklung des Individuums (Vgl. Simmel, S.404).
Beobachtet man diese Entwicklung weiter kann man laut Simmel die Verbindung, sich einander ähnlicher Individuen aus unterschiedlichen Kreisen beobachten. Es kommt zu assoziativen Verhältnissen homogener Bestandteile aus heterogenen Kreisen. (Simmel, 1908, Ebd.). Da diese Kreise unterschiedliche Normen haben führt die Überschneidung der Zugehörigkeit des Einzelnen in mehreren Kreisen zu inneren und äußeren Konflikten. Je weiter eine Gesellschaft entwickelt ist desto mehr Kreisen kann der einzelne angehören und so seine Individualität weiter entwickeln und sich seiner Persönlichkeit bewusst werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Selbstdarstellung im digitalen Zeitalter ein und stellt die Forschungsfrage zur theoretischen Einordnung der Individualisierung bei Georg Simmel.
2. Individualität nach Georg Simmel: Das Kapitel bietet eine biographische Vorstellung von Georg Simmel und analysiert seine soziologische Theorie der Individualität, insbesondere durch das Modell der Kreuzung sozialer Kreise.
3. Moderne und Individualisierung: Hier wird die Moderne als soziologische Epoche definiert und der Prozess der Individualisierung als gesellschaftlicher Übergang in den historischen Kontext eingeordnet.
4. Fazit: Das Fazit resümiert die enge Verknüpfung von Moderne und Individualisierung und hinterfragt kritisch das Paradoxon der angestrebten Einzigartigkeit in der heutigen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Georg Simmel, Individualität, Individualisierung, Soziologie, Moderne, Soziale Kreise, Vergesellschaftung, Selbstbestimmung, Selbstdarstellung, Großstadt, Geldwirtschaft, Soziale Differenzierung, Identität, Gesellschaft, Soziologische Theorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologischen Konzepte von Georg Simmel zur Entstehung von Individualität und stellt diese in den Zusammenhang der Moderne.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Individualitätstheorie, dem Modell der Kreuzung sozialer Kreise sowie der soziologischen Einordnung von Moderne und Industrialisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu beantworten, ob die Individualisierung als ein genuin modernes Phänomen betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturtheoretische Analyse, die intensiv auf Primärquellen von Georg Simmel sowie ergänzender Sekundärliteratur aufbaut.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Leben und Wirken Simmels, seiner Theorie der sozialen Kreise und der Definition der Moderne als historischer Prozess.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Georg Simmel, Individualisierung, Moderne, soziale Kreise und Identität.
Wie entsteht laut Simmel Individualität?
Individualität entsteht laut Simmel durch die Kreuzung verschiedener sozialer Kreise, in denen sich das Individuum bewegt und deren Schnittpunkte eine einzigartige Persönlichkeitsstruktur bilden.
Welche Rolle spielt die Großstadt für die Individualität?
Die Großstadt fungiert als Ort, der durch gesteigerte Nervenreize und eine größere soziale Vielfalt die Entwicklung des individuellen Geistes und der Eigenart fördert.
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- Karl Brockhausen (Author), 2018, Individualisierung als modernes Phänomen. Erläuterung anhand der Individualitätstheorie Georg Simmels, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/419559