Am 29.1.1954 wurde die erste Fassung des Hörspiels „Prinzessin Turandot“ von Wolfgang Hildesheimer unter der Regie von Gert Westphal im Nordwest-deutschen Rundfunk urausgestrahlt. Am 10. 10. 1954 folgte die Ursendung der zweiten Fassung des Hörspiels, die sich nur durch den Schluss von der ersten Fassung, in der der falsche Prinz Turandot die Stadt zeigen will, unterscheidet, im Süddeutschen Rundfunk unter der Regie von Otto Kurth. Für sein NWDR Hörspiel, an dessen Produktion er mitgearbeitet hat, erhielt Hildesheimer 1955 den Hörspielpreis der Kriegsblinden, der zum vierten Mal vergeben wurde. Die Bemühungen um eine neue Kunstgattung gäbe besonders den „Nichtsehenden“ –gemeint sind die vielen Kriegsblinden, welche auch Teil der Jury waren- viel, da „Heilung nur im Geiste möglich“ sei. Durch diese renommierte Auszeichnung seines „eigens für den Rundfunk geschriebene[n] Werk[es]“ erlangte Hildesheimer bundesweit das Ansehen eines bekannten Hörspielautors. 1960 erschien das Drama „Die Eroberung der Prinzessin Turandot“, welches die zweite Dramenfassung des Turandot-Stoffes darstellt und nachweislich das erste Mal 1967 aufgeführt wurde. Dies ist einer der seltenen Fälle, wo ein Hörspiel zu einem Drama umgearbeitet wurde und nicht umgekehrt, weil „diese neue, ganz eigenständige Dichtungsgattung Hörspiel die Kraft entwickel[n musste], sich neben Roman und Drama einen Platz in der literarischen Wertung zu erobern“ und sich als „legitime Kunstform“ mit eigenen Merkmalen zu etablieren. Geschichtlich betrachtet sind das Drama und das Hörspiel eng mit einander verknüpft: Auf die anfängliche Übertragung von Dramen im Radio folgte die Adaption der Bühnenstücke an das Radio, bis sich das Hörspiel schließlich emanzipierte und es „seinerseits gebend das Theater [...] bereicher[te]“. „Die Zeit“ kritisierte, dass es zahlreiche dramatische Künstler gäbe, die für den Funk und nicht für das Theater schreiben und somit den Funk als „Probierstein“ für ihr Theater benutzten, ohne dabei die schwere ökonomische Situation der Dramenautoren zu beachten.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung (historischer Kontext, Forschungsüberblick, Fragestellung)
II. Hildesheimers Hörspiel „Prinzessin Turandot“
II. A) performative Aussagen von Hildesheimer über das Medium des Hörfunks
II. B) Sprache im Hörspiel
II. C) Paratexte (Stimmverzeichnis, Regieanweisungen)
II. D) Raum
II. E) Phantasie statt optischer Darstellung
II. F) Stimmen und weitere akustische Phänomene
II. G) Zeit
II. H) Komik
II. I) Figurencharakterisierung
II. J) Aufmerksamkeit des Zuhörers
III. Hildesheimers Drama „Die Eroberung der Prinzessin Turandot“
III. A) performative Aussagen von Hildesheimer zum Drama
III. B) Sprache im Drama
III. C) Dramatische Mittel
III. D) Raum
III. E) Visualisierung
III. F) Zeit
III. G) Komik im Genre der Komödie
IV. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die medienspezifischen Unterschiede zwischen dem Hörspiel „Prinzessin Turandot“ und der darauf basierenden Komödie „Die Eroberung der Prinzessin Turandot“ von Wolfgang Hildesheimer systematisch zu analysieren und zu vergleichen.
- Medienvergleich zwischen Hörspiel und Drama
- Analyse der akustischen Gestaltung des Hörspiels
- Untersuchung der visuellen und szenischen Umsetzung im Theaterstück
- Vergleichende Betrachtung der Figurencharakterisierung und Komik
- Untersuchung der Rezeptionsweisen durch das Publikum
Auszug aus dem Buch
II. E) Phantasie statt optischer Darstellung
Die Stimmen sind der Augenersatz für den Hörer, was sie nicht beschreiben, obliegt der Phantasie des Hörers. So wird die äußere Erscheinung des Kaisers- „Liang flüstert Er ist im Nachtgewand“ (S. 110)- festgelegt und unterstreicht die Wichtigkeit seines Besuchs sowie seine Schlauheit, da er mit seiner Kleidung seine sprachliche „Zerstreutheit“ unterstützend „fingiert“ (S. 110). Ähnlich der Mauerschau im Drama wird mit einer Äußerung der Raum ausgeweitet und eine neue Figur einerseits den anderen Figuren und andererseits dem Hörer ins Blick- bzw. Hörfeld eingeführt, sodass man hier von einem doppelten Schauen sprechen kann: „Da! Der Henker! Wie das Rot leuchtet.“ (S. 107) Durch die Erwähnung der Farbe wird beim Hörer die Assoziation zum europäischen Stereotyp des Henkers mit der roten Henkersmaske hergestellt, die das Gesicht nicht erkennen lässt und somit keine Identifikation der Person hinter der Maske zulässt. Dies äußert eine Frau, welche die hingerichteten Prinzen mitzählt und „schon auf den nächsten gespannt“ (S. 107) ist, was man als Kritik an der Neuigkeits- bzw. Katastrophengeilheit des Volkes deuten kann. Die Schönheit des Prinzen und der Prinzessin wird individuell imaginiert, da kein optisches Bild wie im Drama vorgegeben wird. Das Thema des Hörspiels ist auch nur das, was akustisch dargestellt werden kann: „Keine Schönheit, sondern Klugheit“ (S. 108).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung (historischer Kontext, Forschungsüberblick, Fragestellung): Der einleitende Abschnitt skizziert die Entstehungsgeschichte des Hörspiels „Prinzessin Turandot“ und begründet das Vorhaben, dieses Werk mit Hildesheimers späterer Komödie medienvergleichend zu untersuchen.
II. Hildesheimers Hörspiel „Prinzessin Turandot“: Dieses Kapitel widmet sich den spezifischen Gestaltungsmitteln des Hörspiels, wobei besonderes Augenmerk auf Sprache, Paratexte, Raumdarstellung, Stimmen und die geforderte aktive Phantasieleistung des Hörers gelegt wird.
III. Hildesheimers Drama „Die Eroberung der Prinzessin Turandot“: Hier wird die Bühnenfassung analysiert, wobei Schwerpunkte auf performativen Aussagen, dramatischen Mitteln, der Visualisierung, dem Zeitkonzept und der verstärkten Komik im Genre der Komödie liegen.
IV. Fazit: Das Fazit stellt die unterschiedlichen Rezeptionsweisen – individuell-phantasiegeleitet beim Hörspiel versus kollektiv-optisch beim Drama – als zentralen Unterschied heraus und bilanziert Hildesheimers Bemühungen um eine medienadäquate Gestaltung.
Schlüsselwörter
Wolfgang Hildesheimer, Prinzessin Turandot, Hörspiel, Drama, Medienvergleich, Komik, Rezeption, Figurengestaltung, akustische Phänomene, Regieanweisungen, Theater, Literaturwissenschaft, Phantasie, Aufführungspraxis, Gattungsanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Unterschiede zwischen Wolfgang Hildesheimers Hörspiel „Prinzessin Turandot“ und seiner Komödie „Die Eroberung der Prinzessin Turandot“ unter dem Gesichtspunkt der medienspezifischen Darstellungsmittel.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Einsatz von Sprache, akustische und optische Gestaltungsmittel, die Charakterisierung der Figuren sowie die Rolle der Aufmerksamkeit und Phantasie beim Rezipienten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Eigenheiten des Hörspiels und des Dramas gegenüberzustellen und zu zeigen, wie Hildesheimer dieselbe Stoffvorlage für zwei grundlegend verschiedene Medien adaptiert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit verwendet eine vergleichende Literatur- und Medienanalyse, wobei Textbelege direkt aus den Werken und ergänzende Forschungsliteratur hinzugezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Gestaltungsmittel des Hörspiels (Teil II) und des Dramas (Teil III), wobei Aspekte wie Raum, Zeit, Sprache und Komik jeweils einzeln untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Medienvergleich, Hörspiel, Theaterstück, Wolfgang Hildesheimer und Gattungsanalyse treffend beschreiben.
Warum wird im Hörspiel das "Schrittgeräusch" so intensiv besprochen?
Das Schrittgeräusch fungiert als Ersatz für die im Hörspiel fehlende visuelle Wahrnehmung von Auf- und Abtritten und dient dazu, den Zuhörer über die räumliche Bewegung der Charaktere zu informieren.
Welche Funktion hat die Komik in der Komödienfassung?
Die Komik dient im Drama unter anderem der politischen Satire und unterstreicht die Unwissenheit oder Inkompetenz bestimmter Figuren, was den komödiantischen Charakter des Stücks verstärkt.
Wie unterscheidet sich die "Anagnorisis" im Drama vom Hörspiel?
Das Drama nutzt das klassische Element der Anagnorisis (Wiedererkennen/Entlarvung), um die Wahrheit für das Publikum und die Figuren gleichzeitig sichtbar zu machen, was im Hörspiel auf rein akustischer Ebene realisiert wird.
- Arbeit zitieren
- Alexandra Priesterath (Autor:in), 2017, Vom hörbaren Lächeln und sichtbarer Zeit. Eine medienpoetologische Reflexion über Wolfgang Hildesheimers Hörspiel "Prinzessin Turandot" und Drama "Die Eroberung der Prinzessin Turandot", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/418932