Moralansichten des Einzelnen, Überzeugungen von Gemeinschaften, bis hin zu den heutzutage beinahe schon inflationär beschworenen westlichen Werten, die in jedem Europäer – was für Europäer in diesen Tagen direkt mit "jedem aufgeklärten Individuum" gleichzusetzen zu sein scheint, wenn man Talkshows, Zeitungsartikel oder bestimmte populistische Politiker verfolgt – zu "hausen" scheinen. Das Innenleben des Menschen, womit dieser Text immer die moralische Metapher, niemals den biologischen Aspekt meint, ist in der Gesellschaft aktueller denn je.
Manche religiösen Führer sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einer Notwendigkeit, beinahe einem nackten Kampf ums Überleben gleichkommend, solche moralischen Werte – wie auch immer diese geartet sein sollen – zu entwickeln.
Doch wie kam der Mensch überhaupt zu der Fähigkeit solch ein Innenleben beherbergen, geschweige denn reflektieren und an seine eigenen Bedürfnisse anpassen zu können? War der Prozess an sich als friedlich zu beschreiben, oder spielten gewisse Zwänge eine erwähnenswerte Rolle? Gab, beziehungsweise gibt, es zu diesem Vorgang der Verinnerlichung kulturabhängige Ansichten, die vielleicht nicht als deckungsgleich zu klassifizieren sind, sich aber dennoch mit dem gleichen Phänomen zu beschäftigen scheinen?
Mit diesen Fragen und weiteren Ausblicken wird sich die Seminararbeit auf den nächsten Seiten beschäftigen. Dabei werden zwei große philosophische Persönlichkeiten, aus verschiedenen Kulturen und ihre eigenen Schöpfungen zu Rate gezogen und hinsichtlich unserer Leitfrage – "Ist der Samurai von Inazo Nitobe ein geeignetes Beispiel für den Prozess der Verinnerlichung des Menschentiers in der 2. Abhandlung von "Zur Genealogie der Moral"?" – auf Gemeinsamkeiten und etwaige Unterschiede überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Samurai in Nitobes „Bushido – Die Seele Japans“
3. Die Verinnerlichung des Menschenthiers in der 2. Abhandlung von „Zur Genealogie der Moral“
4. Zusammenführung der Werke in Hinblick auf die Leitfrage
5. Schlusswort
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht, ob die Figur des Samurai aus Inazo Nitobes „Bushido – Die Seele Japans“ als geeignetes Beispiel für den Prozess der Verinnerlichung des Menschenthiers fungieren kann, wie ihn Friedrich Nietzsche in der zweiten Abhandlung von „Zur Genealogie der Moral“ beschreibt. Ziel ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden philosophischen Konzepte der Verinnerlichung kritisch zu analysieren.
- Vergleich zweier unterschiedlicher kultureller und philosophischer Ansätze zur Verinnerlichung
- Analyse des Bushido als Faden des japanischen Feudalismus und dessen Wandlung
- Untersuchung von Nietzsches Konzept des Menschenthiers und der Rolle der Strafe
- Gegenüberstellung der historischen Rahmenbedingungen (japanischer Feudalismus vs. evolutionstheoretisches Modell)
- Bewertung der jeweiligen Erfolge und Wirkungsweisen der Verinnerlichungsprozesse
Auszug aus dem Buch
3. Die Verinnerlichung des Menschenthiers in der 2. Abhandlung von „Zur Genealogie der Moral“:
In der zweiten Abhandlung von „Zur Genealogie der Moral“ beschreibt Nietzsche auf den ersten Blick einen deutlich allgemeiner gehaltenen Prozess zur Verinnerlichung des Menschen. Es wird dabei nicht von einer bestimmten, geographisch oder sozial eingeschränkten Gruppe von Personen, sondern insgesamt vom Menschen – genauer gesagt vom Menschen als Tier – gesprochen.
In dieser Abhandlung wird das Menschentier als ein Tier, welches den Fokus der Instinkte früher nach außen gerichtet hatte beschrieben – genauer gesagt wird von einer reinen, wahrhaftigen Bestie der Tat gesprochen.
Dann hat man aber, quasi durch das eigene Wesen der Menschheit oder gezwungen durch die Natur der Dinge – was evolutionstechnisch auch in einem gewissen Sinne vom Mensch ausgehen würde, er dabei aber nicht die aktive Kraft wäre – die Notwendigkeit eines Schutzes vor den eigenen, wilden Instinkten als nächsten, einschränkenden, aber dennoch richtigen Schritt angesehen. Das Wort „richtig“ wird hier deshalb verwendet, da sonst eine komplette Umkehr der Fokussierung des menschlichen Tiers auf das Innenleben nicht zwingend von Nöten gewesen wäre.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der moralischen Wertentwicklung ein und definiert die zentrale Forschungsfrage, ob der Samurai nach Nitobe als Beispiel für Nietzsches Prozess der Verinnerlichung dienen kann.
2. Der Samurai in Nitobes „Bushido – Die Seele Japans“: Dieses Kapitel betrachtet den Autor Nitobe und analysiert den Bushido-Kodex als eine vom Feudalismus geprägte Lebensphilosophie, deren Wandel einen Verinnerlichungsprozess bei den Samurai auslöste.
3. Die Verinnerlichung des Menschenthiers in der 2. Abhandlung von „Zur Genealogie der Moral“: Hier wird Nietzsches evolutionäre Sicht auf die Verinnerlichung des Menschenthiers thematisiert, wobei die Rolle der „Strafe“ und des Gemeinwesens als notwendige Instrumente zur Formung des Innenlebens hervorgehoben werden.
4. Zusammenführung der Werke in Hinblick auf die Leitfrage: Dieser Abschnitt vergleicht die Ergebnisse der beiden vorherigen Kapitel und stellt fest, dass sich die Prozesse aufgrund unterschiedlicher Startbedingungen und Zielsetzungen in ihrem Wesen grundlegend unterscheiden.
5. Schlusswort: Das Fazit fasst zusammen, dass Nitobes Samurai-Modell nur bedingt als Beispiel für Nietzsches Prozess taugt, da bei den Samurai eine „Umstrukturierung“ vorlag, während Nietzsche einen evolutionären Prozess der Instinktunterdrückung beschreibt.
6. Bibliographie: Dieses Kapitel listet alle verwendeten Quellen, Internetressourcen und wissenschaftlichen Werke auf.
Schlüsselwörter
Verinnerlichung, Menschenthier, Samurai, Bushido, Friedrich Nietzsche, Inazo Nitobe, Moral, Feudalismus, Strafe, Gemeinwesen, Instinkte, Identität, Philosophie, Kulturvergleich, Genealogie der Moral
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht das Konzept der „Verinnerlichung“ bei zwei unterschiedlichen philosophischen Ansätzen: dem Bushido-Kodex bei Inazo Nitobe und der „Genealogie der Moral“ bei Friedrich Nietzsche.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Entstehung von Moral, das menschliche Innenleben, die Rolle des Feudalismus sowie die psychologische Entwicklung des Menschen als „Tier“.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die historische Figur des Samurai nach Inazo Nitobe ein geeignetes Beispiel für den von Nietzsche beschriebenen allgemeinen Prozess der Verinnerlichung des Menschenthiers darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Textanalyse, bei der zwei spezifische Werke herangezogen und in Bezug auf ihre zentralen Thesen und Gemeinsamkeiten analysiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert getrennt voneinander die Konzepte von Nitobe und Nietzsche, um sie anschließend im vierten Kapitel direkt gegenüberzustellen und ihre Übereinstimmungen oder Diskrepanzen zu bewerten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Verinnerlichung, Samurai, Bushido, Nietzsche, Moral, Instinkte und Feudalismus.
Warum unterscheidet der Autor zwischen „Umstrukturierung“ und „Verinnerlichung“?
Der Autor argumentiert, dass beim Samurai bereits eine komplexe soziale Struktur bestand, weshalb der Prozess eher eine Umstrukturierung war, während Nietzsche beim allgemeinen Menschen von einer fundamentalen Neuformung der Instinkte spricht.
Was ist das „souveräne Individuum“ im Kontext von Nietzsche?
Es beschreibt für Nietzsche die reifste Stufe der menschlichen Entwicklung, bei der das Individuum geordnet ist und in der Lage ist, Versprechen zu geben, was jedoch laut Autor als rein theoretisches Modell zu verstehen ist.
- Arbeit zitieren
- Sascha Himmelsbach (Autor:in), 2016, Ist der Samurai in Inazo Nitobes "Buschido. Die Seele Japans" ein Beispiel für den Prozess der Verinnerlichung des "Menschen-Thiers" in Friedrich Nietzsches "Zur Genealogie der Moral"?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/418762