Diese Arbeit untersucht die Rolle von Rhetorik und Humor in Hartmann von Aues Versroman "Erec" aus dem 12. Jahrhundert. Die Art und Weise, wie Aue das Interesse des Lesers mit Erzählerkommentaren und Bemerkungen steuert, macht deutlich, wie stark in der aufkommenden Schriftlichkeit auch Mündlichkeit noch integriert war. Es werden Rollenspiele in sekundärer Mündlichkeit thematisiert und Gespräche mit fingierten Zuhörern geführt.
Der Erzähler wird als eine fiktive Person ausgegliedert und das, was er über sich selbst sagt, kann, trotz der Personifizierung durch „Ich“, nicht eins zu eins als Aussage des realen Autors gesehen werden. "Erec" zeigt zudem in anschaulicher Weise, wie mittelalterliche Autoren auf humorvolle Art ihre Leser, beziehungsweise Zuhörer, mit rhetorischen Mitteln ansprechen.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Erzähler im Erec
2. Die Erzählerbemerkung / Der Erzählerkommentar
2.1 Die Redetopoi, andere Motive und Stilmittel
2.2 Ironie, Komik und Verwirrungen
2.3 Erzähler-Publikum-Verhältnis
3. Selbstinszenierung oder Fiktionalitätsdurchbrechung?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die erzählerischen Strategien Hartmanns von Aue im Erec, wobei der Fokus insbesondere auf der Rolle des Erzählers als Vermittler, Erzieher und humorvollem Kommentator liegt. Dabei soll analysiert werden, wie durch rhetorische Mittel, Erzählerkommentare und direkte Publikumsadressierungen ein komplexes Erzähler-Publikum-Verhältnis geschaffen wird.
- Analyse der Funktion von Erzählerkommentaren und Erzählerbemerkungen.
- Untersuchung rhetorischer Mittel wie der Redetopoi und Stilfiguren.
- Betrachtung von Ironie, Komik und deren Wirkung auf die Wahrnehmung der Erzählung.
- Erörterung der Interaktion zwischen dem Erzähler und dem Publikum zur Inszenierung der mündlichen Erzählsituation.
- Reflexion über die Selbstinszenierung des Erzählers und dessen Rolle als „Lehrer“ der höfischen Welt.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Redetopoi, andere Motive und Stilmittel
Hartmann zieht alle Register der klassischen Rhetorik. Typisch sind z.B. der Unfähigkeitstopos oder der Bescheidenheitstopos. Sich selbst als einen tumben kneht zu bezeichnen wird durch einen Unsagbarkeitstopos und etliche Entschuldigungen als rhetorische Figur verwendet (V. 7481-7486). Auch Beispiele für bildliche Topoi und Metaphern lassen sich im Erec nachweisen. Zum Beispiel wird der boumgarten als vollkommener locus amoenus dargestellt. Schlussendlich entpuppt sich dieser dann als Ort des Todes (V. 8699ff.). Vor allem aber, wenn der Autor den Erzähler so auftreten lässt, dass dieser wiederkehrend auf die Wahrheit seiner Geschichte besteht, entspricht er damit den normalen Anforderungen seines Publikums. Stereotype Kurzformeln, wie daz ist war oder deiswar, vür war oder zeware kommen dagegen meist nur wegen der Versform vor. Hartmann nutzt zur Bekräftigung seiner Wahrheit Quellenberufungen. Das tut er insbesondere an den Stellen, wo er von der Vorlage Chrétiens abweicht, um seine Veränderung zu untermauern. Termini, wie buoch, maere, aventiure, sagen, hoeren, aber auch meister sind dabei die Regel für den Überlieferungsnachweis.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Erzähler im Erec: Dieses Kapitel führt in die Rolle des Erzählers ein, der als souveräner Mittler zwischen dem Stoff und dem Publikum fungiert und verschiedene Rollen wie Erzieher oder Unterhalter einnimmt.
2. Die Erzählerbemerkung / Der Erzählerkommentar: Hier werden die sprachlichen Mittel und werteorientierten Stellungnahmen des Erzählers analysiert, die den Leser durch das Werk führen und seine Wahrnehmung lenken sollen.
2.1 Die Redetopoi, andere Motive und Stilmittel: Dieses Unterkapitel untersucht den Einsatz klassischer rhetorischer Figuren wie Bescheidenheitstopoi und Quellenberufungen, die zur Inszenierung von Wahrheit und Autorität des Erzählers dienen.
2.2 Ironie, Komik und Verwirrungen: Es wird analysiert, wie der Erzähler durch komische Akzentuierungen und ironische Bemerkungen das Publikum irritiert und ein Bewusstsein für die Fiktionalität der Erzählung schafft.
2.3 Erzähler-Publikum-Verhältnis: Dieser Abschnitt beleuchtet die Interaktion zwischen Erzähler und Publikum, insbesondere wie der Erzähler durch direkte Ansprachen die Fiktion reflektiert und das Publikum in den Bann zieht.
3. Selbstinszenierung oder Fiktionalitätsdurchbrechung?: Das Kapitel zieht ein Fazit zur Rolle des Erzählers und diskutiert, inwiefern Hartmann durch sein Erzählverhalten sowohl die Kunst des Erzählens als auch die Distanz zwischen Autor und Fiktion thematisiert.
Schlüsselwörter
Erec, Hartmann von Aue, Erzähler, Erzählerkommentar, Rhetorik, Fiktionalität, Redetopoi, Ironie, Komik, Erzähler-Publikum-Verhältnis, Höfischer Roman, Selbstinszenierung, Literarische Kommunikation, Mittelalterliche Epik, Erzähltheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die erzählerischen Techniken und die Rolle des Erzählers in Hartmanns von Aue Werk "Erec" unter dem Aspekt der rhetorischen Gestaltung und Publikumsinteraktion.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die rhetorische Selbstinszenierung des Erzählers, der Einsatz von Erzählerkommentaren, die Funktion von Ironie und Komik sowie die bewusste Gestaltung der Erzählsituation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Intention hinter den Erzählerkommentaren offenzulegen und zu analysieren, wie Hartmann sein Publikum durch verschiedene erzähltechnische Mittel steuert und als Autor/Erzähler wahrnehmbar bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die sich auf die Analyse erzähltechnischer Mittel und narratologische Konzepte stützt, ergänzt durch den Vergleich mit der Vorlage von Chrétien de Troyes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Redetopoi, Ironie und Komik sowie die detaillierte Analyse der Beziehung zwischen Erzähler und Publikum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Erec, Hartmann von Aue, Erzählerfigur, Rhetorik, Fiktionalität und Publikumsinteraktion.
Inwiefern beeinflusst der "tumben kneht" die Glaubwürdigkeit des Erzählers?
Der Erzähler nutzt den Unfähigkeitstopos (tumben kneht), um ironisch seine eigene Bescheidenheit zu betonen, während er gleichzeitig durch Quellenberufungen die Wahrheit seiner Geschichte zu beglaubigen sucht.
Welche Rolle spielt die Komik bei der Vermittlung der Geschichte?
Komik wird von Hartmann gezielt eingesetzt, um das Publikum zu unterhalten, aber auch, um die Rezipienten zu irritieren und sie zur Reflexion über die erzählten Inhalte anzuregen.
Warum betont der Erzähler seine Rolle als "Erzieher"?
Indem er sich als Erzieher inszeniert, erhebt der Erzähler den Anspruch, nicht nur zu unterhalten, sondern dem Publikum moralische Werte und Wissen über die Welt in literarischer Form zu vermitteln.
- Arbeit zitieren
- Nicole Schönbach (Autor:in), 2013, Rhetorik und Humor. Hartmann von Aues Erzähler im "Erec", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/415908