Wenn eine Frau ein Kind erwartet, stellt sie sich viele Fragen, beispielsweise die Frage, ob sie eine gute Mutter sein wird, die Frage, ob ihr Kind gesund sein wird, aber auch die Frage, ob sie es stillen möchte und die Frage, wie sie das Kinderzimmer einrichten soll.
Die Frage, ob sie nach der Geburt eine psychische Erkrankung bekommen könnte, stellt sie sich meist nicht.
Obwohl postpartale (lat.: post partus = nach der Niederkunft) psychische Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Frauen vor dem Klimakterium (Wechseljahre) gehören, werden sie in der deutschsprachigen Literatur, insbesondere in vielen Büchern über Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, häufig gar nicht erwähnt oder nur kurz angeschnitten (vgl. Sauer, B. 1993, S. 4).
Deshalb wissen die meisten werdenden und jungen Mütter allenfalls, dass viele Frauen nach der Geburt einige Tage niedergeschlagen sein können und in dieser Zeit viel weinen; diese postpartale Dysphorie (griech.: dysphorein = traurig sein), die umgangssprachlich meist als „Heultage“ oder „Babyblues“ bezeichnet wird, ist nicht behandlungsbedürftig.
Die postpartale Depression, die Puerperalpsychose (lat.: puerperium = Kindbett, Niederkunft, Geburt) und weitere, nicht ganz so häufig auftretende psychische Erkrankungen hingegen sollten therapiert werden; nicht nur wegen ihrer Auswirkungen auf die Mutter, sondern auch wegen ihrer Folgen für das Kind.
Das Unwissen über postpartale psychische Erkrankungen hat zur Folge, dass betroffene Frauen und auch ihre Partner, ihre Familie und ihre Freunde nicht wissen, unter welcher Erkrankung sie leiden und an wen sie sich wenden können, um fachkundige Hilfe zu erhalten.
Aus meiner Erfahrung heraus haben sich viele Pädagogen bisher mit diesem Thema nicht oder kaum beschäftigt; dabei fällt die Beratung und Therapie postpartal psychisch erkrankter Frauen und ihrer Kinder durchaus in deren Arbeitsfeld.
Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt darin, nicht nur die Folgen, die sich für die erkrankte Frau ergeben, sondern auch die Folgen für ihr Kind und die Mutter-Kind-Beziehung darzustellen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie alle Beteiligten trotz der Belastung durch die Erkrankung eine positive Beziehung zueinander und zu sich selbst aufbauen können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biologische, soziale und psychische Veränderungen durch den Übergang zur Mutterschaft
2.1. Biologische Veränderungen
2.1.1. Schwangerschaft
2.1.2. Geburt
2.1.3. Wochenbett
2.2. soziale und psychische Veränderungen
2.2.1. Partnerschaft
2.2.2. Freundschaften und Bekanntschaften
2.2.3. Mutter-Kind-Beziehung
2.2.4. Beziehung zu den eigenen Eltern
2.2.5. Identität als Mutter
2.2.6. Verlusterfahrungen
2.3. Prozessmodell nach Gloger-Tippelt
3. Postpartale Dysphorie
3.1. Symptomatik, Verlauf und Häufigkeit
3.2. Ursachenforschung
3.3. Therapie
3.4. Ein Fall von postpartaler Dysphorie
4. Postpartale psychische Erkrankungen
4.1. Postpartale Depression
4.1.1. Definition und Symptomatik
4.1.2. Häufigkeit
4.1.3. Verlauf
4.1.4. Ursachenforschung
4.1.5. Ein Fall von postpartaler Depression
4.2. Puerperalpsychose
4.2.1. Definition und Symptomatik
4.2.2. Häufigkeit
4.2.3. Verlauf
4.2.4. Ursachenforschung
4.2.5. Ein Fall von Puerperalpsychose
4.3. Andere postpartale psychische Erkrankungen
4.3.1. Postpartale Angststörung
4.3.2. Postpartale Panikstörung
4.3.3. Postpartale Zwangsstörung
4.3.4. Postpartale posttraumatische Belastungsstörung
4.3.5. Mutter-Kind-Beziehungsstörungen
4.4. Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung
4.4.1. Mutter-Kind-Interaktion während der postpartalen Erkrankung
4.4.2. Langzeitfolgen
5. Therapeutische Möglichkeiten in der Betreuung postpartal psychisch erkrankter Frauen unter dem besonderen Aspekt der Mutter-Kind-Beziehung
5.1. Somatotherapie
5.1.1. Psychopharmakotherapie
5.1.1.1. Übersicht über die wichtigsten Gruppen
5.1.1.2. Psychopharmakotherapie während der Stillzeit
5.1.1.3. Einfluss der Psychopharmakotherapie auf die Mutter-Kind-Beziehung
5.1.2. Hormontherapie
5.2. Psychotherapie
5.2.1. Analytische Psychotherapie
5.2.2. Tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie
5.2.3. Klientenzentrierte Gesprächstherapie
5.2.4. Verhaltenstherapie
5.2.5. Gruppentherapie
5.2.6. Einfluss der Psychotherapie auf die Mutter-Kind-Beziehung
5.3. Mutter-Kind-Therapie
5.3.1. Therapiekonzept und Verlauf
5.3.2. Einfluss der Mutter-Kind-Therapie auf die Mutter-Kind-Beziehung
5.4. Multimodulare Therapie
5.4.1. Ambulante Therapie
5.4.2. Teilstationäre Therapie
5.4.3. Stationäre Therapie ohne Mitaufnahme des Kindes
5.4.4. Mutter-Kind-Einheiten
5.4.4.1. Ausstattung
5.4.4.2. Pädagogische und psychotherapeutische Einwirkungen
5.4.4.3. Sicherheit
5.4.4.4. Vorteile der Mutter-Kind-Einheiten
5.4.4.5. Beispiel für den Therapieverlauf in einer Mutter-Kind-Einheit
6. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, das Thema postpartaler psychischer Erkrankungen aus der Tabuzone zu holen und die mangelnde therapeutische Versorgungssituation zu beleuchten. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, welche Folgen diese Erkrankungen für die Mutter, das Kind und die Mutter-Kind-Beziehung haben und welche therapeutischen Möglichkeiten bestehen, um trotz Belastung eine positive Bindung zu fördern.
- Biologische, soziale und psychische Veränderungen im Übergang zur Mutterschaft
- Differenzierung zwischen postpartaler Dysphorie und ernsthaften Erkrankungen wie Depression und Puerperalpsychose
- Analyse der Ursachen und Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Interaktion
- Vorstellung verschiedener therapeutischer Ansätze (Somatotherapie, Psychotherapie, Mutter-Kind-Therapie)
- Evaluierung multimodularer Therapiekonzepte und der Bedeutung von Mutter-Kind-Einheiten
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Partnerschaft
Die Qualität der Ehe oder Partnerschaft ändert sich durch die Geburt des Kindes. „Wenn ein Paar ein Kind bekommt, nimmt die Beziehung einen völlig anderen Verlauf als in der Zeit davor“ (Dix, C. 1998, S. 133).
„Sowohl die junge Mutter als auch der Vater stehen vor der Aufgabe, eine Dreierbeziehung aufzunehmen. Die Frau muss den Mann in ihre ursprüngliche Beziehung mit dem Kind hinein nehmen, der Mann muss das Kind in seine Zweierbeziehung mit der Frau hinein nehmen“ (Hertz, D. G., Molinski, H. 1986, S. 123).
Beim ersten Kind sind diese Veränderungen am größten, aber auch bei weiteren Kindern kommen auf die Beziehung Herausforderungen zu (vgl. Nispel, P. 2001, S. 95; Gmür, P. 1998, S. 67; Gloger-Tippelt, G. 1999, S. 347).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema, Darstellung des Leidensdrucks betroffener Frauen sowie Zielsetzung der Arbeit zur Enttabuisierung.
2. Biologische, soziale und psychische Veränderungen durch den Übergang zur Mutterschaft: Analyse der komplexen Veränderungsprozesse, die Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett durchlaufen.
3. Postpartale Dysphorie: Beschreibung des sogenannten Babyblues, seiner Symptome, Ursachen und der Abgrenzung zu behandlungsbedürftigen Erkrankungen.
4. Postpartale psychische Erkrankungen: Detaillierte Untersuchung von Depression, Puerperalpsychose und anderen Störungsbildern, inklusive ihrer Ursachen und Auswirkungen auf das Kind.
5. Therapeutische Möglichkeiten in der Betreuung postpartal psychisch erkrankter Frauen unter dem besonderen Aspekt der Mutter-Kind-Beziehung: Überblick über somatische, psychotherapeutische und multimodulare Ansätze, insbesondere Mutter-Kind-Einheiten.
6. Zusammenfassung und Ausblick: Resümee der Forschungsergebnisse und Appell für eine bessere Versorgungssituation in Deutschland.
Schlüsselwörter
Postpartale Depression, Puerperalpsychose, Mutter-Kind-Beziehung, Wochenbett, Bindung, Therapie, Psychopharmakotherapie, Bindungsforschung, Mutterschaft, Identität, Babyblues, postpartale Dysphorie, multimodulare Therapie, Prävention, psychische Erkrankung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht psychische Erkrankungen, die nach der Geburt eines Kindes auftreten können, und beleuchtet deren Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung sowie therapeutische Behandlungsoptionen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf den biologischen und psychosozialen Veränderungen durch den Übergang zur Mutterschaft, der Differenzierung psychischer Störungsbilder sowie der Darstellung effektiver Therapieansätze.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, das Thema aus der Tabuzone zu holen, über Therapiemöglichkeiten aufzuklären und die Notwendigkeit einer fachgerechten Betreuung für Mutter und Kind hervorzuheben.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse zahlreicher wissenschaftlicher Studien sowie der Darstellung praxisnaher Fallbeispiele zur Veranschaulichung der verschiedenen Krankheitsbilder.
Welche Inhalte umfasst der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Veränderungen im Übergang zur Mutterschaft, eine klinische Betrachtung von Dysphorie, Depression und Psychose sowie einen umfangreichen Teil zu therapeutischen Interventionsmöglichkeiten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie postpartale Depression, Mutter-Kind-Beziehung, therapeutische Möglichkeiten und Bindungsforschung charakterisieren.
Warum ist laut der Arbeit eine Mutter-Kind-Einheit so entscheidend?
Eine gemeinsame Aufnahme ermöglicht die Behandlung der Mutter ohne Trennung vom Kind, was die Bindung schützt, Fehlentwicklungen vorbeugt und die Heilung der Mutter unterstützt.
Welche Rolle spielt die Bindungsforschung in den Therapiekonzepten?
Die Bindungsforschung liefert die theoretische Basis, um zu verstehen, warum eine Störung der mütterlichen Psyche die kindliche Entwicklung beeinflusst und warum Bindungsförderung ein zentrales therapeutisches Element sein muss.
- Quote paper
- Ute Dohmen (Author), 2004, Postpartale psychische Erkrankungen und ihre therapeutischen Möglichkeiten unter dem besonderen Aspekt der Mutter-Kind-Beziehung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/41553