In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwieweit Lessing die von ihm niedergeschriebene Mitleidspoetik in seinem Drama Miss Sara Sampson umgesetzt hat. Dabei werden neben der Protagonistin auch deren Vater, Liebhaber und Gegenspielerin betrachtet. Wegen des eingeschränkten Umfangs der Arbeit kurz gehalten, aber dennoch nicht unerwähnt bleiben, sollen zum Ende auch Kritik am Werk und die konträr entstandene Pfeil’sche Poetik des Abschreckens mit deren Umsetzung im Stück Lucie Woodvil.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Lessings Poetik des Mitleids
2. Realisierung der Wirkungskonzeption in Miss Sara Sampson
2.1 Sara Sampson
2.2 Mellefont
2.3 Sir William Sampson
2.4 Marwood
2.5 Der fünfte Aufzug
3. Kritik an Sara Sampson
3.1 Zeitgenössische Kritik
3.2 Kritik aus moderner Sicht
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit Gotthold Ephraim Lessing seine theoretisch formulierte Mitleidspoetik in seinem bürgerlichen Trauerspiel "Miss Sara Sampson" praktisch umgesetzt hat. Dabei wird analysiert, wie die verschiedenen Charaktere des Stücks, insbesondere Sara, Mellefont, Sir William und Marwood, zur emotionalen Erschütterung und moralischen Besserung des Publikums beitragen.
- Grundlagen von Lessings Poetik des Mitleids und die Abkehr von der heroischen Tradition.
- Die Charakterzeichnung und Funktion der zentralen Figuren im Drama.
- Der Zusammenhang zwischen Mitleidsempfinden und moralischer Besserung des Zuschauers.
- Rezeption des Werkes: Zeitgenössische Kritik im Vergleich zur modernen Perspektive.
- Kontrastierung mit der Poetik des Abschreckens am Beispiel von Johann Gottlob Benjamin Pfeils "Lucie Woodvil".
Auszug aus dem Buch
1. Lessings Poetik des Mitleids
Im Jahr 1754 veröffentlicht Lessing zwei von ihm selbst übersetzte Abhandlungen über das weinerliche oder rührende Lustspiel. In der kurzen Einleitung schreibt er von den Neuerungen in der dramatischen Dichtkunst, von denen [w]eder das Lustspiel, noch das Trauerspiel, […] verschont geblieben sind:
Das erstere hat man um einige Staffeln erhöhet und das andre um einige herabgesetzt. [… M]an kam also auf den Einfall, die Welt […] an stillen Tugenden ein edles Vergnügen finden zu lassen. Hier hielt man es für unbillig, daß nur Regenten und hohe Standespersonen in uns Schrecken und Mitleid erwecken sollten; man suchte sich […] aus dem Mittelstande Helden, und schnallte ihnen den tragischen Stiefel an, in dem man sie sonst, nur ihn lächerlich zu machen gesehen hatte.
Diese kurze Erklärung bezieht sich auf die Entwicklung der neuen Dramenform des englisch gepräten bürgerlichen Trauerspiels, die neben dem in Frankreich verwurzelten rührenden Lustspiel entsteht.
Von der französischen comédie larmoyante übernimmt das bürgerliche Trauerspiel den Anspruch, durch publikumsnahe Handlung die Bereitwilligkeit zur emotionalen Teilnahme am Schicksal der Mitmenschen zu erhöhen und die Empathie der Zuschauer zu verfeinern. Diese wirkungsästhetischen Ambitionen finden ihren Ursprung im steigenden Bedürfnis des Bürgertums, nicht mehr das hohe Personal der heroischen Tragödie als Vorbilder seiner moralischen Selbstbestimmungsansprüche zu sehen, sondern diese in dramatischen Handlungen, nahe der eigenen gesellschaftlichen Stellung oder zumindest der Wertewelt zu erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Stücks und führt in Lessings theoretisches Konzept ein, nach dem Mitleid als Methode des bürgerlichen Trauerspiels dient, um das Publikum ethisch zu bessern.
1. Lessings Poetik des Mitleids: Dieses Kapitel erläutert Lessings Abkehr von der heroischen Tradition der Bewunderung hin zu einer "Ästhetik des Herzens", in der Mitleid als zentraler Affekt zur moralischen Erziehung des Zuschauers fungiert.
2. Realisierung der Wirkungskonzeption in Miss Sara Sampson: Hier wird untersucht, wie die Figuren des Dramas – Sara, Mellefont, Sir William und Marwood – individuell zur Umsetzung von Lessings Mitleidspoetik beitragen, bevor der finale fünfte Aufzug das Mitleid als Kardinalabsicht zusammenfasst.
3. Kritik an Sara Sampson: Dieses Kapitel analysiert sowohl die zeitgenössischen Vorwürfe der "Langweiligkeit" und den Gegenentwurf durch Pfeils "Lucie Woodvil" als auch moderne, differenzierte Sichtweisen auf die Charakterkonstellationen.
Fazit: Das Fazit stellt fest, dass Lessings Werk durch die gezielte Erzeugung von Rührung erfolgreich war und die "Poetik des Mitleids" nachhaltig als Leitkonzept des bürgerlichen Trauerspiels etablierte.
Schlüsselwörter
Gotthold Ephraim Lessing, Miss Sara Sampson, bürgerliches Trauerspiel, Mitleidspoetik, Aufklärung, Empathie, Wirkungsästhetik, Rührung, moralische Besserung, comédie larmoyante, Rezeption, Poetik des Abschreckens, Johann Gottlob Benjamin Pfeil, Lucie Woodvil, Empfindsamkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Lessings theoretische Mitleidspoetik und deren praktische Umsetzung in seinem Drama "Miss Sara Sampson".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des bürgerlichen Trauerspiels, Lessings Konzepte zur moralischen Besserung durch Mitleid sowie die kritische Rezeption des Stücks.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Lessing durch eine gezielte Charakterzeichnung und Handlungsführung die Mitleidsfähigkeit des Publikums erweitern wollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Textes unter Einbeziehung zeitgenössischer sowie moderner Rezeptionsgeschichte und poetologischer Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Lessings theoretische Grundlagen dargelegt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Figurenkonstellation und der kritischen Auseinandersetzung mit dem Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie "Mitleidspoetik", "Bürgerliches Trauerspiel", "Aufklärung", "Empfindsamkeit" und "Wirkungsästhetik" charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die Marwood in moderner Sicht von der zeitgenössischen Wahrnehmung?
Während sie zeitgenössisch als reine Intrigantin wahrgenommen wurde, erlaubt eine moderne Lesart, sie auch als tragische, vom Schicksal der Verlassenen gezeichnete Figur zu verstehen.
Welchen Stellenwert nimmt Pfeils "Lucie Woodvil" in dieser Arbeit ein?
Pfeils Stück dient als Kontrastfolie, um durch den direkten Vergleich seiner "Poetik des Abschreckens" Lessings Ansatz des Mitleids deutlicher hervorzuheben.
- Arbeit zitieren
- Nina Doulas (Autor:in), 2017, Lessings Poetik des Mitleids in "Miss Sara Sampson", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/414951