[...] Am zwanzigsten Juli setzten diese Männer ihr Leben aufs Spiel, um ein Zeichen in der Welt zu setzen und ihr das andere Deutschland zu zeigen. Dieses Attentat war das letzte von 42, die seit 1921 auf Hitler verübt oder versucht wurden. Es war das Folgenreichste, denn die Vergeltungen reichten über die eigentlichen Attentäter hinaus und trafen mit der „Aktion Gewitter“ auch Menschen, die die Nazis als potentielle Gegenelite fürchteten. An dieser Tat war aber nicht nur eine „kleine Gruppe ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere“ beteiligt, von der Hitler anfangs ausging. Während der Ermittlungen der Gestapo offenbarten sich die weiten Kreise der Zusammenarbeit, die sich unter den verschiedenen Widerstandskreisen etabliert hatte, so dass eine eigene „Sonderkommission 20. Juli“ einberufen wurde. Liest man über Widerstandsbewegungen oder hört man von ihnen in der Schule, so erscheint der Widerstand als eine männerdominierte Sphäre. Namentlich bekannt ist in den meisten Fällen einzig Sophie Scholl als weibliches Mitglied der Weißen Rose. Dazu tritt die Wertschätzung für den Einsatz von Frauen im Rahmen des kommunistischen Widerstandes. Im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli ist aber ausschließlich die Rede von den Männern des 20. Juli, die auch in der Literatur immer wieder begegnet. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die Organisatoren und Ausführenden der Tat zwar ausschließlich Männer waren, als solche waren sie aber verheiratet und hatten Ehefrauen und meistens auch Kinder. Der familiäre Hintergrund und das weibliche Umfeld dieser Männer wurden bisher vernachlässigt, denn es waren ja die Männer, die ihr Leben geopfert hatten. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass diese Männer ihre Frauen in die Politik, in den Strudel des Widerstandes und in seine Tragödie mit hineinzogen. Ziel dieser Arbeit soll es deshalb sein, einen Blick auf die Frauen zu werfen, die im Zusammenhang zum 20. Juli standen: Sekretärinnen, Ehefrauen, Helferinnen.6 Dabei stehen die Fragen im Vordergrund, aus welchen Gründen sie gegen das Regime waren, was sie taten, wie viel sie von den Aktivitäten ihrer Männer wussten, was ihnen in Folge des 20. Juli geschah und wie sie als Verräterfrauen nach dem Tod ihrer Männer weiterlebten, um abschließend beantworten zu können, ob sie bisher zu Recht nicht beachtet wurden oder doch als Widerständler eigenen Rechts gelten können.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. VORÜBERLEGUNGEN UND EINSCHRÄNKUNGEN
3. WIDERSTAND
4. SEKRETÄRINNEN
5. EHEFRAUEN
5.1. HERKUNFT
5.2. SOZIOLOGISCHE DATEN
5.3. ENTWICKLUNG ZUR WIDERSTANDSBEREITSCHAFT
5.4. WISSEN UM DEN WIDERSTAND DES MANNES UND EIGENE AKTIVITÄTEN
5.5. ALLTAG
5.6. ERLEBEN DES ATTENTATS
5.7. FOLGEN
5.7.1. Abschied vom Ehemann
5.7.2. Eigene Inhaftierung
5.8. SPÄTERER UMGANG MIT DEM ERLEBTEN
5.9. ZWEITES LEBEN NACH DEM KRIEG
6. RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die bisher wenig beachtete Rolle der Frauen – Sekretärinnen, Ehefrauen und Helferinnen – im Kontext des Widerstands gegen den Nationalsozialismus rund um den 20. Juli 1944. Ziel ist es, ihre individuellen Schicksale, ihr Wissen über die Aktivitäten ihrer Männer sowie ihre eigene Beteiligung zu analysieren, um zu bewerten, ob sie als Widerständlerinnen eigenen Rechts gelten können.
- Rollenanalyse von Frauen im Umfeld des 20. Juli
- Bedeutung des sozialen Umfelds für den Widerstand
- Bewältigung von Sippenhaft und Verfolgung
- Die Rolle der "stille" Unterstützung durch Ehefrauen
- Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse nach dem Krieg
Auszug aus dem Buch
5.6. Erleben des Attentats
Im Kreise der Eingeweihten wurde nicht von einem Attentat, sondern vom „Tag X“ gesprochen. „Tag X“ als Tag, an dem sich alles ändern sollte, mit dem in Deutschland wieder die Demokratie einziehen sollte. Doch nur ein enger Kreis der Männer wusste über die genauen Pläne bescheid. Daher kommt es, dass die Frauen, die noch weniger als ihre Männer in die Sachverhalte eingeweiht waren, das Attentat eher unbewusst erlebten. Wer Bescheid wusste oder etwas ahnte, war sich bewusst, dass dem Gelingen nur eine Chance von 50 % verblieb. Um alles auszuschöpfen, konnten die Männer von diesem Punkt an keine Rücksicht mehr auf ihre Familien nehmen, sondern mussten sich darauf verlassen, dass ihre Frauen hinter ihnen standen und mit allen möglichen Konsequenzen umzugehen verstanden.
Die meisten Frauen hörten im Radio davon. Da erst fügten sich alle Puzzleteile der vergangenen Jahre zusammen. Geheime Telefonate, ungewöhnliche Handlungen, merkwürdiges Verhalten bekamen einen Sinn. Ohnmacht und Lähmung machten sich breit, doch es blieb keine Zeit zum Nachdenken. Denn hier beginnt die eigentliche Aufgabe dieser Frauen. In ihren Handlungen nach dem Attentat offenbart sich ihre ganze Stärke und sie wurden zu konspirativen Mittätern. Nachdem sie die Nachricht gehört hatten, versuchten sie sofort mit ihren Männern Kontakt aufzunehmen und griffen zum Telefon oder fuhren direkt nach Berlin, wo sie diese vermuteten. Wobei nicht alle das Glück hatten, den Geliebten noch einmal sehen oder sprechen zu können.
Sie verstellten sich vor ihren Kindern, sie spielten Naivität, sie logen, was ihrem anerzogenen Wahrheitsgefühl entgegenstand, um ihre Männer eventuell zu entlasten und um sich ihren Kindern zu erhalten. In bewundernswerter Weise gelang es ihnen, ihre Gefühle abzuspalten, selbst Angst nicht zuzulassen. Für Verzweiflung blieb zunächst kaum Raum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung des Schicksalstages 20. Juli und Einführung in die Fragestellung, warum die Rolle der Frauen bisher vernachlässigt wurde.
2. VORÜBERLEGUNGEN UND EINSCHRÄNKUNGEN: Erläuterung der Quellenlage und der methodischen Herangehensweise unter Verwendung von Zeitzeugenberichten und Biographien.
3. WIDERSTAND: Definition und Kategorisierung des Widerstandsbegriffs im Kontext des NS-Regimes sowie Einordnung der verschiedenen Widerstandsformen.
4. SEKRETÄRINNEN: Analyse der Arbeit von Sekretärinnen als unverzichtbare, wissende und loyale Stützen der Widerständler.
5. EHEFRAUEN: Detaillierte Untersuchung der Herkunft, der soziologischen Daten, der Entwicklung zur Widerstandsbereitschaft und der Folgen des Attentats für die Frauen der Verschwörer.
6. RESÜMEE: Zusammenfassende Bewertung der Frauen als unverzichtbare Unterstützerinnen, deren Widerstand eher heimlich und privat geprägt war.
Schlüsselwörter
Widerstand, 20. Juli 1944, Ehefrauen, Sekretärinnen, Sippenhaft, Nationalsozialismus, Kreisauer Kreis, Zeitzeugen, Oral History, Widerstandsbereitschaft, Mitwisserschaft, Alltagsgeschichte, Frauenrolle, Verfolgung, NS-Regime
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Rolle von Frauen, die in enger Verbindung mit den Männern des Widerstands vom 20. Juli 1944 standen, um deren bisher wenig beachteten Beitrag aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Rolle der Ehefrauen und Sekretärinnen, die Auswirkungen von Sippenhaft, die tägliche Belastung im Widerstand sowie die psychologische Verarbeitung nach dem Krieg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob diese Frauen angesichts ihrer Unterstützung und der persönlichen Risiken als Widerständlerinnen eigenen Rechts betrachtet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse von Biographien, Zeitzeugeninterviews und Briefen unter Einbeziehung der Methode der Oral History.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert den Alltag, die Kenntnis über die Umsturzpläne, das Erleben des Attentats und die unmittelbaren Folgen wie Verhaftung und Sorge um die Familie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Widerstand, 20. Juli 1944, Ehefrauen, Sippenhaft und Frauenrolle sind die Kernbegriffe der Arbeit.
Warum spielt das soziale Umfeld für die Frauen eine so große Rolle?
Das soziale Umfeld entschied maßgeblich darüber, wie stark die Frauen in die Aktivitäten der Männer eingebunden waren und welche Möglichkeiten zur heimlichen Unterstützung sie hatten.
Wie gingen die Frauen mit der Inhaftierung durch das NS-Regime um?
Die Frauen mussten eine Balance zwischen dem Schutz ihrer Männer, der Sorge um ihre Kinder und dem Überleben im Gefängnis finden, wobei sie oft Naivität vortäuschten, um niemanden zu belasten.
- Quote paper
- Katja Böttche (Author), 2004, Die Frauen der Männer des 20. Juli - Widerständler eigenen Rechts?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/40832