Im Jahre 1584 schrieb Hermann Weinsberg, ein Chronist des Kölner Alltagslebens :
[...] die wort, so man spricht, lauten nit wie vormals. Itz ist Coln ein andere pronunciation und maneir zu reden, dann vor sesszig jaren, die litteren werden versetzt [...] oberlendische und nederlendische wort instat der alten colnischer sprachen [...] gebraucht (Das Buch Weinsberg 1897: 232f.).
Diese Aussage Weinsbergs über „die groisse verenderong in der schrift“ (Weinsberg 1897: 232) lässt sich eindeutig als Reaktion auf den Prozess der allmählichen Durchsetzung des Neuhochdeutschen, wie er in Köln und in ähnlicher Weise wahrscheinlich auch in vielen anderen deutschen Städten stattgefunden hat, verstehen. Der Entstehungsprozess der Standardvarietät, der zu Lebzeiten Weinsbergs noch lange nicht abgeschlossen war, und die Gründe, die diese Entwicklung auslösten beziehungsweise begünstigten, bilden das Thema der vorliegenden Hausarbeit. Anhand ausgewählter Texte von Werner Besch, Peter Wiesinger und Klaus Mattheier werden drei prominente, sich mit der Problematik beschäftigende Forschungspositionen erläutert. Die Aufsätze der drei Autoren setzen sowohl in zeitlicher und als auch in thematischer Hinsicht unterschiedliche Schwerpunkte. Obwohl die Thematik, wie Weinsbergs Feststellung zeigt, bereits im 16. Jahrhundert aktuell war, liegt der Fokus der Arbeit vor allem auf dem 18. und 19. Jahrhundert, da sowohl Wiesinger als auch Mattheier primär diese Zeitspanne berücksichtigen. Inhaltlich betrachten die Autoren die Problematik der Herausbildung der Standardsprache aus unterschiedlichen Blinkwinkeln; teils werden sprachgeographische, teils sprachsoziologische Aspekte in den Vordergrund gestellt. Dies hat zur Folge, dass durch die Analyse der drei Forschungsansätze einerseits eine recht umfassende Darstellung der Thematik erreicht wird, andererseits jedoch ein unmittelbarer Vergleich der Positionen schwierig und in Teilen sogar unmöglich ist. Dennoch soll am Ende der Arbeit versucht werden, die Ansätze in Bezug zueinander zu setzen und etwaige Überschneidungen herauszuarbeiten, um zu einer kritischen und möglichst umfassenden Darstellung der Herausbildung der neuhochdeutschen Standardsprache mit besonderer Betonung des 18. und 19. Jahrhunderts zu gelangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Entstehung der neuhochdeutschen Standardsprache unter Berücksichtigung dreier prominenter Forschungspositionen
1.1 Besch: Die Entstehung überregionaler Sprachformen im Deutschen
1.1.1 Vom Dialekt zum Schreibdialekt
1.1.2 Vom Schreibdialekt zur Schriftsprache
1.1.3 Von der Schriftsprache zur Standardsprache
1.2 Wiesinger: Die sprachsoziologische Situation des 17./18. und 19./20. Jahrhunderts im hochdeutschen und niederdeutschen Raum
1.2.1 17. und 18. Jahrhundert
1.2.2 19. und 20. Jahrhundert
1.3 Mattheier: Die Durchsetzung der Hochsprache im 19. Jahrhundert
1.3.1 Areallinguistische Aspekte des Durchsetzungsprozesses
1.3.2 Diastratische Aspekte des Durchsetzungsprozesses
2. Vergleich der Positionen und Problematisierung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Entstehungsprozess der neuhochdeutschen Standardsprache. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, durch welche Faktoren und Entwicklungsstufen diese Standardvarietät begünstigt wurde, wobei insbesondere die Forschungspositionen von Werner Besch, Peter Wiesinger und Klaus Mattheier analysiert und vergleichend gegenübergestellt werden.
- Historische Entwicklungsstufen: Von Dialekten über Schreibdialekte bis zur Standardsprache.
- Sprachsoziologische Perspektiven: Die Bedeutung sozialer Schichten für die Sprachdurchsetzung.
- Regionaler Vergleich: Unterschiede zwischen hochdeutschem und niederdeutschem Sprachraum.
- Die Rolle des Bildungsbürgertums: Standardsprache als Identitäts- und Prestigemerkmal im 19. Jahrhundert.
- Sprachpolitik und gesellschaftliche Faktoren: Der Einfluss von Schule, Literatur und Nationalismus.
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Vom Dialekt zum Schreibdialekt
Die Sprachform des Dialekts zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie während aller Entwicklungsstufen bis hin zur Standardsprache präsent war, jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit veränderter Funktion, Verbreitung und Form. Ihre Hauptkennzeichen sieht Besch in Mündlichkeit und territorialer Begrenztheit. Dialekte waren in der Frühzeit als ursprünglich germanische Stammessprachen die primäre Sprachform. Die Unterschiede zwischen ihnen waren teils so massiv, dass die Kommunikation zwischen Stämmen ohne Kontaktbereiche oftmals unmöglich war (vgl. Besch 1983: 963). Mit den Anfängen deutscher Schriftlichkeit im 8. Jahrhundert ergaben sich aufgrund dieser gravierenden Unterschiede zwischen den Sprachformen der einzelnen Regionen erhebliche Schwierigkeiten. Die Schreiber, in der Regel Geistliche, die christliche Texte aus dem Lateinischen in die Volkssprache übersetzen wollten, mussten sich auf einen Schreibort festlegen und ihre Adaptionen auf regional gesprochene Sprache stützen. Die schriftliche Fixierung der Dialekte, bei der das lateinische Alphabet verwendet wurde, erreichte jedoch, wie dies bei Verschriftlichung von mündlicher Sprache in der Regel der Fall ist, keine genaue Übereinstimmung zwischen Laut und Zeichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Entstehung der neuhochdeutschen Standardsprache unter Berücksichtigung dreier prominenter Forschungspositionen: Dieses Kapitel stellt die theoretischen Ansätze von Werner Besch, Peter Wiesinger und Klaus Mattheier vor, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Sprachgeschichte beleuchten.
1.1 Besch: Die Entstehung überregionaler Sprachformen im Deutschen: Besch analysiert die graduelle Entwicklung der deutschen Sprache über die Stufen Dialekt, Schreibdialekt und Schriftsprache bis hin zur Standardsprache.
1.2 Wiesinger: Die sprachsoziologische Situation des 17./18. und 19./20. Jahrhunderts im hochdeutschen und niederdeutschen Raum: Wiesinger fokussiert auf die sprachsoziologischen Verhältnisse und die soziale Aufteilung der Varietäten unter Berücksichtigung des Gegensatzes zwischen Hoch- und Niederdeutsch.
1.3 Mattheier: Die Durchsetzung der Hochsprache im 19. Jahrhundert: Mattheier untersucht das 19. Jahrhundert als entscheidende Phase der Durchsetzung, insbesondere durch das Bildungsbürgertum und unter areallinguistischen sowie diastratischen Aspekten.
2. Vergleich der Positionen und Problematisierung: Hier werden die verschiedenen Ansätze zusammengeführt, ihre unterschiedlichen Schwerpunkte diskutiert und die Vielschichtigkeit des Entstehungsprozesses reflektiert.
Schlüsselwörter
Neuhochdeutsch, Standardsprache, Sprachgeschichte, Dialekt, Schreibdialekt, Schriftsprache, Sprachsoziologie, Bildungsbürgertum, Durchsetzungsprozess, Sprachlandschaften, Normierung, Diglossie, Prestigevarietät, Sprachwandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert den komplexen historischen Entstehungsprozess der neuhochdeutschen Standardsprache und beleuchtet die verschiedenen Forschungsperspektiven auf diese Entwicklung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die sprachgeographische Entwicklung, sprachsoziologische Schichtungen, die Rolle des Bildungsbürgertums sowie der Übergang von Dialekten zu einer überregionalen Schriftsprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ansätze von Werner Besch, Peter Wiesinger und Klaus Mattheier in Bezug zueinander zu setzen, ihre verschiedenen Blickwinkel auf die Sprachgenese herauszuarbeiten und so ein umfassenderes Bild der Thematik zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der Literaturanalyse, indem sie die fachwissenschaftlichen Aufsätze der genannten Autoren systematisch auswertet und vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der drei Forschungspositionen inklusive ihrer Unteraspekte (z.B. areallinguistische und diastratische Aspekte) und deren anschließende kritische Gegenüberstellung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Standardsprache, Sprachsoziologie, Bildungsbürgertum, Normierung und Dialektwandel geprägt.
Welche Rolle spielt das Bildungsbürgertum laut Mattheier?
Laut Mattheier ist das Bildungsbürgertum der entscheidende Akteur, der die Standardsprache im 19. Jahrhundert als Identitätsmerkmal und Prestigevarietät verbreitete und damit ihre allgemeine Durchsetzung förderte.
Wie unterscheidet Wiesinger den hochdeutschen vom niederdeutschen Raum?
Wiesinger zeigt auf, dass es im niederdeutschen Raum durch den Einfluss des Hochdeutschen zur Degradierung des Niederdeutschen zur Mundart kam, was in eine Diglossiesituation mündete, die sich in hochdeutschen Gebieten soziologisch anders gestaltete.
- Arbeit zitieren
- Rebecca Blum (Autor:in), 2004, Die Entstehung der deutschen Standardsprache, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/39768