Sprachkritik reicht von den Meinungen zur neuen deutschen Rechtschreibung über die Verurteilung von Anglizismen bis hin zu der Frage, ob ein Binnen-I die weibliche Emanzipation voran treibt. Platon hat die ersten Grundsteine für die Sprachkritik gelegt und Adelung, Campe und Gottsched haben darauf aufgebaut. Bekannte Sprachkritiker des 20. und 21. Jahrhunderts wie Klemperer und Schiewe aber auch der Verein Deutsche Sprache haben versucht, diese Tradition fortzuführen.
Es herrscht eine hitzige Diskussion darüber, wer Kritik an der Sprache üben darf und ob diese Disziplin überhaupt einen Platz in den (Sprach-)Wissenschaften hat. Laienhafte Sprachanalysen lösen auf der einen Seite unbegründete Paniken in der Bevölkerung aus wie etwa "die Anglizismen werden die deutsche Sprache vernichten", sie dienen aber auch der Wachsamkeit, um zum Beispiel nationalsozialistische Anzeichen in der Sprache schon frühzeitig zu erkennen. Dennoch können Linguisten durch wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu einer Aufklärung und Ent-Polemisierung beitragen.
Am Beispiel des Fachjargons wird klar, welche Themen durch die Sprachkritik aufgegriffen werden können und wie eine linguistische oder auch interdisziplinäre Analyse konkreter Sprachprobleme vonstatten geht. Am Ende stehen die Frage "Kann man das nicht auch einfacher sagen?" und die Überlegungen zum Zweck und Ziel des Fachjargons.
Die Arbeit bietet einen umfassenden Überblick über wichtige Werke und Stimmen der Sprachkritik und baut auf Originalzitate. Das Literaturverzeichnis umfasst 18 namhafte Bücher, wobei der Schwerpunkt auf "Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart." von Jürgen Schiewe liegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sprachkritik
2.1 Von den Anfängen bis zur Gegenwart
2.2 Die Sprachkritiker und ihr Gegenstand
2.3 Ziele und Nutzen
3. Das Für und Wider des Fachjargons
3.1 Begrifflichkeiten
3.2 Fachsprache unter Wissenschaftlern
3.3 Fachsprache im Alltag
4. Schlussbetrachtungen
5. Literatur
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Sprachkritik und Sprachwissenschaft, mit besonderem Fokus auf die Rolle und den Einfluss von Fachsprache und Fachjargon auf die allgemeine Kommunikation sowie die Notwendigkeit einer wissenschaftlich fundierten Sprachkritik.
- Historische Entwicklung und Definition von Sprachkritik
- Die Rolle der Sprachkritik als wissenschaftliche Disziplin
- Abgrenzung von Fachsprache, Fachjargon und Wissenschaftssprache
- Analyse der Auswirkungen von Fachsprache auf die Alltagssprache
- Methodische Ansätze zur Untersuchung von Sprachverständlichkeit
Auszug aus dem Buch
3.1 Begrifflichkeiten
In der Diskussion um den Fachjargon wird mit einigen Begriffen jongliert, die es zunächst voneinander zu unterscheiden gilt. Im Mittelpunkt der Definitionen steht zumeist die Fachsprache, die nach Drozd/Seibicke dort in Kraft tritt, wo die Gemeinsprache nicht mehr ausreicht und eine höhere Abstraktionsebene erreicht werden soll. Sie ist eingebettet in die Gemeinsprache und kann ohne sie nicht existieren, wohingegen die Gemeinsprache auch ohne Fachsprache auskommt (vgl. Drozd/Seibicke 1973: 81f.). Charakteristika der Fachsprache sind beispielsweise ein fachbezogener, spezifischer Wortschatz, der Nominalstil und häufige Passivkonstruktionen (vgl. Gnutzmann 1980: 50f.).
Der Begriff der Wissenschaftssprache wird häufig als Synonym für Fachsprache verwendet, tatsächlich aber handelt es sich hierbei um eine künstliche, nicht natürliche Sprache, die vollständig formalisiert ist (vgl. Drozd/Seibicke 1973: 85). Ich denke dabei an Programmiersprachen oder mathematische Formeln und möchte daher die Wissenschaftssprache aus dieser Abhandlung ausklammern.
Interessant hingegen ist die Definition vom Fachjargon, der zu den sog. Sondersprachen zählt. Im Gegensatz zur Fachsprache, steht hier nicht die Sache im Mittelpunkt, sondern die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Fast im Sinne einer Wittgensteinschen Privatsprache definieren die Mitglieder eine eigene Sprache, die für Außenstehende unverständlich ist, um sich so von der Umwelt abzugrenzen. Sobald diese Sprache „[…] die Bedingungen Ökonomie, Knappheit und Fachbezogenheit […]“ (Gnutzmann 1980: 52) nicht erfüllt, wird sie als Fachjargon eingestuft. Andernfalls handelt es sich um korrekt eingesetzte Fachsprache, die nur als Nebeneffekt zur Gruppenidentität beiträgt. Fachjargon zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass er neue Wörter einführt, die die deutsche Sprache inhaltlich nur höchstens um Nuancen bereichern. Gnutzmann führt als Beispiel die umgangssprachlichen Synonyme für ‚lernen’ auf: „asten, büffeln, ochsen, pauken, stucken“ (ebd.: 53).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit legitimiert ihre Existenz durch den Mangel an linguistisch fundierter Sprachkritik und gibt einen Überblick über den thematischen Aufbau.
2. Sprachkritik: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Sprachkritik nach und definiert deren wechselhafte Rolle im Verhältnis zur Sprachwissenschaft.
3. Das Für und Wider des Fachjargons: Hier werden die zentralen Begriffe abgegrenzt und die Auswirkungen komplexer Fachsprache auf wissenschaftliche Diskurse sowie den Alltag analysiert.
4. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst den Appell an die Linguistik zusammen, sich intensiver und wissenschaftlich fundiert mit Sprachkritik auseinanderzusetzen.
5. Literatur: Auflistung der verwendeten Quellen und Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Sprachkritik, Sprachwissenschaft, Fachsprache, Fachjargon, Gemeinsprache, Wissenschaftssprache, Sprachgebrauch, Sprachverständlichkeit, Linguistik, Sprachgesellschaften, Fachtermini, Kommunikationsprobleme, Verwissenschaftlichung, Sprachpurismus, Sprachkompetenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Sprachkritik in den Sprachwissenschaften und untersucht, wie diese als kritische Instanz methodisch fundiert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Geschichte der Sprachkritik, die Abgrenzung von Fachsprache und Fachjargon sowie die Verwissenschaftlichung der Alltagssprache.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Notwendigkeit einer interdisziplinären, wissenschaftlichen Herangehensweise an sprachkritische Fragen aufzuzeigen und das Fehlen objektiver Kriterien zu kritisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender sprachwissenschaftlicher Positionen und ergänzt diese durch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Fachsprache.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Definition und Geschichte der Sprachkritik erörtert, bevor das Anwendungsbeispiel der Fachsprache in der Wissenschaft und im Alltag detailliert analysiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Sprachkritik, Fachsprache, Fachjargon, Verständlichkeit und Linguistik.
Warum wird die Wissenschaftssprache in der Arbeit ausgeklammert?
Die Autorin klammert die Wissenschaftssprache aus, da diese vollständig formalisiert ist, wie etwa bei mathematischen Formeln, und somit nicht unter den Aspekt der natürlichen Sprachkritik fällt.
Welche Rolle spielt der Fachjargon laut der Arbeit?
Fachjargon dient primär der sozialen Gruppenidentität und grenzt sich durch seine Unverständlichkeit für Außenstehende von der eigentlich fachbezogenen Kommunikation ab.
Warum kritisiert die Autorin die derzeitige Sprachkritik durch Laien?
Die Autorin merkt an, dass polemische und unbegründete Sprachkritik von Laien oft zu gesellschaftlichen Spannungen führt und daher durch eine wissenschaftlich fundierte Linguistik aufgeklärt werden muss.
- Arbeit zitieren
- M.A. Emily Nestler (Autor:in), 2005, Sprachkritik in den Sprachwissenschaften am Beispiel der Fachsprache, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/39310