Das Besondere an weiblicher Sozialisation ist, dass Frauen doppelt vergesellschaftet werden. "Frauen erfahren ihre Sozialisation sowohl in der Familie, im sozioökonomischen Umfeld als auch in schulischen und beruflichen Ausbildungsgängen; sie werden sowohl auf reproduktive Arbeit im Privaten wie auf Anforderungen der Erwerbssphäre vorbereitet" (Knapp 1990).
In diesem Sozialisationsprozess sind Frauen spezifischen Ambiguitätserfahrungen ausgesetzt, die als Lernerfahrungen eingeordnet werden können. Die doppelte Orientierung an zwei Tätigkeitsfeldern führt dazu, dass dieser Sozialisationsprozess nicht linear erfolgt, sondern – anders als bei der männlichen Sozialisation - von Diskontinuitäten, Brüchen und Unvereinbarkeiten gekennzeichnet ist. Hierbei handelt es sich nicht um nacheinander geschaltete Orientierungswechsel zwischen Beruf und Familie – viel mehr läuft die Arbeit in den Tätigkeitsfeldern Hausarbeit, Reproduktionsarbeit und Erwerbstätigkeit parallel zueinander ab.
Diese Tätigkeitsfelder sind teilweise widersprüchlich und stellen eine Doppelbelastung für Frauen dar. In dieser Ausarbeitung soll der Frage nachgegangen werden, ob das Teilzeitarbeitsmodell eine Entlastung für erwerbstätige Mütter sein kann. Hierzu wird zunächst der historische Ursprung der doppelten Vergesellschaftung von Frauen beschrieben. Anschließend wird das Projekt "Erfahrungen lohnabhängig arbeitender Mütter" als empirisches Referenzsystem für das Theorem der doppelten Vergesellschaftung beschrieben. Im Anschluss daran werden Vor- und Nachteile der Teilzeitarbeit für Frauen erörtert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Ursprung der doppelten Vergesellschaftung von Frauen
3. „Erfahrungen lohnabhängig arbeitender Mütter“: das empirische Referenzsystem für das Theorem der doppelten Vergesellschaftung
4. Teilzeitarbeit als Lösung der doppelten Sozialisation von Frauen?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik der doppelten Vergesellschaftung von Frauen und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob das Teilzeitarbeitsmodell eine geeignete Lösung zur Entlastung von erwerbstätigen Müttern im Spannungsfeld zwischen Erwerbsarbeit und familiärer Sorgearbeit darstellt.
- Historische Entwicklung der Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Strukturen.
- Analyse der doppelten Belastung durch Erwerbstätigkeit und Reproduktionsarbeit.
- Empirische Einblicke in die Erfahrungswelt lohnabhängig arbeitender Mütter.
- Vor- und Nachteile von Teilzeitarbeit als Instrument der Vereinbarkeit.
- Kritische Reflexion der Möglichkeiten einer geschlechtergerechten Arbeitsteilung.
Auszug aus dem Buch
3. „Erfahrungen lohnabhängig arbeitender Mütter“: das empirische Referenzsystem für das Theorem der doppelten Vergesellschaftung
Am Psychologischen Institut der Universität Hannover wurde zu Beginn der 1980er Jahre von Regina Becker-Schmidt ein Projekt durchgeführt, in welchem die Erfahrung von Akkordarbeiterinnen in Fabriken untersucht wurden. In diesem Projekt ging es darum, die Spannungen zwischen Akkordarbeit und Hausarbeit zu untersuchen, welchen die Frauen täglich ausgesetzt waren. Obwohl die Doppelbelastung aus Erwerbstätigkeit und Familienversorgung mit großer Anstrengung verbunden war, hielten die Befragten des Projektes auch nach der Geburt von Kindern an beiden Tätigkeitsfeldern fest (vgl. Becker-Schmidt 2003, 13). Im Projekt schilderten Fabrikarbeiterinnen, welche Funktionen Privatarbeit und Erwerbsarbeit für die Frauen haben und wie sie die zwei sehr unterschiedlichen Arbeitsplätze miteinander vereinbarten. Die Erfahrungsberichte der Fabrikarbeiterinnen wurden zum Referenzsystem für das Konzept der doppelten Vergesellschaftung von Frauen (vgl. Becker-Schmidt 2003, 13).
Neben dem wichtigen Motiv der Arbeiterinnen Geld zu verdienen „wollen [sie] an Öffentlichkeit partizipieren, etwas für den gesellschaftlichen Bedarf herstellen, in kooperativen Zusammenhängen arbeiten, Kompetenzen über Haushaltsführung und Kindererziehung hinaus erwerben, soziale Anerkennung im Wettbewerb mit anderen erfahren und soziale Kontakte auch jenseits von Familien- und Nachbarschaftsbeziehungen knüpfen.“ (Becker-Schmidt 2003, 13) Die anfallende Hausarbeit wird von den Frauen als Belastung erlebt, doch ist ein Leben ohne Haushalt, Partner und Kinder für die Frauen nicht denkbar: „Eines ist zu wenig, beides ist zu viel“ (Becker-Schmidt et al. 1984). Die befragten Fabrikarbeiterinnen des Projektes nehmen eine Doppelbelastung bewusst in Kauf „um die Einseitigkeit eines 'arbeitslosen' Daseins als Familienmutter oder eines familienlosen Lebens als Fabrikarbeiterin wechselseitig auszugleichen, als sich nur mit einer dieser beiden 'Kümmerexistenzen' zufriedenzugeben.“ (Lempert 2002, 101)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Konzept der doppelten Vergesellschaftung von Frauen ein und skizziert die Fragestellung nach der Eignung von Teilzeitarbeit als Lösungsansatz.
2. Historischer Ursprung der doppelten Vergesellschaftung von Frauen: Dieses Kapitel beleuchtet die gesellschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts und die Entstehung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zwischen öffentlicher Erwerbssphäre und privater Hausarbeit.
3. „Erfahrungen lohnabhängig arbeitender Mütter“: das empirische Referenzsystem für das Theorem der doppelten Vergesellschaftung: Hier werden die Ergebnisse eines Forschungsprojekts vorgestellt, das die täglichen Spannungsfelder und Motivationslagen von Frauen zwischen Akkordarbeit und häuslichen Pflichten untersucht.
4. Teilzeitarbeit als Lösung der doppelten Sozialisation von Frauen?: Das Kapitel diskutiert die Vor- und Nachteile von Teilzeitmodellen und analysiert, inwieweit diese die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tatsächlich fördern oder zu ökonomischen Nachteilen führen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Teilzeitarbeit keine einfache Lösung darstellt, sondern eine grundlegende Neuverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern notwendig sein könnte.
Schlüsselwörter
Doppelte Vergesellschaftung, Geschlechterrollen, Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Sozialisation, Teilzeitarbeit, Doppelbelastung, Vereinbarkeit, industrielle Gesellschaft, Geschlechterverhältnis, Reproduktionsarbeit, Akkordarbeit, Geschlechtergerechtigkeit, Arbeitsmarkt, Lebenslauf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der spezifischen Lebenssituation von Frauen, die sich in einem Spannungsfeld zwischen familiären Anforderungen und Erwerbstätigkeit bewegen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die historische Entwicklung der Geschlechterrollen, die empirische Analyse der Doppelbelastung sowie die Bewertung der Teilzeitarbeit als Strategie zur Entlastung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin zu klären, ob das Arbeitsmodell der Teilzeit tatsächlich eine tragfähige Lösung für das Problem der doppelten Sozialisation von Frauen darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung soziologischer Konzepte sowie die Analyse empirischer Referenzstudien, insbesondere der Forschungsergebnisse von Regina Becker-Schmidt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Genese der Trennung von Erwerb und Familie, die Erfahrungswelten von Fabrikarbeiterinnen im Akkord sowie die Vor- und Nachteile von Teilzeitarbeit für Frauen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind die doppelte Vergesellschaftung, Doppelbelastung, Erwerbs- und Sorgearbeit sowie die kritische Hinterfragung geschlechtsspezifischer Arbeitszeitmodelle.
Inwieweit beeinflusst die historische Perspektive die aktuelle Diskussion?
Die Autorin verdeutlicht, dass viele Strukturen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ihren Ursprung im 19. Jahrhundert haben und bis heute die Konfliktsituation von Müttern maßgeblich mitprägen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit in Bezug auf die Rolle von Influencern wie „Ella TheBee“?
Die Einbindung des Beispiels von Ella TheBee dient dazu, die hohe Aktualität und die psychische Belastung des „Spagats“ zwischen dem Wunsch nach beruflicher Teilhabe und den Erwartungen an die Mutterrolle lebensnah zu illustrieren.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2016, Die doppelte Sozialisation der Frau. Ermöglicht das Teilzeitarbeitsmodell eine angemessene Entlastung?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/388126