[...] Im ersten Kapitel der Arbeit werden also zum Thema Altern und Altsein die Wissenschaften der Biologie, der Soziologie und der Psychologie der heutigen Zeit befragt. Aus deren Erkenntnissen, die mit empirischen Methoden erforscht worden sind, können Grenzen und Möglichkeiten im Prozess des Alterns ausfindig gemacht werden. Hinweise des Handelns können ebenso herausgelesen und herausgemessen werden. Unter biologischer Hinsicht darf das Altern selbst nicht als Krankheit betrachtet werden, sondern es wird in diesem Teil des ersten Kapitels zu zeigen sein, dass bereits von der Zelle ausgehend, jedes biologische System altert. Dass die Weltbevölkerung stark altert ist zurückzuführen auf eine geringe Geburtenrate und einer gleichzeitig hohen Lebenserwartung. Was das bedeutet und wie der einzelne alte Mensch in der Gesellschaft, besonders in der Familie, das Altern erlebt, wird in diesem Teil zu behandeln sein. Dass es sogar eine Persönlichkeitsentwicklung bis zum hohen Alter gibt, zeigen psychologische Forschungen. Es geht also in einem ersten Schritt um die Frage, was im Menschen vorgeht, wenn er altert. Bevor es nun zum Aufweis von ethischen Dringlichkeiten kommen kann, ist es notwendig, die Ergebnisse der Humanwissenschaften in den Rahmen einer Anthropologie zu stellen. Es kann nicht Sache der Human- und Sozialwissenschaften allein sein, ausfindig zu machen, was das ganzheitlich Menschliche ausmacht. In einem zweiten Schritt wird daher der alternde und alte Mensch in einer philosophischen und theologischen Anthropologie-Betrachtung behandelt. Es wird das Menschsein im Allgemeinen und im Besonderen als „Streben nach Glück“ in Anschluss von Aristoteles bei Thomas Rentsch mit seiner „Philosophischen Anthropologie in praktischer Absicht“12 zur Sprache kommen. Hierbei wird gezeigt werden, dass sich im Alter die Grundsituationen des Menschen radikalisieren und zugleich der Mensch aufgefordert sein wird, zu sich selbst zu kommen. Es geht um die Frage, was Altern und die Lebensphase Alter im Kontext des ganzen Lebenslaufes bedeuten. In einem christlichen Menschenbild kommt zum Ausdruck, dass sich der Mensch als ein Geschöpf Gottes erfährt. Daher ist es geboten an dieser Stelle Aspekte einer theologischen Anthropologie anzuführen. Im Besonderen werden Gestalten aus der Heiligen Schrift aufgezeigt, beziehungsweise deren Dasein und Handeln zum Thema gemacht. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
Human- und sozialwissenschaftliche Grundlegung
Einleitung
1 Biologisches Altern
1.1 Ein komplexer Ablauf des Alterns – in der Zelle
1.1.1 Behinderung von Transportprozessen – die Zellwand
1.1.2 Zellulärer Alterungsprozess – im Zellkern
1.1.3 Abnahme der Atmungsrate – in den Mitochondrien
1.1.4 Entstehung von Alterspigmente – in den Lysosomen
1.1.5 Translations-Störungen im endoplasmatischen Retikulum
1.1.6 Die Altersabhängigkeit der Zellteilungsfähigkeit
1.1.7 Die Apoptose – aktiver Selbstmord der Zelle als Systemeigenschaft
1.1.8 Die Differenzierung der Zelle – ein Altersvorgang
1.2 Der alternde Organismus
1.3 Zusammenfassung
2 Psychologisches Altern
2.1 Das Modell der Entwicklung von Erik Erikson
2.2 Die Lebensalter von Romano Guardini
2.3 Wichtige Fragestellungen in der psychologischen Alternsforschung
2.4 Zusammenfassung
3 Soziales Altern
3.1 Daten über den Zuwachs der alternden Weltbevölkerung
3.1.1 Daten über die Bevölkerungsentwicklung in Österreich
3.2 Gründe, die zur Lebensphase Alter führen
3.2.1 Berufliche Ausgliederung als Zäsur in der Lebensbiographie
3.2.2 Familiäre Verhältnisse und deren Veränderungen
3.2.2.1 Die Partnerschaft im Alter
3.3 Die Modelle der klassischen Alternstheorien
3.3.1 Das Defizitmodell
3.3.2 Die Disengagement-Theorie
3.3.3 Die Aktivitätstheorie
3.3.4 Die Kontinuitätstheorie
3.3.5 Modell der „Selektiven Optimierung durch Kompensation“
3.3.6 Wachstumstheorien
3.4 Zusammenfassung
Kapitel 2
Der alternde und alte Mensch – Aspekte einer philosophisch-theologischen Anthropologie
1 Das Menschsein und seine letzte Lebensphase
1.1 Hinführung zur „Lehre vom Menschen“
1.2 Allgemeine Dimensionen unseres Menschseins
1.3 Das Alter als besondere Lebensphase
1.4 Der Tod als Begrenzung der letzten Lebensphase
1.5 Der Tod aus einer christlich-theologischen Sicht
2 Altwerden und „Streben nach Glück“(Aristoteles)
2.1 Die „Nikomachische Ethik“ des Aristoteles
Exkurs: ... glückendes – gelingendes oder gutes Leben
2.2 „Philosophische Anthropologie in praktischer Absicht“ (Rentsch)
2.2.1 Wichtige transzendentale Lebensformen für Klärung des Alterns
2.3. Altern: „Ein Werden zu sich selbst“ (Rentsch)
2.3.1 Ziel des Alterns: Endgültigwerden
2.4 Zusammenfassung
3 Aspekte einer theologischen Anthropologie - im besonderen des Alterns
Einleitung
3.1 Momente einer theologischen Anthropologie
3.2 Hinweise über alte Menschen in der Heilige Schrift
3.2.1 Im Alten Testament
3.2.1.1 Langes Leben als hohes Gut - Abraham und Moses
3.2.1.2 Ehre deine Eltern - Das Elterngebot im Alten Testament
3.2.1.3 Altern als Last und Beschwerde – das Kohelet-Gedicht
3.2.2 Im Neuen Testament
3.2.2.1 Alte und neue Zeit treffen aufeinander – Simeon und Hanna
3.2.2.1.a Wartend aktiv werden – Simeon – ein Blick nach Innen
3.2.2.1.b Wartend aktiv werden – Hanna – ein Blick nach Außen
3.2.2.2 Alter und Neugeburt – Nikodemus (Joh 3,1 - 13)
3.2.2.3 Weisungen für Gemeinden – zwei Pastoralbriefen
3.3 Altern aus der Sicht einer theologischen Anthropologie
3.3.1 Der alternde Mensch - von Gott geschaffen
3.3.2 Der alternde Mensch - in Beziehung mit Gott
3.3.3 Zusammenfassung
Kapitel 3
Altern und Altsein - in Freiheit annehmen
Einleitung
1 Die Lebenswirklichkeit in der dritten Lebensphase
2 Freiwerden zur Annahme seiner selbst
2.1 Freiheit unter der Bedingtheit des eigenen Willens
2.1.1 Der eigene Wille als Bedingtheit der persönlichen Freiheit
2.1.1.1 Wollen und Wünschen – eine Unterscheidung
2.1.1.2 Das Artikulieren des freien Willens
2.1.1.3 Das Verstehen des freien Willens
2.1.1.4 Der gebilligte freie Wille
2.2 Überwindung der Zwänge in der Zeit der „späten Freiheit“ (Rosenmayr)
2.3 Altern als „Aufruf zur Vollendung der Freiheitsgeschichte“ (Auer)
2.3.1 Freiheitsgeschichte und die Integrierung des Todes ins Leben
2.3.2 Ethische Aufgaben des Einzelnen im Altern und Altsein
2.3.2.1 Die Möglichkeit der Verweigerung und ihre Folgen
2.3.2.2 Die Möglichkeit der Annahme
2.3.2.3 Elemente einer Altersidentität
2.3.3 Sozial-ethische Herausforderungen
2.4 Zusammenfassung
3 Im Blick auf das Enden die Vergangenheit neu gestalten
3.1 „Annahme des Endens und das richtige Zugehen auf den Tod“ (Guardini)
3.2 Neugestalten der Vergangenheit durch Revision des Lebens
3.2.1 Validation
3.2.2 Das Leben ordnen – ein christliches Gebot
3.2.3 Reue als Beginn eines neuen Lebens
4 Der christliche Glaube als Angebot im Altwerden
4.1 „Fruchtbarmachen“ durch christlichen Glauben
4.1.1 Leben als Geschenk Gottes
4.1.2 Lebensweg, der zum ewigen Leben führt
4.1.3 Beten im Alter
4.2 „Wir Alten sind noch nicht fertig.“ (Rahner)
4.2.1 Altern ein Phänomen in Natur, Geschichte und Gesellschaft
4.2.2 In der Lebens-Rückschau auf der Suche nach Freiheit
4.2.3 Leben in der Hoffnung auf ewiges Leben
4.3 Zusammenfassung
Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht das Altern als eine Herausforderung zur persönlichen Selbstwerdung aus theologisch-ethischer Perspektive. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, wie das Altern und das Altsein in der letzten Lebensphase als ein glückendes oder gelingendes Leben gestaltet werden können, indem der Mensch sich durch christliche Impulse, philosophische Anthropologie und die Annahme der eigenen Endlichkeit in Freiheit selbst annimmt.
- Biologische, psychologische und soziale Grundlagen des Alternsprozesses
- Philosophisch-theologische Anthropologie des alternden Menschen
- Die ethische Notwendigkeit der Annahme des Todes und der Endlichkeit
- Integration der persönlichen Lebensgeschichte als Form der Freiheit
- Der christliche Glaube als Angebot und Hoffnung im Älterwerden
Auszug aus dem Buch
3.2.1.3 Altern als Last und Beschwerde – das Kohelet-Gedicht
Es zeigt nun, dass das Alter im Alten Testament nicht nur Segen ist, sondern auch Last und Beschwerde bedeuten kann. Es kann jede Form von Ängsten und Leiden im Blick auf das Altern – in diesem alle Lebensphasen umgreifenden – Buch gefunden werden. Das Buch Kohelet stellt in eindrucksvoller und auch pessimistischer Weise dar, wie ein Lebensplan gestaltet werden kann. In diesem Gedicht kommt zum Ausdruck, dass der Tod bereits in die frühen Lebenszeiten hineinreichen kann und ein kontinuierliches Sterben veranlasst.
„Dann wird das Licht süß sein, und den Augen wird es wohl tun, die Sonne zu sehen. Selbst wenn ein Mensch viele Jahre zu leben hat, freue er sich in dieser ganzen Zeit, und er denke zugleich an die dunklen Tage: Auch sie werden viele sein. Alles, was kommt, ist Windhauch. Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren! [...] Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagen wirst: Ich mag sie nicht!, ehe Sonne und Licht und Mond und Sterne erlöschen und auch nach dem Regen wieder Wolken aufziehen: am Tag, da die Wächter des Hauses zittern, die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind, es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken, und das Tor zur Straße verschlossen wird; wenn das Geräusch der Mühle verstummt, steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch die Töne des Liedes verklingen; selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor den Schrecken am Weg; der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke schleppt sich dahin, die Frucht der Kaper platzt, doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus, und die Klagenden ziehen durch die Straßen – ja ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.“ (Koh 11,7 – 11,9. 12,1 – 12,7).
Zusammenfassung der Kapitel
Human- und sozialwissenschaftliche Grundlegung: Dieses Kapitel untersucht die biologischen, psychologischen und sozialen Aspekte des Alterns und stellt fest, dass es sich um einen vielschichtigen Prozess handelt, der nicht als Krankheit, sondern als Teil des Lebens zu verstehen ist.
Der alternde und alte Mensch – Aspekte einer philosophisch-theologischen Anthropologie: Hier wird das Altern philosophisch und theologisch als ein „Werden zu sich selbst“ interpretiert, wobei die Annahme der Endlichkeit und des Todes als zentrales Element für ein sinnerfülltes Leben hervorgehoben wird.
Altern und Altsein - in Freiheit annehmen: Das letzte Kapitel analysiert das Altern als ethische Herausforderung und zeigt auf, wie durch die Freiheit zur Annahme der eigenen Identität, durch Revision der Vergangenheit und durch den christlichen Glauben eine positive Lebensgestaltung im Alter möglich ist.
Schlüsselwörter
Altern, Altsein, Theologische Anthropologie, Ethik, Selbstwerdung, Lebensphase, Tod, Endlichkeit, Freiheit, christlicher Glaube, Lebensgestaltung, Würde, Altersidentität, Sinnsuche, Hoffnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der theologisch-ethischen Analyse des Alterns und sucht nach Wegen, wie Menschen im dritten Lebensabschnitt ihr Leben in Freiheit annehmen und als "glückend" gestalten können.
Welche wissenschaftlichen Disziplinen werden thematisiert?
Die Autorin/der Autor integriert Erkenntnisse aus der Biologie, Psychologie und Soziologie mit einer philosophisch-theologischen Anthropologie, um ein ganzheitliches Bild des Alterungsprozesses zu zeichnen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Altern nicht bloß als einen Abbauprozess zu verstehen, sondern Perspektiven aufzuzeigen, wie ein "Wachsen" an Reife und Weisheit bis in das hohe Alter möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische, anthropologische Analyse, die auf der Methode der "Autonomen Moral" von Alfons Auer basiert, welche empirische Wissenschaften in einen philosophisch-theologischen Sinnhorizont stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine wissenschaftliche Grundlegung (Bio/Psycho/Sozio), eine anthropologische Bestimmung des Alterns und eine ethische Analyse zur Annahme des Alters in Freiheit, inklusive christlicher Glaubensperspektiven.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Alter, Freiheit, Selbstwerdung, Endlichkeit, Todesannahme, christliche Ethik, Identität und Lebensvollendung.
Welche Rolle spielt die "Freiheitsgeschichte" im Kontext der Arbeit?
Die Freiheitsgeschichte bezeichnet das eigene, selbstbestimmte Leben, das auch im Alter noch durch bewusste Entscheidungen und die Revision der Vergangenheit zur Vollendung gebracht werden kann.
Wie bewertet der Autor den Umgang mit dem Tod?
Der Autor argumentiert, dass der Tod nicht verdrängt werden darf, sondern als eine notwendige Begrenzung und als "Tor zum ewigen Leben" in das eigene Leben integriert werden sollte.
Welche Bedeutung hat das christliche Gebet im Alter?
Das Gebet wird als Ausdruck von Vertrauen und als Hilfe zur Sinnfindung sowie zur Bewältigung der Lebenskrise im Alter gesehen, nicht als Flucht vor der Realität.
- Arbeit zitieren
- Siegfried Romirer-Maierhofer (Autor:in), 2005, Altern - eine Herausforderung zur Selbstwerdung - Theologisch-ethische Perspektiven für Menschen im dritten Lebensabschnitt, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/38571