Lässt sich der deutsche Nationalismus in den Kriegserinnerungen der Zeitzeugen belegen? Oder bestätigt der Quellenkorpus die Kritik der neueren Forschung? Nationalismus soll hier an Hand von Szenen in den Texten belegt werden, die Rückschlüsse auf die positive Einstellung des Autors zu Deutschland als Vaterland und auf den Wunsch nach einer geeinten deutschen Nation zulassen. Ein möglichst breites Spektrum an Autoren soll dabei zu Wort kommen, einfache Soldaten, Offiziere, Zivilisten, Literaten aus den verschiedenen deutschen Regionen.
Basis für die Arbeit war Karen Hagenmanns Studie von 2015, in der sie 269 Kriegserinnerungen deutscher Zeitzeugen nach Vita, Region, Motivation des Autors und Zeitpunkt der Publikation systematisiert hat. Männer von höherem militärischen Rang oder Mitglieder der zivilen Oberschicht (Adel, Bildungsbürger) verfassten die Mehrheit der Texte. Sie stammten vor allem aus den Rheinbundstaaten und Preußen.
Angelehnt an Hagemanns Gruppierungen sind die Quellen in der Arbeit so gewählt, dass jede Gruppe mit mindestens einem Autor repräsentiert ist: zwei gemeine Soldaten (Deifel, Lindau), zwei rheinbündische Offiziere auf französischer Seite (von Funck, von Ditfurth), ein sächsischer Berufsoffizier gegen Napoleon (von François), zwei preußische Offiziere (von Müffling, von Wolzogen), ein sächsischer Musikkritiker (von Rochlitz) und ein preußischer Literat (von Kügelgen). Nicht berücksichtigt sind Autorinnen, da sie eher Ausnahmen darstellten.
Inhaltsverzeichnis
1. DER AUTOBIOGRAPHISCHE BOOM IM 19. JAHRHUNDERT
2. AUF DER SUCHE NACH NATIONALISMUS IN DEN QUELLEN
2.1 PHASE 1: RESTAURATION UND VORMÄRZ (1815-1840)
2.2 PHASE 2: DIE NATIONALLIBERALE BEWEGUNG UND DIE REVOLUTION VON 1847/48
2.3 PHASE 3: IM KAISERREICH (1871-1914)
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob und wie sich ein deutscher Nationalismus in den persönlichen Kriegserinnerungen von Zeitzeugen der Napoleonischen Kriege (1813-1815) in verschiedenen Epochen des 19. Jahrhunderts widerspiegelt, und prüft dabei die Kritik an einer traditionell national geprägten Historiographie.
- Analyse autobiographischer Kriegserinnerungen als historische Quellen.
- Untersuchung des Wandels von Erinnerungsstilen im 19. Jahrhundert.
- Vergleich verschiedener Autorengruppen (Soldaten, Offiziere, Zivilisten).
- Kritische Betrachtung des Einflusses politischer Konjunkturen auf das Erinnern.
- Überprüfung der Thesen zur Genese eines nationalen Mythos der Befreiungskriege.
Auszug aus dem Buch
1. Der autobiographische Boom im 19. Jahrhundert
Das literarische Genre der Autobiographie kam im 18. Jahrhundert zur ersten Blüte. Es handelte sich um nach innen gekehrte, bekennende Schriften, auch „Gelehrtenautobiographien“, die eigene Erkenntnisse verteidigten. Der Stil änderte sich mit dem Jahrhundertwechsel. Im Zuge der Aufklärung hatte sich ein selbstbewusstes, emanzipiertes und geschichtsbewusstes Bürgertum herausgebildet. Die Französische Revolution, die napoleonischen Kriege und die begleitende Säkularisierung konfrontierten sowohl den Adel als auch das erstarkte Bürgertum mit enormen politischen, gesellschaftlichen und sozialen Umbrüchen. Der Einzelne erlebte Zäsuren und Diskontinuitäten, die den eigenen Lebensentwurf veränderten oder gar vernichteten. Das neue literarische Genre der Autobiographie bot eine Plattform, eigene Erfahrungen in den öffentlichen Raum zu bringen. Die „erzählenden“ Autoren schrieben mit starkem Leserbezug, das Erzählen des eigenen Lebens lieferte Informationen an eine historiographisch interessierte Leserschaft.
Zudem brachte die Entwicklung des Krieges zum Massen- und Vernichtungskrieg mit Millionen von Betroffenen völlig neuartige Erfahrungen mit sich. So sind im Quellenkorpus Erinnerungen an die Grausamkeiten des Russlandfeldzugs 1812 besonders zahlreich. Entscheidend für die Zahl der Publikationen war jedoch die Expansion des Literaturmarktes in Deutschland. Der Fortschritt der Druckindustrie ermöglichte es, Zeitschriften und Bücher billiger und in größeren Auflagen herauszugeben. Zunehmende Mobilität in der Verteilung der Druckerzeugnisse (Eisenbahn, bessere Straßen) und das Aufkommen von Leihbüchereien ließ die erreichte Leserschaft anwachsen, vor allem im mittleren und gehobenen Bürgertum der Städte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DER AUTOBIOGRAPHISCHE BOOM IM 19. JAHRHUNDERT: Das Kapitel erläutert die Entstehung der Autobiographie als Massenphänomen im 19. Jahrhundert, bedingt durch soziopolitische Umbrüche und die Expansion des Literaturmarktes.
2. AUF DER SUCHE NACH NATIONALISMUS IN DEN QUELLEN: In diesem Hauptteil werden anhand ausgewählter Kriegserinnerungen drei Phasen (Restauration, Vormärz/Revolution, Kaiserreich) untersucht, um die Präsenz nationaler Gefühle bei den Zeitzeugen zu prüfen.
2.1 PHASE 1: RESTAURATION UND VORMÄRZ (1815-1840): Die Untersuchung der ersten Phase zeigt, dass bei Soldaten und Zivilisten lokaler Patriotismus und individuelle Motive dominieren, während ein übergreifender deutscher Nationalismus noch keine Rolle spielt.
2.2 PHASE 2: DIE NATIONALLIBERALE BEWEGUNG UND DIE REVOLUTION VON 1847/48: Diese Phase analysiert, wie in der Zeit vor und während der Revolution nationalliberale Autoren versuchten, durch ihre Memoiren das Nationalbewusstsein der Deutschen gezielt zu stärken.
2.3 PHASE 3: IM KAISERREICH (1871-1914): Das Kapitel verdeutlicht, wie im Kaiserreich durch offizielle Historiographie und Wiederauflagen ein nationaler Mythos der Befreiungskriege konstruiert wurde, der die Aussagekraft der Erinnerungsberichte beeinflusste.
Schlüsselwörter
Befreiungskriege, Nationalismus, Kriegserinnerungen, Autobiographie, 19. Jahrhundert, Geschichtskultur, Erinnerungskultur, Preußen, Rheinbund, Zeitzeugen, Generationengedächtnis, Mythos, Quellenanalyse, Nationalliberalismus, deutsche Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle des deutschen Nationalismus in persönlichen Kriegserinnerungen von Zeitzeugen der Befreiungskriege 1813-1815 über den Verlauf des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die Autobiographie als historische Quelle, die Entwicklung des deutschen Nationalismus, die Konstruktion von Erinnerungsmythen und den Wandel der Geschichtsschreibung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, ob der Nationalismus bereits in den direkten Erinnerungen der Zeitzeugen präsent war oder ob er erst in späteren Epochen durch offizielle Deutungen hineininterpretiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine quellenbasierte Analyse von 269 Kriegserinnerungen angewandt, strukturiert nach historischen, gedächtnistheoretischen und literaturgeschichtlichen Aspekten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert die Erinnerungen in drei chronologische Phasen (1815-1840, 1847/48 und 1871-1914), um den Wandel in der Darstellungsweise und dem Nationalgehalt der Texte aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Befreiungskriege, Nationalismus, Erinnerungskultur, Autobiographie und Generationengedächtnis charakterisiert.
Warum spielt der deutsche Nationalismus in der ersten Phase der Erinnerungen laut Autorin kaum eine Rolle?
Die Autorin stellt fest, dass in der ersten Phase unmittelbare Kriegserlebnisse, lokaler Patriotismus und persönliche Motive der Veteranen im Vordergrund standen, nicht jedoch die abstrakte Idee eines deutschen Nationalstaats.
Welchen Einfluss hatte das Kaiserreich auf die Wahrnehmung der Kriegserinnerungen?
Im Kaiserreich wurden frühere Memoiren oft gekürzt oder durch nationale Vorworte ergänzt, um sie als Instrument zur Stärkung des nationalen Mythos der Reichsgründung zu nutzen.
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- Christa Gries (Author), 2017, Nationalismus in den Kriegserinnerungen 1813-1815 anhand ausgewählter Quellen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/384444