Die erfolgreiche Kommunikation in Schulklassen, in denen eine Vielfalt von unterschiedlichen Kulturen und Religionen vertreten ist, bildet für das konstruktive Miteinander eine wichtige Basis, aus der sich die Bedeutung Interkultureller Kompetenz als "Schlüsselqualifikation" im pädagogischen Handeln entwickelt hat. Die Vielfalt der Kulturen ist im Schulalltag der Lehrkraft präsent – und mit ihr ebenso vielfältige Herausforderungen.
Eine Hauptherausforderung besteht darin, interkulturelle Kommunikation störungsfrei zu ermöglichen und dabei gleichzeitig den Paradoxien und Antinomien professionellen Handelns ausgesetzt zu sein. Im Hinblick auf die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen, geprägt durch starke Migrationsflüsse, stellt die Dialektik der Differenz, auf die in Kapitel 2.3 eingegangen wird, eine im Kontext interkulturellen Unterrichts besonders zu berücksichtigende Antinomie dar.
Daher stellt sich in dieser Arbeit zum Einen die Frage, inwiefern interkulturell kompetentes Handeln in der rekonstruierten Stunde erkennbar ist, zum Anderen, welche Ursachen den Kommunikationsstörungen im rekonstruierten Unterricht zugrunde liegen und inwieweit das dialektische Spannungsverhältnis das Lehrerhandeln im interkulturellen Kontext prägt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Herausforderungen und Störungsquellen interkultureller Kommunikation und Kompetenz
2.1 Zum Begriff und Konzeption „Interkultureller Kompetenz“
2.2 Ein heuristisches Modell zur Interpretation interkultureller Kommunikationsstörungen
2.3 Zur Dialektik der Differenz im interkulturellen Umgang
3. Objektiv-hermeneutische Fallrekonstruktion:
3.1 Zum Interpretationsverfahren der Objektiven Hermeneutik
3.2 Interpretation einer Unterrichtssequenz
4. Diskussion und theoretische Rahmung des Falls
5. Ausblick und Konsequenzen für Theorie, Praxis und Forschung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht mittels der objektiven Hermeneutik eine Unterrichtssituation, in der interkulturelle Kommunikation auf schulische Rahmenbedingungen und Machtstrukturen trifft. Ziel ist es, die Ursachen für auftretende Kommunikationsstörungen zu rekonstruieren und das dialektische Spannungsverhältnis im pädagogischen Handeln zu beleuchten.
- Analyse interkultureller Kommunikation im Schulalltag
- Anwendung des heuristischen Modells nach Auernheimer
- Untersuchung der "Dialektik der Differenz" nach Edelmann
- Objektiv-hermeneutische Fallrekonstruktion einer Unterrichtssequenz
- Reflexion über pädagogische Professionalität und Machtasymmetrien
Auszug aus dem Buch
Interpretation einer Unterrichtssequenz
S1: Ich darf das nicht machen, weil wir Ramadan haben. Der Schüler weist eine unbekannte Aufforderung, die persönlicher, gesellschaftlicher, erzieherischer oder religiöser Art sein kann mit der Begründung der Unvereinbarkeit jener unbekannten Bitte oder Aufforderung mit der Glaubenspraxis des Ramadan zurück. Die Aussage des Schülers gibt eine maximal klare negative Antwort auf die Erwartung des unbekannten signifikanten Anderen, die in ihrer Ausführlichkeit durch die Einbezugnahme einer Erklärung einem „Geständnis“ gleichkommt, das die grundsätzliche Anerkennung beinhaltet, dass die Aufforderung des Anforderers berechtigt ist. Auffallend an dieser Sequenz ist weiterhin der Wechsel der Personalpronomina „ich“ zu „wir“, der eine Sicherheit durch die daraus resultierende Gruppenzugehörigkeit des Schülers impliziert.
L: Du isst oder trinkst doch nichts dabei. Die Lehrkraft erwidert mit einer Verwunderung über das vermeintliche Informationsdefizit des Schülers, die durch das Modalpartikel „doch“ folgenden Vorwurf impliziert: „Wie du eigentlich wissen müsstest.“ Wenn man gedankenexperimentell überlegt, in welchen Situationen die vorliegende Sequenz eintreten könnte, lässt sich feststellen, dass diese auch in einem verführerischen Kontext, am Beispiel einer Person, die von Freunden gebeten wird, in eine Bäckerei zu gehen, jedoch diese Bitte ablehnt, da jene, in einer Diät befindend, sich nicht durch die Gerüche in Versuchung zu „sündigen“ verleitet werden möchte, trotz der Tatsache, dass sie dabei „nichts isst und trinkt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Bedeutung interkultureller Kompetenz in heterogenen Schulklassen und stellt die Forschungsfrage nach den Ursachen von Kommunikationsstörungen im Unterricht.
2. Herausforderungen und Störungsquellen interkultureller Kommunikation und Kompetenz: Dieses Kapitel erläutert theoretische Modelle zu interkultureller Kompetenz, Kommunikationsstörungen und der Dialektik der Differenz als Grundlage für pädagogisches Handeln.
3. Objektiv-hermeneutische Fallrekonstruktion:: Hier wird die Methodik der objektiven Hermeneutik dargelegt und auf eine konkrete, authentische Unterrichtssituation angewendet.
4. Diskussion und theoretische Rahmung des Falls: Die Ergebnisse der Fallanalyse werden kritisch diskutiert, insbesondere hinsichtlich der Machtasymmetrien und der Unfähigkeit der Lehrkraft, kulturelle Differenzen professionell zu integrieren.
5. Ausblick und Konsequenzen für Theorie, Praxis und Forschung: Es werden Schlussfolgerungen für eine professionellere pädagogische Haltung gezogen, die symmetrische Beziehungskonstellationen und bewusste Reflexion in den Mittelpunkt stellt.
Schlüsselwörter
Objektive Hermeneutik, Interkulturelle Kompetenz, Lehrerhandeln, Unterrichtssequenz, Dialektik der Differenz, Kommunikation, Machtasymmetrie, Fallrekonstruktion, Ramadan, Professionalität, pädagogisches Handeln, Heterogenität, Schulpraxis, Kulturmuster, Antinomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die interkulturelle Kommunikation in einer Schulklasse und untersucht, wie eine Lehrkraft auf das Verhalten eines Schülers während der Ramadan-Zeit reagiert, wobei insbesondere Machtstrukturen im Fokus stehen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen interkulturelle Pädagogik, die Analyse von Kommunikationsstörungen und die professionelle Reflexion des Lehrerhandelns in heterogenen Kontexten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwiefern interkulturell kompetentes Handeln in einer konkreten Unterrichtssituation erkennbar ist und welche Ursachen den beobachteten Kommunikationsstörungen zugrunde liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Die Untersuchung folgt der Methodik der objektiven Hermeneutik, um hinter den Äußerungen die objektiven Sinnstrukturen der Interaktion freizulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu interkultureller Kompetenz sowie die detaillierte, rekonstruktive Interpretation einer beobachteten Unterrichtsszene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten über Begriffe wie objektive Hermeneutik, interkulturelle Kompetenz, Fallrekonstruktion und pädagogische Antinomien definieren.
Wie bewertet die Autorin die Reaktion der Lehrkraft auf das Ramadan-Thema?
Die Autorin interpretiert die Reaktion als ein Scheitern, da die Lehrkraft auf einer rein formalen Ebene verharrt, eine Machtasymmetrie aufbaut und die kulturelle Differenz durch Spott anstatt durch Dialog beantwortet.
Warum ist das "heuristische Modell" von Auernheimer für diese Arbeit wichtig?
Es dient als Analyseinstrument, um Störfaktoren in interkulturellen Kommunikationssituationen – wie Machtasymmetrien oder festgefahrene Kulturmuster – systematisch aufzudecken.
Welche Rolle spielt die „Dialektik der Differenz“ in der Schlussfolgerung?
Die Dialektik der Differenz verdeutlicht, dass Lehrkräfte in einem permanenten Spannungsfeld zwischen Gleichbehandlung und Anerkennung von Unterschieden agieren, was eine ständige professionelle Reflexion erfordert.
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- Anonym (Author), 2017, Interkulturelle Kompetenz als pädagogische Schlüsselqualifikation, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/383716