Aus Sicht der Humanisten war das Mittelalter ein ‚dunkles Zeitalter‘, geprägt von Zerfall und Gewalt. Durch Überlieferung von mittelalterlichen Quellen, welche für die Arbeit von Historikern von enormer Wichtigkeit sind, kann dies zum Teil auch nachvollzogen werden. In der Legenda aurea, einer Sammlung von Heiligenviten und biblischen Episoden aus dem 13. Jahrhundert von Jacobus de Voragine, kommt Gewalt ebenfalls zum Ausdruck. Die Vita des Heiligen Stephanus soll für diese Arbeit als Beispiel dienen.
Sankt Stephanus ist der erste christliche Blutzeuge und somit Erzmärtyrer. Die charismatischen Predigten des Diakons erregten Anstoß und Neid bei den Juden, woraus sich schließlich das Martyrium des Sankt Stephanus entwickelte. Das Martyrium, was mit einer Disputation beginnt, zu einer Gerichtsverhandlung führt und in einer Steinigung endet, wurde im Mittelalter als exemplarisch angesehen und zeigt sowohl die Ausmaße von physischer als auch psychischer Gewalt. Im Folgenden sollen nun die Fragen geklärt werden, welche Formen von Gewalt explizit in der Vita des Heiligen Stephanus zum Ausdruck kommen, wie die Gewalt dargestellt wird und welche Wirkung sowohl die Gewalt als auch die ‚blutigen Worte‘, die von Stephanus in seiner Rede benutzt werden, haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Quellenanalyse
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung und die verschiedenen Formen von Gewalt in der Vita des Heiligen Stephanus, wie sie in der Legenda aurea des Jacobus de Voragine überliefert sind. Das primäre Ziel ist es, die Verbindung zwischen verbaler psychischer Gewalt und physischer Folter zu analysieren.
- Analyse der Legenda aurea als historische Quelle
- Differenzierung zwischen physischer und psychischer Gewalt
- Die Funktion der sogenannten „blutigen Worte“ als Vorstufe zur physischen Tat
- Untersuchung des Martyriums des Stephanus als psychologischer Prozess
Auszug aus dem Buch
2. Quellenanalyse
Die Legenda aurea, die eine Schriftquelle darstellt, wurde um 1263-67 von Jacobus de Voragine geschrieben und um 1290 noch einmal überarbeitet. Die Sammlung von Heiligenviten und biblischen Episoden folgt in der Anordnung dem Zyklus des Kirchenjahres. Den Titel „Goldene Legende“ erhielt sie nicht von ihrem Autor, sondern nach mehreren vorübergehenden anderen Bezeichnungen, von ihren Lesern. In ihrer ursprünglichen lateinischen Fassung erschien sie, den Gepflogenheiten der damaligen Zeit entsprechend, ohne Titel. Der ihr verliehene Titel kennzeichnet die Stellung der Legenda aurea im Leben der Christenheit. Ihre Wirkung ist anhand der hohen Zahl der heute noch vorhandenen Abschriften abzulesen. „Im ganzen christlichen Mittelalter wurde außer der Bibel kein anderes Buch so oft abgeschrieben und in die verschiedenen Volkssprachen übersetzt wie dieses“.
Der Verfasser Jacobus de Voragine (geboren um 1226 in Varazze bei Genua, gestorben 1298 in Genua) trat 1244 dem Dominikanerorden bei und wurde 1292 zum Erzbischof von Genua geweiht. Jacobus war ein guter und geachteter Erzbischof, der versuchte, den Klerus zu reformieren. Politischen Ehrgeiz hatte er jedoch nicht. Während der Entstehung der Legenda aurea, zwischen 1263 und 1267, war er Lector der Theologie und Prior in Genua. Jacobus ist allerdings nicht Autor, sondern Sammler und Bearbeiter der einzelnen Legenden. Als Vorlage dienten ihm eine Unmenge an schriftlichen Überlieferungen, etwa die Schrift von Dionysius über die Angelologie, die Dialoge Gregors, Bedas Martyrologium und weitere viele nicht näher bezeichnete Quellen. Am umfassendsten wirken sich die Evangelien in der Legenda aurea aus. Demnach stellt die Legendensammlung keine Primärquelle, sondern eine Sekundärquelle dar, was jedoch keinen Einfluss auf die Beantwortung der Fragestellung haben wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema Gewalt im Mittelalter ein und erläutert die Bedeutung der Legenda aurea sowie die Person des Heiligen Stephanus als erstes Märtyrermotiv.
2. Quellenanalyse: Hier werden Entstehungskontext, Autorschaft und der Charakter der Legenda aurea als Legendensammlung kritisch untersucht.
3. Zusammenfassung: Dieses Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse über die Verflechtung von psychischer und physischer Gewalt im Martyrium des Stephanus zusammen.
Schlüsselwörter
Legenda aurea, Stephanus, Martyrium, Gewalt, psychische Gewalt, physische Gewalt, blutige Worte, Jacobus de Voragine, Mittelalter, Heiligenviten, Märtyrer, Religion, Disputation, Kirchenjahr, Christentum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Gewalt in der Lebensgeschichte des Heiligen Stephanus, die in der Legenda aurea überliefert ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der physischen und psychischen Gewalt sowie deren wechselseitige Abhängigkeit in narrativen Quellen des Spätmittelalters.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, welche spezifischen Formen von Gewalt in der Quelle vorkommen und wie diese dargestellt werden, insbesondere die Rolle der Sprache als Gewaltinstrument.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es erfolgt eine quellenkritische Analyse der Legenda aurea, ergänzt durch den Vergleich mit der biblischen Überlieferung in der Apostelgeschichte und zeitgenössische fachwissenschaftliche Literatur.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt im Hauptteil?
Der Fokus liegt auf der dreistufigen Steigerung des Martyriums: die Disputation, die falsche Anklage und die finale Steinigung.
Was charakterisiert die Arbeit inhaltlich?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Untersuchung von „blutigen Worten“ aus, die verbale Aggressionen als Vorstufen zu physischen Handlungen deuten.
Warum wird Stephanus in der Legenda aurea als Vorbild dargestellt?
Stephanus dient als „Prototyp“ des christlichen Märtyrers, dessen absolutes Vertrauen auf Christus und sein Gebet für die Peiniger ihn zu einer positiven Identifikationsfigur machen.
Wie bewertet der Autor Jacobus de Voragine die Gewalt?
Er bewertet das Martyrium als einen Vorgang mit vorsätzlichem Willen und Tat, wobei die psychische Gewalt der Gegner von ihm durch die Beweggründe des Heiligen reflektiert und eingeordnet wird.
- Arbeit zitieren
- Sabrina Engler (Autor:in), 2012, Darstellung und Formen von Gewalt in der Vita des Heiligen Stephanus in der Legenda aurea, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/379718