Kommunikationsformen und Präventionsmöglichkeiten sexueller, körperlicher und emotionaler Gewalt aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen treten in vielerlei Hinsicht auf. Dieses Thema wird hier untersucht, da die Ausprägungen der Gewalt vielfältig sind und sowohl sexuellen, körperlichen und emotionalen Missbrauch einbeziehen. Gerade weil diese Formen der Gewalt zu großen Teilen in der Familie oder in Institutionen stattfinden, sind die Betroffenen entweder in Abhängigkeitsverhältnisse eingeschlossen oder von direktem Machtmissbrauch betroffen.
Die konkrete Forschungsfrage lautet deshalb, inwieweit es Kindern durch angebotene Präventions- und Kommunikationsformen überhaupt möglich ist, sich mittels vertrauensvoller Mitteilungen aus dem Kreislauf der sehr hermetisch stattfindenden sexuellen, körperlichen und emotionalen Gewalt zu befreien.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Forschungsstand und Beispielstudien
2.1 Zusammenfassender aktueller Forschungsstand
2.2 Untersuchung vier zentraler empirischer Studien (qualitativ und quantitativ)
2.2.1 Studie 1: Prävention von sexuellem Missbrauch – Ein Überblick
2.2.2 Studie 2: „Es ist ganz wichtig, die Kinder da nicht alleine zu lassen.“
2.2.3 Studie 3: Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit
2.2.4 Studie 4: Sexuelle Gewalt – Kinderzeichnungen als Signal
2.3 Gegenüberstellung, Abwägung und Perspektive
3 Forschungsdesiderate
3.1 Erörterung der Fragestellung in Bezug der Präventions- und Teilhabemöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Hinblick auf den Forschungsstand zwischen Grenzen und Möglichkeiten
3.2 Schärfung der Forschungsfrage auf die Möglichkeiten zur Selbstermächtigung und Kommunikabilität von Kindern und Jugendlichen
4 Forschungsfrage und Forschungsskizze (Die Kinderzeichnung und Objektive Hermeneutik)
4.1 Feldzugang und Sampling in der Kinder- und Jugendforschung
4.2 Erhebungsmethodische Expertise
4.3 Bildanalytische Auswertungsmethode der Sequenzanalyse
4.4 Objektiv-hermeneutische Rekonstruktionslogik in Bezug auf die mögliche Beantwortung der Forschungsfrage
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht, inwieweit Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexueller, körperlicher oder emotionaler Gewalt wurden, durch geeignete Präventions- und Kommunikationsformen befähigt werden können, ihre Erlebnisse mitzuteilen und aus den hermetischen Kreisläufen der Gewalt auszubrechen, wobei insbesondere das Potenzial von Kinderzeichnungen als nonverbales Medium analysiert wird.
- Analyse des aktuellen Forschungsstands zu Gewaltformen gegenüber Minderjährigen.
- Untersuchung von Barrieren in der Kommunikation von Gewalterfahrungen durch Kinder.
- Evaluierung von Hilfsangeboten und Präventionsstrukturen.
- Methodische Erarbeitung der Kinderzeichnung als Kommunikations- und Ausdrucksform.
- Anwendung der Objektiven Hermeneutik zur Analyse kindlicher Zeichnungen als Teil der Präventionsarbeit.
Auszug aus dem Buch
2.2.4 Studie 4: Sexuelle Gewalt – Kinderzeichnungen als Signal
Einen möglichen Ausweg aus dieser Kommunikationskrise über solche Gewalterfahrungen zu sprechen bot folgende qualitative Studie, bei der anhand von 120 Kinderzeichnungen gerade der Kommunikationsversuch untersucht wurde, der aus Sicht von Kindern und Jugendlichen unternommen wird, wenn sie belastenden Erlebnissen ausgesetzt waren (Steinhage 1992, S. 155). Die Zeichnungen bilden das zerstörte Gefühlserleben der Opfer ab (vgl. ebd., S. 7) und verdeutlichen, wie schwerwiegend die Kommunikationsproblematik durch Gewalterfahrungen in Kinderzeichnungen subjektiv eingeschrieben (vgl. ebd., S. 7-8) und objektiv durch die Entwicklungsstufen des Kindes bedingt sind (vgl. ebd., S. 17). Da die bisherige Forschung nicht dezidiert auf solche Gewalterfahrungen eingegangen ist, legt die Studie den Fokus direkt auf die Darstellung der widerfahrenen Gewalt in den Zeichnungen und den Kommunikationsversuch dieser Erlebnisse gegenüber Betreuern (vgl. ebd., S. 20).
Es zeigte sich, dass die hier beschriebenen Gewaltformen in den Kinderzeichnungen deutlich erkennbar (vgl. ebd., S. 155) und mit kommunikativer Intention ausagiert wurden (vgl. ebd., S. 156). Steinhage fasst das prägnant folgendermaßen zusammen:
Kinderzeichnungen sind folglich als Medium zu verstehen, mit einem Kind ein Gespräch über das Gemalte und damit über das, was das jeweilige Kind beschäftigt, zu beginnen (ebd., S. 156).
Oft waren die Darstellungen allerdings sehr hermetisch und vermittelten Schutz- oder Versorgungswünsche (vgl. ebd., S. 156). Das Thema der Sexualität wurde meist in Verbindung mit Aggression und Desorganisation verarbeitet und es fehlten auffällig oft häusliche Situationen (vgl. ebd.). Wiederholungszwänge, vermeidende Tendenzen und Dissoziationen zeigten sich ebenfalls während des Zeichnens (vgl. ebd.). Gerade die übertriebene Verwendung sexueller Themen konnte als Marker für eine Missbrauchserfahrung genommen werden, die sich meist bestätigte (vgl. ebd., S. 157). Auch das Fehlen und Aussparen von Personen (meist der Vater) bei Familiendarstellungen wies auf diese Zusammenhänge hin (vgl. ebd.). Dementsprechend konnte nachgewiesen werden, dass Kinder und Jugendliche durch ihren Integritätsverlust anhand der Gewalterfahrungen in verzerrter Wahrnehmung und Kommunikation fragmentiert und unstrukturiert (nahezu seziert) zeichneten (vgl. ebd., S. 158).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Untersuchungsthema und die Forschungsfrage, die sich mit der Befähigung von Kindern zur Kommunikation über Gewalterfahrungen durch Präventionsformen auseinandersetzt.
2 Forschungsstand und Beispielstudien: Dieses Kapitel rekapituliert den Stand der Forschung, definiert die Gewaltformen und untersucht vier zentrale Studien, um die Notwendigkeit nonverbaler Kommunikationswege zu begründen.
3 Forschungsdesiderate: Hier werden die Grenzen bestehender Präventionsmöglichkeiten aufgezeigt und die Forschungsfrage gezielt auf Möglichkeiten zur Selbstermächtigung durch Kommunikation fokussiert.
4 Forschungsfrage und Forschungsskizze (Die Kinderzeichnung und Objektive Hermeneutik): Das Kapitel begründet die methodische Nutzung von Kinderzeichnungen als Datenerhebung und führt die Objektive Hermeneutik als Auswertungsmethode ein, illustriert an einem Fallbeispiel.
5 Fazit und Ausblick: Das Fazit bestätigt die Notwendigkeit sensibler Unterstützungsangebote und hebt die Bedeutung projektiver und hermeneutischer Verfahren für die pädagogische Praxis hervor.
Schlüsselwörter
Sexuelle Gewalt, Körperliche Gewalt, Emotionale Gewalt, Kinderzeichnungen, Prävention, Kommunikation, Objektive Hermeneutik, Selbstermächtigung, Kindheitsforschung, Sequenzanalyse, Traumatisierung, Unterstützungsangebote, Machtverhältnisse, Pädagogik, Interdisziplinarität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen, sich aus der Isolation von Gewalterfahrungen durch Kommunikation zu befreien, und untersucht hierbei insbesondere das Medium der Kinderzeichnung als präventives und therapeutisches Werkzeug.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die verschiedenen Formen sexueller, körperlicher und emotionaler Gewalt gegen Minderjährige, die Analyse von Kommunikationsbarrieren sowie die Etablierung von Schutz- und Unterstützungsstrukturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, inwieweit Kinder und Jugendliche durch angebotene Kommunikationsformen und eine sensible Förderung ihrer Ausdrucksmöglichkeiten, etwa durch Zeichnungen, ihre Gewalterfahrungen aufarbeiten und sich selbst ermächtigen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die qualitative Kindheitsforschung, wobei für die Auswertung von Bildmaterial die Methode der Objektiven Hermeneutik, insbesondere die sequentielle Bildanalyse, theoretisch situiert und praktisch angewendet wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine Literatur- und Studienanalyse, die Ableitung von Forschungsdesideraten bezüglich der Teilhabe von Kindern sowie die Entwicklung einer Forschungsskizze, die den methodischen Einsatz von Kinderzeichnungen in der Praxis fundiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kinderzeichnungen, Gewaltprävention, Objektive Hermeneutik, Kommunikationsfähigkeit, Trauma, Machtgefälle und Selbstermächtigung.
Wie unterscheidet sich die Nutzung von Kinderzeichnungen von anderen Ansätzen?
Im Gegensatz zu rein verbalen oder standardisierten Testverfahren bietet das Zeichnen einen nonverbalen Zugang, der es Kindern ermöglicht, belastende Erlebnisse spielerisch und indirekt darzustellen, was besonders bei traumatisierten Kindern den Einstieg in ein Gespräch erleichtern kann.
Welche Rolle spielt die Objektive Hermeneutik in diesem Kontext?
Sie dient als wissenschaftliche Basis, um die in Zeichnungen enthaltenen latenten Sinndimensionen objektiv und strukturell zu rekonstruieren, anstatt diese lediglich subjektiv oder spekulativ zu interpretieren.
- Arbeit zitieren
- Bernd Aschenbrenner (Autor:in), 2017, Gewalt aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen. Kommunikationsformen und Präventionsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/378669