Diese Arbeit verbindet Themenfelder aus Politik und Wirtschaft mit literarischem Kolorit. Untersuchen möchte ich, inwieweit die ökonomischen Anforderungen der Arbeitswelt in der neoliberalen Gesellschaft eine freie Persönlichkeitsentfaltung des Individuums und dessen individuelle Freiheit beschränken. In Kapitel 1 setze ich mich mit der Thematik von Kleists "Prinzen von Homburg" auseinander und zeige, dass individuelles Handeln in Organisationen auch dann zu Erfolg führen kann, wenn Regeln derselben missachtet werden. Um besser verstehen zu können, was Organisationen sind, gebe ich in Kapitel 2 einen pointierten Überblick über ihre Regeln und Strukturen. In Kapitel 3 ziehe ich Einblicke aus der Literatur heran, um einen Eindruck über die Wirkungsweise von hierarchischen Strukturen auf den Einzelnen zu erhalten, und um zu zeigen, dass die Forderung nach Individualität gerade in der heutigen Zeit sehr präsent ist.
In Kapitel 4 setze ich mich mit der heutigen Arbeitswelt und den Problemen, die sich für Individuen, insbesondere für Menschen des autistischen Spektrums ergeben, auseinander. Auch zeige ich in Kapitel 5, wie sich die Anforderungen aus der Arbeitswelt bereits in die Schulbildung verschieben. In Kapitel 6 gehe ich der Frage nach, welchen Typus Mensch die heutige Arbeitswelt fordert, und welche Problematiken sich aus diesem angestrebten "Idealbild" für den Einzelnen ergeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Prinz-von-Homburg-Effekt
1.1 Die Zentralthematik des Prinzen von Homburg
1.2 Forderung nach Individualität in Prinz von Homburg
1.3 Biographischer Hintergrund Kleists und Utopie-Ansatz
1.4 Erfolg und Loyalität in Organisationen
2. Organisationssoziologie
2.1 Das Wesen der Organisationen
2.2 Regeln und Strukturen von Organisationen
3. Der Boston-Legal-Effekt
3.1 Pointierter Überblick über die Anwaltsserie Boston Legal
3.2 Plädoyer für Individualität
3.3 Folgen einer ausbeuterischen Arbeitswelt: Die Verwandlung
4. Arbeitswelt, Ausbildung und Autismus
4.1 Ein pointierter Überblick über das Autismus-Spektrum
4.2 Autismus und Arbeitswelt
4.3 Autismus und Ausbildung, insbesondere die Organisation „Schule“
4.4 Inklusion und historischer Kontext
5. Anforderungsverlagerung in die Schulbildung
5.1 Einblicke in die Kerncurricula
5.2 Eine kritische Betrachtung der Bildungspolitik
6. Der moderne Übermensch
6.1 Grundlagen: Das Unternehmerische Selbst
6.2 Arbeitsanforderungen in der modernen Arbeitswelt
7. Synthese
7.1 Das Magische Viereck der Organisationssoziologie
7.2 Die überforderte Gesellschaft
7.3 Verbum ultimum
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die ökonomischen Anforderungen der Arbeitswelt in einer neoliberalen Gesellschaft die freie Persönlichkeitsentfaltung und individuelle Freiheit des Menschen einschränken und welche Rolle hierbei Organisationen und Bildungseinrichtungen spielen.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Individualität und gesellschaftlichen sowie ökonomischen Anpassungsdruck.
- Untersuchung des Prinz-von-Homburg-Effekts und des Boston-Legal-Effekts in Organisationen.
- Reflektion über die Arbeits- und Schulsituation für Menschen des autistischen Spektrums.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Bildungskonzept der Kompetenzorientierung.
- Erörterung des Leitbilds des „unternehmerischen Selbst“ und der Folgen für das Individuum.
Auszug aus dem Buch
1.4 Erfolg und Loyalität in Organisationen
Homburg missachtet die Anweisung eines Ranghöheren, dem Kurfürst, er missachtet also hierarchische Strukturen des Preußischen Staates, einer Großorganisation, und verhält sich illoyal. Doch sein Verhalten, sein vorzeitiges Eingreifen in das Schlachtgeschehen, führt letztlich zum erhofften und angestrebten Sieg. Insubordination kann also auch zu Erfolg führen, auch wenn sie mit Illoyalität einhergeht. Zwar wird der Prinz für seinen Gesetzesbruch zum Tode verurteilt, doch seine Strafe wird aufgehoben und er darf weitere Schlachten anführen. Es stellt sich daher die Frage, wie Erfolg und Loyalität in Organisationen wechselwirken, sodass ein Individuum in der Organisationshierarchie aufsteigen kann. „Das Befolgen von Befehlen, Regeln, Normen und Vorschriften – kurz: das ‚Handeln nach Vorschrift‘ – hat im wesentlichen (sic!) zwei Funktionen: 1. Es sichert das reibungslose Ineinandergreifen vorgedachter Prozeßabläufe; 2. Es ist für den Vorgesetzten das am einfachsten und sichersten kontrollierbare Kriterium für die Fügsamkeit des Untergebenen.“18 Das Achten hierarchischer Strukturen stellt also das Funktionieren eines Systems (einer Organisation) sicher.
Doch Vorschriften können Individuen auch einschränken, dergestalt, dass die Effizienz sinkt, das System also weniger produktiv ist: „Der Untergebene wird durch die Vorschriften gehindert, Initiativen zu entfalten und schöpferisch tätig zu sein, was u.U. seine Arbeitsleistung mindert [und] der Untergebene gerät u.U. in Versuchung, nur Handlungen zu begehen, die durch Vorschriften gedeckt sind, was zu Verlusten und Friktionen führen muß, da die Vorschriften nicht das gesamte Spektrum aller möglichen und nötigen Verhaltensweisen erfassen können.“19 Abweichendes Verhalten kann also zu einer höheren Produktivität und Leistungssteigerung führen, welche das Fortbestehen eines Individuums innerhalb einer Organisation sichern, doch die einhergehende Missachtung der hierarchischen Strukturen durch eben dieses abweichende Verhalten führt zu einer Aufweichung der Herrschaftsordnung in derselben.20 Dies wird von Bosetzky als „Prinz-von-Homburg-Effekt“ bezeichnet: Erfolg und Loyalität eines Individuums innerhalb einer Organisation führen nahezu garantiert zu dessen hierarchischen Aufstieg. Ein Individuum, welches sich weder loyal verhält noch erfolgreich agiert, ist für eine Organisation untragbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Prinz-von-Homburg-Effekt: Analyse von Kleists Werk hinsichtlich des Spannungsfeldes zwischen individuellem Handeln und hierarchischer Unterordnung in Organisationen.
2. Organisationssoziologie: Theoretische Einführung in das Wesen, die Regeln und Machtstrukturen von Organisationen als soziale Gebilde.
3. Der Boston-Legal-Effekt: Vergleich der Thematik aus Kleists Werk mit der Serie Boston Legal und der Darstellung von Neurodiversität in Arbeitskontexten.
4. Arbeitswelt, Ausbildung und Autismus: Erörterung der spezifischen Herausforderungen und Barrieren für Menschen mit Asperger-Syndrom in Schule und Beruf.
5. Anforderungsverlagerung in die Schulbildung: Kritik an der zunehmenden Ökonomisierung von Bildungsinhalten und dem Fokus auf kompetenzorientierte Lehrpläne.
6. Der moderne Übermensch: Beleuchtung des neoliberalen Ideals des „unternehmerischen Selbst“ und dessen belastende Auswirkungen auf das Individuum.
7. Synthese: Zusammenführende Betrachtung der Wechselwirkungen zwischen Individualität, Loyalität, Erfolg und Humanität sowie das Fazit zur Entwicklung der modernen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Individualität, Neoliberalismus, Organisationssoziologie, Prinz-von-Homburg-Effekt, Boston-Legal-Effekt, Autismus, Asperger-Syndrom, Inklusion, Kompetenzorientierung, unternehmerisches Selbst, Humankapital, Bildungskritik, soziale Hierarchien, Überforderung, Arbeitswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der Bewahrung der eigenen Individualität und den ökonomischen Anforderungen der heutigen neoliberalen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen Organisationssoziologie, Bildungspolitik, Arbeitsmarktstrukturen sowie die Lebensrealität von Menschen mit autistischem Spektrum.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie organisatorische und gesellschaftliche Vorgaben zur Selbstoptimierung die freie Entfaltung des Individuums einschränken und dieses oft in eine Anpassungsrolle zwingen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre Herangehensweise, die literarische Analyse (Kleist, Kafka), soziologische Theorien (Foucault, Bosetzky) und Fallbeispiele aus der modernen Arbeits- und Schulwelt verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert hierarchische Strukturen in Organisationen, die Herausforderungen für autistische Menschen, die kritische Entwicklung der Bildungspolitik sowie das Ideal des „unternehmerischen Selbst“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Individualität, Neoliberalismus, Kompetenzorientierung, Inklusion und das unternehmerische Selbst definieren.
Inwiefern spielt der „Prinz-von-Homburg-Effekt“ eine Rolle?
Er beschreibt die Beobachtung, dass abweichendes Verhalten in Organisationen dann toleriert oder belohnt wird, wenn es zu einem hohen Erfolg führt, das Individuum sich aber letztlich dem System unterordnet.
Warum wird Kafkas „Verwandlung“ in dieser Arbeit thematisiert?
Kafkas Werk dient als Metapher für die Entmenschlichung und die Überforderung des Individuums, das in einer leistungsorientierten Arbeitswelt den Anforderungen nicht mehr gerecht werden kann.
- Arbeit zitieren
- Joshua Beck (Autor:in), 2017, Das Individuum zwischen Ideal und Wirklichkeit. Das Problem der Bewahrung der Individualität angesichts der ökonomischen Anforderungen in der neoliberalen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/378254