Das Hauptgebäude repräsentiert seit seiner Übergabe an die Stadt Hamburg durch Edmund Siemers im Jahr 1911 die Universität Hamburg wie kein anderes Gebäude. Im Rahmen des Seminars „Campus-Kultur. Das Hauptgebäude der Universität Hamburg als ethnographisches Feld“ habe ich mir die Frage gestellt, wie dieses altehrwürdig und museal anmutende Objekt von den täglich in ihm agierenden Akteuren tatsächlich bespielt und genutzt wird. Dabei konzentriere ich mich auf die Zeiten zwischen den Vorlesungen, die im Hauptgebäude stattfinden.
Wie verhalten sich die Studierenden in diesem speziellen Raum in der halben Stunde zwischen den Lehrveranstaltungen? Wer nutzt das Gebäude sonst noch zu dieser Zeit? Verändern sich Aussehen und Akustik des Gebäudes im Vergleich zu den Vorlesungszeiten?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Zwischenzeiten
3. Nicht-Ort, Ort oder Raum?
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Hauptgebäude der Universität Hamburg als ethnographisches Feld, wobei der Fokus insbesondere auf der alltäglichen Nutzung und Aneignung des Raumes durch Akteure während der Pausenzeiten zwischen Lehrveranstaltungen liegt.
- Ethnographische Feldforschung mittels teilnehmender Beobachtung
- Analyse der Raumnutzung und auditiven Wahrnehmung
- Theoretische Einordnung nach de Certeau (Raum vs. Ort)
- Auseinandersetzung mit dem Konzept des Nicht-Orts nach Augé
- Untersuchung der Campus-Kultur und subjektiver Raumbildung
Auszug aus dem Buch
Die Zwischenzeiten
An einem Montag um 11:40 Uhr, fünf Minuten vor Ende eines Vorlesungsblocks, dominiert die Stimme einer Dozentin aus dem Ernst-Cassirer-Hörsaal, dessen Türen offen stehen, noch einen Großteil der Akustik des Hauptgebäudes. Konkurrenz bekommt sie nur von einem Mann, der im Untergeschoss Wasserkisten mit Glasflaschen ablädt. Im ersten Obergeschoss hören sich Schritte und Husten der Menschen, die die Treppe heraufsteigen, nach mindestens zehn Personen an. Auf dem oberen Treppenabsatz tauchen dann allerdings nur drei Mädchen auf, die sich leise unterhalten. Die wartenden Studierenden nutzen vieles als Sitzfläche, wie zum Beispiel den Tresen der Garderobe im Untergeschoss oder die Treppe bzw. die Treppengeländer, die wenigsten jedoch die Vorrichtungen, die von den Architekten wohl als solche gedacht waren. Um 11:48 dann übertönen die sich im Kommen und Gehen befindenden Studierenden die noch immer sprechende Dozentin aus dem ersten Obergeschoss. Mein Eindruck ist, dass vor allem die jünger und unerfahrener wirkenden Studierenden sich langsamer bewegen und leiser sprechen; drei Mädchen mit einem Plan des Universitätsgeländes in der Hand beispielsweise schauen sich immer wieder um und blicken häufig zur Decke. Die älter wirkenden Studierenden hingegen scheinen sich lockerer zu bewegen, lehnen an Treppengeländer und Säulen und sprechen auch wesentlich lauter, vor allem Männer lachen oftmals laut auf. Ältere Studierende (die meisten über 50, wie ich vermute) gehen langsam und gesetzt, auffällig viele schauen sich um.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die forschungsleitende Fragestellung zur Nutzung des Hauptgebäudes der Universität Hamburg und stellt das methodische Vorgehen mittels autoethnographischer Beobachtung vor.
2. Die Zwischenzeiten: Dieses Kapitel dokumentiert die detaillierten Beobachtungen der Autorin während der Pausenphasen und analysiert die dabei auftretenden sozialen Dynamiken, Geräusche und Raumnutzungspraktiken.
3. Nicht-Ort, Ort oder Raum?: Auf Basis der Beobachtungen wird diskutiert, ob das Hauptgebäude als Transitraum im Sinne eines Nicht-Orts oder als gelebter Raum gemäß de Certeau begriffen werden kann.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass das Gebäude durch die Handlungen vielfältiger Akteure zu einer Vielzahl subjektiver Räume konstruiert wird.
Schlüsselwörter
Campus-Kultur, Universität Hamburg, Hauptgebäude, Ethnographie, teilnehmende Beobachtung, Autoethnographie, Raum, Ort, Nicht-Ort, Aneignung, Studierende, auditive Wahrnehmung, Raumsoziologie, Alltagspraktiken, Transitraum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der ethnographischen Untersuchung des Hauptgebäudes der Universität Hamburg und analysiert, wie dieses architektonische Objekt von den Nutzern im Alltag, insbesondere in den Pausenzeiten, bespielt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Campus-Kultur, die auditive und visuelle Wahrnehmung architektonischer Räume sowie die soziologische Unterscheidung zwischen Ort, Raum und dem Konzept des Nicht-Orts.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie Akteure durch ihr Handeln und ihre Bewegungen im Hauptgebäude den Raum definieren und ob sich dieses als starrer Ort oder als dynamischer Raum interpretieren lässt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine eigene, autoethnographisch angelegte teilnehmende Beobachtung, bei der sie auch ihre eigenen Sinne als Teil ihres methodischen Instrumentariums einsetzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte deskriptive Phase der Beobachtung während der Pausenzeiten sowie eine theoretische Reflexion, in der die Beobachtungen mit Konzepten von Marc Augé und Michel de Certeau verknüpft werden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Raumaneignung, ethnographische Feldforschung, soziale Interaktion in akademischen Gebäuden und die subjektive Konstruktion von Raum geprägt.
Wie verändert sich die akustische Wahrnehmung im Tagesverlauf?
Die Arbeit beschreibt, wie die Akustik – vom dominierenden Ton einer Dozentin bis hin zum anschwellenden Lärmstrom zwischen den Vorlesungen – maßgeblich dazu beiträgt, wie der Raum wahrgenommen und genutzt wird.
Wie beurteilt die Autorin das Konzept des "Nicht-Orts" für das Hauptgebäude?
Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass das Hauptgebäude kein klassischer "Nicht-Ort" nach Augé ist, da die individuellen Akteure durch ihre diversen Handlungen das Gebäude in jedem Moment zu einem subjektiven Raum transformieren.
- Quote paper
- Katharina Wilhelm (Author), 2014, In der Zwischenzeit. Das Hauptgebäude der Universität Hamburg als genutzter Ort und Raum, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/375796