Einleitung
"Von Innerer Pressefreiheit kann in Deutschland nicht die Rede sein. Nur jeder vierte Journalist/jede vierte Journalistin in den Printmedien sieht sich völlig frei von Einflussnahmen des Verlegers, Herausgebers oder des Verlagsmanagements." Mit diesen Worten leitete die IG-Medien-Zeitschrift „Menschen machen Medien“ im Mai 1994 ihren Aufmacher ein. Bezogen wurde diese Aussage auf eine Umfrage der IG-Medien-Fachgruppe Journalismus. „Das Problem [...] (der Gefährdung der journalistischen Unabhängigkeit durch den wirtschaftlichen Träger) im Sinne einer Regelung des Verhältnisses [...] (zwischen Verleger und Redakteur) ist ein Phänomen, das sich durch die gesamte bundesdeutsche Pressegeschichte zieht“, kommentiert der Medienwissenschaftler Bernhard Fritsch dieses Zitat. Für die vorliegende Arbeit wurde der Anspruch erhoben, zu untersuchen, welche Aktivitäten im Fall „Schnittstelle Verlag – Redaktion“ vorliegen, Einfluss auf die journalistische Unabhängigkeit zu nehmen.
Das Dispositiv innere Pressefreiheit bezieht sich im Folgenden an der generell geltenden Auslegung des Begriffs von innerer Pressefreiheit als Charakteristikum der Kompetenzen zwischen Verlag und Redaktion. „Bei der inneren Pressefreiheit geht es um die rechtliche Sicherung bestimmter Strukturprinzipien im Verhältnis zwischen Verleger und [...] den[...] redaktionellen Mitarbeitern eines Presseunternehmens“, deklariert das Fischer Lexikon. Dabei seien die „Abgrenzungen publizistischer Kompetenzen sowie [...] wirtschaftlicher Maßnahmen zu unterscheiden“.
Die Presse der Bundesrepublik Deutschland steht am 21. November 1949 vor der „Stunde Null“. Damals manifestierte die Hochkommission der alliierten Besatzungsmächte einen gesetzlichen Erlass, wodurch nach dem Zweiten Weltkrieg die Produktion und der Vertrieb von Printprodukten legitimiert. Erstmals in der deutschen Geschichte konnte dadurch eine unabhängige Presse ohne die Hegemonie des Staats aufkeimen. Das Betriebsverfassungsgesetz vom 15. Januar 1952 definiert „privatwirtschaftlich organisierte Presse- und Rundfunkunternehmen als Tendenzbetriebe5“ wodurch die publizistische Unabhängigkeit von Unternehmen geschützt werden soll. Das heißt, „der Verlag entscheidet über die Tendenz des Blattes [...] (und) hat freie Hand in wirtschaftlichen Fragen und bei Personalentscheidungen, die Redakteure betreffen“...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Begriffsklärung
1.2 Geschichtsüberblick der inneren Pressefreiheit
1.3 Gesetzliche Regelung
2. Akteure der Auseinandersetzung zwischen Redaktion und Verlag
2.1 Redaktion
2.2 Verlag
3. Wahrnehmbare Gefährdungen
3.1 Der Fall „Axel Springer“
3.2 Wahrnehmbare Gefährdungen
4. Abwehrmechanismen
5. Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Spannungsfelder zwischen journalistischer Unabhängigkeit und wirtschaftlichen Interessen von Medienunternehmen. Ziel ist es zu analysieren, wie die Schnittstelle zwischen Verlag und Redaktion durch ökonomische Zwänge und Einflussnahmen gefährdet wird und welche Mechanismen der Abwehr existieren.
- Konzeptualisierung der inneren Pressefreiheit und deren historische Entwicklung
- Die unterschiedlichen Rollen und Interessen von Redaktion und Verlag
- Analyse konkreter Fallbeispiele für Gefährdungen der Unabhängigkeit
- Diskussion über Schleichwerbung und Medienkooperationen
- Strategien zur Sicherung journalistischer Unabhängigkeit (Abwehrmechanismen)
Auszug aus dem Buch
3. Wahrnehmbare Gefährdungen
Branahl misst der Unabhängigkeit der Medien ein erhebliches Problem bei: „Die Redaktion ist abhängig vom Funktionieren einer größeren Organisation, in die sie eingebunden ist.“ Der Verlag ist interessiert, (kurzfristige) ökonomische Nachteile (Inserate- oder Druckauftragsboykotte) zu verhindern und versucht, soziale Unannehmlichkeiten zu verhindern. Daraus resultiert die Einflussnahme der Unternehmen in den Journalismus. Diese Willenslenkungen können problematisch vor allem dann werden, wenn redaktionelle Berichterstattung und Werbung vermischt werden und das Publikum über tatsächliche Verhältnisse hinweg getäuscht werden.
Wie gewissenlos Redaktionsstatute umgangen werden können, zeigt folgender Fall: Die Leitlinien des Hauses sehen vor, dass „Journalisten bei Axel Springer [...] gemeinsam mit dem Verlag sicher (stellen), dass eine Trennung von Anzeigen und Redaktion gewahrt wird[...] (und halten daran fest), sich inhaltlichen Einflussversuchen von Anzeigenkunden oder interessierter Seite (zu entziehen) [...]“ Dazu sind „Merchandising Aktionen und Medienpartnerschaften [...] als solche zu kennzeichnen“. Demnach hätte nachstehender redaktioneller Beitrag, der 2004 beim Hamburger Abendblatt, das jener Verlagsgruppe untersteht, eindeutiger markiert werden müssen oder nicht erscheinen dürfen: „Sparen für den Ruhestand. Vierteilige Abendblatt-Serie mit der Volksfürsorge [...]“ Gegenüber einem Leser, der sich daraufhin bei der Zeitung beschwert, leugnet der Axel-Springer-Verlag sogar, dass es journalistischer Usus sei, sich in einem redaktionellen Beitrag nicht nur auf eine Quelle zu berufen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert den Begriff der inneren Pressefreiheit und beleuchtet die historische Entwicklung sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland.
2. Akteure der Auseinandersetzung zwischen Redaktion und Verlag: Analysiert die Rollenbilder von Redaktion und Verlag und stellt die potenziellen Interessenkonflikte in Medienunternehmen dar.
3. Wahrnehmbare Gefährdungen: Untersucht anhand konkreter Beispiele wie dem Fall „Axel Springer“, der RTL-Journalistenschule und der Münchner Abendzeitung, wie journalistische Unabhängigkeit durch wirtschaftliche Einflüsse gefährdet wird.
4. Abwehrmechanismen: Erläutert Möglichkeiten und Strategien für Journalisten, um ihre Unabhängigkeit gegenüber dem Verlagswesen zu wahren, wie z.B. Selbstregulierung und Redaktionsstatute.
5. Ausblick: Reflektiert über die zukünftige Entwicklung des Journalismus im Spannungsfeld zwischen ökonomischem Druck und publizistischer Glaubwürdigkeit.
Schlüsselwörter
Innere Pressefreiheit, Redaktion, Verlag, Medienwirtschaft, Journalismus, Unabhängigkeit, Schleichwerbung, Medienpartnerschaft, Pressekodex, Tendenzbetrieb, Selbstregulierung, Qualitätsjournalismus, Wirtschaftlicher Träger, Interessenkonflikt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Gefährdung der journalistischen Unabhängigkeit durch wirtschaftliche Einflussnahme seitens des Verlagshauses.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Kompetenzabgrenzung zwischen Redaktion und Verlag, rechtliche Rahmenbedingungen sowie das Problem der Vermischung von redaktionellen Inhalten und werblichen Interessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse von Aktivitäten an der Schnittstelle Verlag/Redaktion, die die redaktionelle Freiheit einschränken könnten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse, kombiniert mit der Untersuchung dokumentierter Fallbeispiele der Medienbranche.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Rollenverteilung der Akteure, die Darstellung konkreter Gefährdungsszenarien (z.B. Springer, RTL) und die Erörterung möglicher Abwehrmechanismen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Innere Pressefreiheit“, „Redaktion“, „Medienwirtschaft“ und „Qualitätsjournalismus“ bestimmt.
Warum wird der Fall „Axel Springer“ als Beispiel angeführt?
Der Fall dient als Beispiel dafür, wie trotz bestehender redaktioneller Leitlinien die Trennung zwischen Anzeige und redaktionellem Beitrag in der Praxis umgangen oder infrage gestellt werden kann.
Welche Rolle spielt das Betriebsverfassungsgesetz für den Journalismus?
Es definiert Medienunternehmen als Tendenzbetriebe, was dem Verleger die Entscheidungshoheit über die publizistische Ausrichtung und wirtschaftliche Belange gibt, aber gleichzeitig das Spannungsfeld zur redaktionellen Freiheit begründet.
- Arbeit zitieren
- Toralf Brakutt (Autor:in), 2005, Innere Pressefreiheit - Schnittstelle Verlag und Redaktion, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/37544