Die vorliegende Arbeit wird sich im Kern mit den sog. „orphischen“ Goldplättchen befassen. Dabei wirft schon der Name einiges an Problemen auf, da bis heute noch nicht einhellig entschieden scheint, was überhaupt „orphisch“ ist.
Um sich also nicht zu sehr in vagen Vermutungen zu bewegen, soll hier darauf verzichtet werden, ein vollständiges Bild der orphischen Überlieferung zu skizzieren. Stattdessen wird in einem ersten Schritt der systematische Aufbau einiger ausgewählter Goldplättchen forciert, um in einem nächsten Schritt daran herauszuarbeiten, was eben diese Plättchen aussagen oder in Aussicht stellen und wie sie im Kontext des griechischen Standards zu bewerten sind. Hierbei sei bereits angemerkt, dass im Rahmen der Arbeit der Schwerpunkt auf einer Betrachtung der sog. B-Plättchen liegt und somit lediglich ein mögliches Bild rekonstruiert werden kann; dadurch soll jedoch nicht der Eindruck vermittelt werden, bei der „Orphik“ handle es sich um ein monolithisches Gebilde, das keine Variation kenne. Wie schon die heterogene Vielfalt an Goldplättchen zeigt, scheint dies ein Trugschluss zu sein, den es auszuräumen gilt. Daher sei noch einmal betont, dass diese Arbeit lediglich ein mögliches Bild ihres Kontexts erarbeiten kann und im konkreten Fall geschieht dies hier aufgrund der Basis der B-Plättchen. Grundsätzliche Aufgabe der vorliegenden Arbeit soll sein, die wenigen Teile des Puzzles zusammenzutragen, um ein Bild der Goldplättchen und ihres Kontextes darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
II.1. Was ist „orphisch“ an den Goldplättchen?
II.2. Systematischer Aufbau der Goldplättchen
II.3. Der Versuch einer „orphischen“ Eschatologie
II.4. Die „Orphiká“
II.4.1. Wer sind die „Orphiká“?
II.4.2. Die Abgrenzung der „Orphiká“
III. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die sog. „orphischen“ Goldplättchen, um ein systematisches Bild dieser sepulkralen Beigaben und ihres Kontextes innerhalb der griechischen Religion zu rekonstruieren. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich dabei mit der Frage, inwiefern diese Plättchen eine gegenkulturelle Bewegung innerhalb der griechischen Kultreligion darstellen oder als spezialisierte religiöse Praxis zu verstehen sind.
- Systematischer Aufbau und Eschatologie der B-Goldplättchen
- Die Rolle von Mäßigung und Wissen in orphischen Initiationsriten
- Soziale und religiöse Abgrenzung der „Orphiká“ vom Mainstream
- Bedeutung der Selbstidentifikationsformeln für das Jenseits
- Das Spannungsfeld zwischen Magie und offizieller Religion
Auszug aus dem Buch
II.1. Was ist „orphisch“ an den Goldplättchen?
Im Folgenden wird stets von „orphischen“ Goldplättchen die Rede sein. In diesem ersten Teilabschnitt soll nun geklärt werden, warum die Plättchen so heißen und ob diese Bezeichnung tatsächlich treffend ist.
Eingangs muss hier darauf hingewiesen werden, dass die Bezeichnung „orphisch“ für die Goldplättchen kein zeitgenössischer Begriff der Griechen war, sondern erst in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung nach deren Entdeckung so genannt wurden. Jedoch gab es bereits bei den antiken Autoren Platon und Herodot eine feste Vorstellung über das, was „Orphik“ bzw. eine „orphische“ Lebensweise ist. So findet sich bei Platon der Hinweis auf eine anscheinend vegetarische Lebensführung, während Herodot die Orphik aufgrund von Ähnlichkeiten im Bestattungsritual in den Kreis der antiken ägyptischen Religion schob. Allerdings finden sich bei den antiken Autoren keine Hinweise auf die Goldplättchen.
Seit der Entdeckung der ersten Goldplättchen im Jahre 1879 gaben sie immer wieder Anstoß zu Diskussion über deren Inhalt und über deren Einbettung in die griechische Religion. Dabei wurde anfangs davon ausgegangen, dass der, den Goldplättchen zugrundeliegende, Glaube einheitlich, ja sogar dogmatisch, wäre. Dabei war nicht das Problem, dass lediglich von einer einheitlichen Grundlage ausgegangen wurde, sondern vielmehr, dass ein einziger ganz bestimmter Hintergrund angenommen wurde, den man aus den Plättchen zu rekonstruieren versuchte. Der daraus erfolgte Trugschluss liegt auf der Hand: „Orphic gold tablets must come from some Orphic context, must have been produced by some group of Orphics, or must exhibit characteristics of Orphism.” Damit hinterließ die Forschung allen Interpreten der Goldplättchen ein schweres Erbe, denn durch diesen Schluss stellte man die Goldplättchen in Zusammenhang mit einem der umstrittensten Begriffe der griechischen Religion: Orphik.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der „orphischen“ Goldplättchen ein und legt dar, dass eine vollständige Rekonstruktion der orphischen Überlieferung aufgrund der lückenhaften Quellenlage kaum möglich ist.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die Systematik der Goldplättchen, insbesondere der B-Plättchen, und untersucht die darin verborgene Eschatologie sowie das soziale Phänomen der „Orphiká“.
II.1. Was ist „orphisch“ an den Goldplättchen?: Dieses Kapitel beleuchtet die problematische Begriffsfindung und die wissenschaftliche Forschungsgeschichte hinter dem Terminus „orphisch“.
II.2. Systematischer Aufbau der Goldplättchen: Hier wird der typische Ablauf einer Seelenreise innerhalb der Plättchen beschrieben, der die Konfrontation mit Wächtern und die Suche nach dem „See der Mnemosyne“ thematisiert.
II.3. Der Versuch einer „orphischen“ Eschatologie: Dieses Kapitel arbeitet das Drei-Seelen-Postulat heraus und interpretiert die Bedeutung von Jenseitsvorstellungen und der göttlichen Abstammung der Seele.
II.4. Die „Orphiká“: Hier wird der Versuch unternommen, die Trägergruppe der Goldplättchen und deren Stellung in der griechischen Gesellschaft zu definieren.
II.4.1. Wer sind die „Orphiká“?: Dieses Kapitel setzt sich kritisch mit Platons Beschreibung der Bettelpriester und Wahrsager sowie der Rolle des „magos“ auseinander.
II.4.2. Die Abgrenzung der „Orphiká“: Dieses Kapitel analysiert, wie die „Orphiká“ durch abweichende Mythen, eine kritische Anthropologie und eine eigene Lebensweise eine Distanz zur Polis-Struktur aufbauten.
III. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass die Goldplättchen nicht primär als gegenkulturelle Bewegung, sondern als Ergänzung und „chemin de déviance“ innerhalb der griechischen Kultreligion zu verstehen sind.
Schlüsselwörter
Goldplättchen, Orphik, griechische Religion, Eschatologie, Seelenwanderung, Mnemosyne, Totenkult, Initiaten, Bettelpriester, Mageia, Derveni-Papyrus, Apotheose, Identifikationsformel, Kultreligion, Polis-Struktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den sog. „orphischen“ Goldplättchen, einer Gruppe von antiken Grabbeigaben, die Einblicke in Jenseitsvorstellungen und die orphische Mysterienpraxis geben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Systematik der Goldplättchen, die Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen), das Verhältnis zwischen Magie und Religion sowie die soziale Verortung der orphischen Anhänger.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, die wenigen vorhandenen Teile des Puzzles der Goldplättchen zusammenzutragen, um ein Bild ihres Kontextes zu rekonstruieren und ihre Funktion als Gedächtnisstützen für Verstorbene zu klären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine etische Betrachtungsweise, da eine emische Sicht aufgrund der lückenhaften Quellenlage unmöglich ist. Es werden antike Quellen (Platon, Herodot, Pindar) und moderne wissenschaftliche Editionen (Graf/Johnston) kritisch miteinander in Bezug gesetzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Aufbau der B-Plättchen, die Differenzierung der Seelen, die Rolle der orphischen Schriften und die kritische Abgrenzung der „Orphiká“ von der gesellschaftlichen Norm der Polis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die „orphische“ Goldplättchen, Seelenwanderung, die Selbstidentifikationsformel der Seele, die „Orphiká“ als Kultgruppe und der Begriff der „mageia“.
Warum wird die „Orphik“ von Platon oft kritisch betrachtet?
Platon kritisiert in seinen Schriften „Bettelpriester und Wahrsager“, die mit orphischen Büchern und Sühneritualen gegen Entgelt operierten und damit aus Sicht der etablierten Ordnung als suspekt oder „magisch“ eingestuft wurden.
Inwiefern unterscheiden sich die Goldplättchen von einem herkömmlichen Grabstein?
Während ein Grabstein eine öffentliche Identifikation ermöglicht, fungieren die Goldplättchen als privater, in das Grab mitgegebener Akt der Selbstidentifikation, der dem Verstorbenen als „Gedächtnisstütze“ für die Reise in das Jenseits dient.
Was ist das „Drei-Seelen-Postulat“ im Kontext der Goldplättchen?
Dieses Postulat, das u.a. von Sarah Iles Johnston vertreten wird, beschreibt die Trennung von Seelen nach dem Tod (gut/böse) und die weitere Differenzierung der „guten“ Seelen, die durch Wissen über ihre himmlische Herkunft erlangt wird.
- Quote paper
- Thomas Kaffka (Author), 2010, Die orphischen Goldplättchen. Die "Orphik" in der griechischen Religion, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/375141