Das Theater gehört ohne Zweifel zu den größten Errungenschaften der griechischen Kultur. Im antiken Athen fanden die entscheidenden Prozesse zur Entwicklung dieser neuen Kunstform statt. Athen war in der klassischen Zeit eine fortschrittliche Polis in der sich auch eine neue Staatsform entwickelte: die Demokratie. Neben modernen, rationalen Entwicklungen war die Bevölkerung und ihr Alltag aber auch durchdrungen von Ritualen und Mythen. Viele Historiker*innen sind der Meinung, dass dieses Zusammenspiel von Politik und Kult, von Fortschritt und Tradition, den Nährboden für die Entwicklung des Theaters bot.
Des weiteren wird das Theater nicht nur als Produkt der Demokratie angesehen, sondern als deren aktives Instrument. Unter der Annahme der Isonomia, der politischen Gleichheit aller Vollbürger der Polis, der Isegoria, des Rechts aller auf Meinungsäußerung und der Parrhesia, des Rechts über alles sprechen zu dürfen, wurden Tragödie und Komödie von vielen Historiker*innen zur politischen Waffe der Bürger stilisiert. In der Vorstellung vieler Forscher*innen regte die Tragödie mit ernsten Themen ihre Zuschauer zum Nachdenken an, lenkte den Blick auf wichtige politische Probleme und war mehr oder weniger das Gewissen der Polis. Die Komödie diente als tagesaktueller Pranger, an dem die Handlungen der Politiker und anderer prominenter Bürger „unmittelbaren Widerhall“ fanden. Was in den meisten Fällen hieß, dass auf ihre Kosten derbe Späße gemacht wurden und sie somit öffentlich kritisiert wurden.
Das Theater dient in dieser Idealvorstellung nicht nur als Unterhaltungsform, sondern als demokratisch legitimiertes, politisches Instrument des Demos. Dieses Instrument wird gegebenenfalls zur Abstrafung des Fehlverhaltens von Politikern genutzt, um über wichtige gesellschaftliche Vorgänge zu informieren und kritische Fragen zu aktuellen Entwicklungen zu stellen. Es wird von einer „grenzenlosen, politischen, bürgerlichen Freiheit“ ausgegangen, außerdem von der Annahme, dass das antike Theater von Bürgern für Bürger gemacht ist und somit keinerlei Kontrolle von außen unterliegt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Forschungsstand und -konsens
2. Grundelemente des antiken griechischen Theaters: Tragödie und Komödie
3. Organisation und Ablauf der Städtischen Dionysien
3.1 Rolle des Archon
3.2 Die Choregen
3.3 Der Proagon
3.4 Erster Tag: Prozession und Dithyramben-Agon
3.5 Zweiter Tag: Der Komödien-Agon
3.6 Dritter bis fünfter Tag: Der Tragödien-Agon
3.7 Das Publikum
4. Analyse: Tragödie und Komödie
4.1 Analyse: Tragödie
4.2 Analyse: Komödie
5. Analyse: Organisation und Ablauf der Städtischen Dionysien
5.1 Analyse: Rolle des Archon
5.2 Analyse: Einfluss der Choregen
5.3 Analyse: Proagon
5.4 Analyse des ersten Tages: Prozession, Dithyramben-Agon und Preisrichter
5.5 Analyse des zweiten Tages: Komödien-Agon und das System Agon
5.6 Analyse des dritten bis fünften Tages: Der Tragödien-Agon
5.7 Analyse: Rolle des Publikums
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Organisation und den Ablauf der Städtischen Dionysien im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. mit dem Ziel nachzuweisen, dass das antike Theater keineswegs eine rein demokratische Institution war, sondern durch aristokratische Strukturen sowie politische Einflussnahme und Kontrolle der Elite geprägt wurde.
- Politische Funktion und Instrumentalisierung des Theaters durch die attische Elite
- Die Rolle der Organisation (Archon, Choregen) im Festablauf
- Analyse der verschiedenen Agone (Tragödie, Komödie, Dithyramben)
- Wechselspiel zwischen Kult, Unterhaltung und gesellschaftlicher Indoktrination
- Kritische Untersuchung der demokratischen Fassade im Kontext des antiken Polis-Theaters
Auszug aus dem Buch
3. Organisation und Ablauf der Städtischen Dionysien
Die Städtischen Dionysien waren panhellenisch und stellten das größte und wichtigste Fest dar, obwohl es verhältnismäßig jung war. In Abgrenzung zu den Ländlichen Dionysien wurden sie Städtische Dionysien, aufgrund der schnell wachsenden Bedeutung bald auch Große Dionysien genannt. Die Sonderstellung dieser Dionysien rührte nicht nur vom großen Umfang der Veranstaltung und den Aufführungen, sondern daher, dass es von Menschen aus ganz Hellas besucht wurde. Die Städtischen Dionysien zogen sich normalerweise über fünf Tage hin, vom 9. - 13. Tag des Monats Elaphebolion. Dies entspricht nach unserem gregorianischen Kalender etwa Ende März/Anfang April.
Wie bereits erwähnt, erfolgte der entscheidende Impuls für die Blüte des Dionysoskultes durch Peisistratos. Durch dessen „gezielte Kulturpolitik“ und Förderung begann sich das Fest von den vielen anderen abzuheben. Bis zu diesem Zeitpunkt, der Einführung der „dramatic performances“, waren die Städtischen „identical with those of the Attic countryside“, also den Ländlichen Dionysien. Sämtliche Tragödien und fast alle Komödien des 5. Jahrhunderts wurden bei den Städtischen Dionysien uraufgeführt. Durch den Fokus der Lenäen, einem weiteren Dionysosfest, auf die Komödie wurden auch hier Komödien uraufgeführt. Anzumerken ist hierbei, dass die Uraufführung keine Premiere im heutigen Sinn war, sondern für die allermeisten der Stücke auch die einzige Aufführung blieb. Die Entstehung eines Dramas, die Mitwirkenden, die Organisation und der Ablauf der Dionysien wird im Folgenden dargelegt um Einblick in die Theaterwelt der Antike zu gewähren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Forschungsstand und -konsens: Der Forschungsüberblick zeigt den Paradigmenwechsel von der literarischen Betrachtung hin zur Untersuchung des Theaters als Medium der politischen Bildung und sozialen Einflussnahme.
2. Grundelemente des antiken griechischen Theaters: Tragödie und Komödie: Dieses Kapitel skizziert die kulturellen Ursprünge des Theaters aus rituellen Wurzeln sowie die Entwicklung der dramatischen Formen und Wettbewerbe unter staatlicher Förderung.
3. Organisation und Ablauf der Städtischen Dionysien: Hier wird der organisatorische Rahmen von der Auswahl durch den Archon bis hin zur Durchführung der einzelnen Festtage detailliert beschrieben.
4. Analyse: Tragödie und Komödie: Eine inhaltliche Analyse prüft, inwiefern die Stücke tatsächlich als politisches Werkzeug dienten und welche Rolle der 'irreale Deckmantel' des Mythos dabei spielte.
5. Analyse: Organisation und Ablauf der Städtischen Dionysien: Die Analyse hinterfragt kritisch die Rolle der politischen Elite, etwa bei der Finanzierung durch Choregen und der Auswahl der Stücke, um aristokratische Elemente aufzudecken.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass das Theater eine zentrale Funktion in der Machtdemonstration der Polis innehatte und stark durch die aristokratische Elite kontrolliert wurde.
Schlüsselwörter
Städtische Dionysien, Athen, 5. Jahrhundert v. Chr., Griechisches Theater, Tragödie, Komödie, Aristokratie, Polis, Politische Instrumentalisierung, Agon, Archon, Choregen, Dithyramben, Demokratietheorie, Machtdemonstration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die antiken Städtischen Dionysien in Athen und hinterfragt die These, dass das Theater primär eine demokratische Institution war, indem sie aristokratische Strukturen und Kontrollmechanismen aufzeigt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Organisation der Festspiele, die politische Instrumentalisierung von Tragödien und Komödien sowie die Rolle der Elite (Archonten und Choregen) im festlichen Ablauf.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es nachzuweisen, dass das antike Theater im 5. Jahrhundert v. Chr. nicht unabhängig war, sondern als Instrument der Machtpolitik diente, welches die Position der bestehenden Elite zementierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenbasierte Analyse der historischen Organisation des Festes sowie eine kritische Untersuchung literaturwissenschaftlicher und politikwissenschaftlicher Ansätze zum antiken Theater.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine deskriptive Darstellung des organisatorischen Ablaufs und eine anschließende analytische Reflexion, in der die theoretische These anhand der historischen Fakten geprüft wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind: Städtische Dionysien, Politische Instrumentalisierung, Aristokratische Elemente, Polis-Struktur, Agon und Athener Demokratie.
Welche Rolle spielten die Choregen bei den Dionysien?
Choregen waren reiche Bürger, die die Aufführungen finanzierten. Die Arbeit zeigt auf, dass dieses Amt weniger eine Last als vielmehr ein Mittel zur Steigerung des eigenen Prestiges und politischen Einflusses war.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle des Publikums?
Das Publikum wird als durchaus kritisch, aber auch durch Umstände wie Massenbewirtung und Indoktrination beeinflussbar beschrieben, wobei die aktive Teilnahme an den Agonen eher einem kleinen Personenkreis vorbehalten blieb.
- Arbeit zitieren
- Silvan Wilsch (Autor:in), 2017, Aristokratische Elemente in Organisation und Ablauf der Theateragone im Rahmen der Städtischen Dionysien im Athen des 5. Jahrhunderts vor Christus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/374961